AQUAKULTRE – 1783


Foto-© Mo Phùng

These prison sentances
Left me with visible scars

Not physically
But mentally
Missing a point…

(Aquakultre – Make That Change)

Irgendwie wundert man sich ja nicht, dass eine politisch so ambitionierte, historisch informierte und zugleich versöhnungsbereite Platte wie 1783 von Aquakultre nicht aus den USA kommt, sondern aus Kanada. Ist das Land mit der Ahornblatt-Flagge nicht ohnehin längst der bessere Teil Nordamerikas? Man muss ja nur auf die Qualität seiner demokratischen Kultur und seines Führungspersonals im Vergleich zum aggressiven Nachbarn USA schauen, ich sage nur: Mark Carney versus Donald Trump. Noch Fragen?

Wer Kanada glorifiziert, könnte indes glatt übersehen, dass auch das Riesenland im hohen Norden des amerikanischen Kontinents seine Unterdrückungsgeschichte hat. Dazu gibt es inzwischen erschütternde Studien und Dokumentationen – und Künstler, die den Finger in die Wunde rassistischer, menschenfeindlicher Verfehlungen und ihrer Folgen legen. Wie eben der Sänger und Rapper Lance Sampson, der als Aquakultre seit Jahren tolle Musik macht und nun, mit dem dritten Album 1783, auf dem Gipfelpunkt seines auch politisch relevanten Songwritings angekommen ist. Denn dies ist nicht nur ein über 17 Tracks hochgradig faszinierendes Konzeptalbum mit einer superben Mixtur aus Soul, Jazz, Folk, Blues, Funk und HipHop, sondern zudem eine äußerst spannende kanadische Black-History-Erzählung mit teils persönlichen Hintergründen.

So geht das im Shuffle-Rhythmus eines Häftlingsmarsches daherscheppernde Blues-Gospel-Stück Gallows auf das Schicksal eines Vorfahren von Lance Sampson zurück: „Mein Ururgroßvater Daniel Perry Sampson wurde zu Unrecht wegen Mordes verurteilt und 1935 hingerichtet. Seine Geschichte wurde mir von meiner Großmutter Carolyn Sampson erzählt, die immer erkannte, dass etwas faul war, etwas nicht stimmte mit dem, was ihrem Großvater widerfahren war“, sagt der Musiker aus Halifax/Nova Scotia. „Ich habe 90 Jahre später mit dieser Recherche begonnen – und sie hatte Recht, sein Fall war ein Justizirrtum. Das Lied ist aus seiner Perspektive geschrieben, in seinen letzten Momenten vor seiner Hinrichtung am Gerichtsgebäude in Halifax.“

Und natürlich ist auch der Albumtitel nicht zufällig gewählt. „Als 1783 der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg zu Ende ging, verließen 3000 Menschen afrikanischer Herkunft New York und segelten nach Nova Scotia, wo ihnen Land und Freiheit versprochen worden waren, und begründeten damit eine einzigartige Kultur in dieser Provinz“, schreibt Lance Sampson alias Aquakultre auf seiner Bandcamp-Seite. Das tief in diese Geschichte einsteigende Album würdige also „einen einzigartig widerstandsfähigen Teil der schwarzen Diaspora, der als Leuchtfeuer für eine bessere Zukunft fungiert“. All das ist schon berührend genug – die elf Songs und sechs Interludes sind es in ihrer musikalischen Qualität nicht weniger.

Schon der Opener What Are You Sayin‚ bläst einen mit seinem samtig-jazzigen Motown-Sound in der Tradition eines Marvin Gaye, Stevie Wonder oder Al Green regelrecht um. Holy, Black Doll und I’ll Be Damned sind ähnlich intensive, aus der schwarzen Musik Amerikas süßesten Honig saugende R&B-Crooner-Balladen, die Sampson als einen der besten, komplettesten Soul-Sänger seit der großen Zeit von Prince präsentieren. Aber es geht auch diverse Male rauer zu, etwa in dem mit Slide-Gitarre folkbluesig aufgeladenen Song Matriarchs, in dessen Gospel-Finale die Sängerin Linda Carvery auftrumpft wie eine kanadische Mavis Staples. Und in Make That Change, einem Lied über den Kreislauf der Gewalt innerhalb seiner Community, erweist sich Sampson auch noch als formidabler Rapper.

Die zwischen den Songs plazierten Interludes lassen entweder Verwandte des Musikers in alten Aufnahmen zu Wort kommen (Old Bones) – oder ihn selbst, der etwa im Spoken-Word-Stück Father’s Fresh Start von toxisch veranlagten männlichen Vorfahren erzählt, deren Negativ-Beispiel ihn zu einem besseren Menschen und Vater gemacht habe (My son will be a good man). Das Ungewöhnliche ist, dass die kurzen, teils hörspielartigen Stücke den wunderbaren Flow des Albums nicht unterbrechen, sondern den erzählerischen Bogen von 1783 perfekt ergänzen. Mit dem Soul/HipHop-Closer Scotia Born geht dieses Black-Music-Meisterwerk angemessen hymnisch zu Ende.

Es ist keine geringe Sensation, wie leicht und zugänglich 1783 dabei letztlich klingt – spiegelt sich in den Texten doch „das jahrhundertelange Gewicht, das auf schwarzen Körpern, schwarzen Familien, schwarzer Erinnerung und schwarzer Vorstellungskraft lastet“, wie der Gallows-Videoregisseur Sobaz Benjamin (bekannt für seine Dokumentation Race Is a Four Letter Word) betont. Es gehe bei diesem Konzeptalbum „um die Architektur der Unterdrückung, ja, aber viel tiefer geht es darum, was wir damit gemacht haben. Es geht um das Wunder der Transformation.“ Lance Sampson spricht – mit etwas anderen Worten – von einem „Appell, wieder zu Verbundenheit und Gemeinschaft zurückzufinden“.

Nein, es verwundert tatsächlich nicht, dass eine fabelhafte Platte wie 1783 fast 250 Jahre später nicht aus den kaputten USA kommt, sondern aus dem viel freundlicheren Nachbarland Kanada. Eine gut 50-minütige Lehrstunde in schwarzer Musik und schwarzer Geschichtsschreibung.

Aquakultre – 1783
VÖ: 06. Februar 2026, Next Door Records
https://aquakultre.bandcamp.com
www.facebook.com/aquakultremusic

YouTube Video

Werner Herpell

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