THE TESTAMENT OF ANN LEE – Filmkritik


Foto-© 2025 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.

For those new here that are unaccustomed to a woman preacher…come nearer to me.

(Ann Lee – The Testament Of Ann Lee)

Mona Fastvold, die zusammen mit ihrem Ehemann das Drehbuch für den Oscar-nominierten Film The Brutalist (2025) geschrieben hat, stellt mit The Testament Of Ann Lee ihre dritte Regiearbeit vor. Dafür hat sie sich ein ungewöhnliches Thema ausgesucht: das bewegte Leben der religiösen Anführerin der Shaker, Ann Lee, die von ihren Anhänger*innen als „weiblicher Christus“ bezeichnet wird und auf viele Widerstände stößt. Und noch ungewöhnlicher ist die Entscheidung, sich der Figur über eine Art Historien-Musical zu nähern.

Ann Lee (Amanda Seyfried) kommt 1736 im puritanischen England zur Welt, als zweites von acht Kindern eines Schmieds. Ihr Leben ist geprägt von Armut, monotoner Fabrikarbeit und körperlicher Züchtigung durch ihren streng religiösen Vater. Auf der Suche nach einem tieferen Sinn im Dasein findet sie Zuflucht in einer kleinen Quäker-Gemeinde, die durch gemeinsamen Tanz und Gesang ihre Gefühle verarbeiten und sich so von ihren Sünden reinigen wollen. Ann Lee steigt schnell zu einer Art Anführerin dieser Gruppe von „shaking quakers“ auf. Ihre lautstarken und expressiven musikalischen Praktiken stoßen den allgegenwärtigen Puristen der englischen Kirche sauer auf, Ann Lee wird beleidigt und festgenommen. Nach ihrer Freilassung versucht sie deshalb ihr Glück mit ihrer kleinen Glaubensgemeinschaft auf einer Reise nach Amerika, wo das Versprechen von Religionsfreiheit winkt…

Die Entscheidung, die Geschichte als Musical zu verfilmen, passt durchaus zur Praxis der Shaker, die ihren Glauben hauptsächlich durch ekstatischen Gesang und „schüttelnde“ Tanzbewegungen ausleben. Manchmal reißen einen die Lieder zwar etwas aus emotionalen Szenen und der Story raus, was aber dadurch schön abgefangen wird, dass sich diese Genervtheit auch innerhalb der Geschichte spiegelt, wenn die Mitreisenden sich z. B. über den lauten Gesang der Shaker-Gruppe auf dem Schiff beschweren. Die Songs an sich sind ausdrucksstark und überraschend eingängig, und die Tanznummern sind so immersiv choreografiert, dass man sich mitten im Geschehen fühlt.

Stilistisch erinnert der Film an die Werke von Ari Aster oder Robert Eggers mit einer intensiven, ekstatischen Bildsprache, die kraftvolle, mythisch aufgeladene Naturbilder und eindringliche schauspielerische Arbeit liefert. Allen voran dabei Amanda Seyfried, die hier wirklich körperlich und emotional alles gibt, um Ann Lee in ihren unterschiedlichsten Zuständen zu zeigen, von Triumph bis Verzweiflung.

Der Film funktioniert dabei fast wie eine Art Gottesdienst und nimmt einen mit in die rauschhafte Welt der Shaker. Interessant ist die Figurenzeichnung: Es gibt zumindest unter den Hauptcharakteren keine reinen Bösewichte, sie sind komplex und man kann ihre Motivationen stets nachvollziehen, auch wenn sich sehr unterschiedliche Wertehaltungen gegenüberstehen. Auch Ann Lee als Protagonistin wird nicht als unfehlbar dargestellt. Der Film ist weniger eine realistische Nachzeichnung als viel mehr eine Studie der Sehnsüchte und Ideen, die Ann Lee verkörpert: Der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben, das Versprechen von Freiheit für die eigenen Ideen, die Suche nach Transzendenz und Bedeutung. Dabei beschönigt Fastvold auch nichts über die brutalen Lebensrealitäten einer Frau im neuzeitlichen England. The Testament Of Ann Lee ist verstörend und betörend zugleich, erweitert den Horizont und regt dazu an, über Lebenswelten nachzudenken, die einem sonst fern scheinen.

The Testament Of Ann Lee (USA 2026)
Regie: Mona Fastvold
Cast: Amanda Seyfried, Thomasin Mckenzie, Lewis Pullman, Tim Blake Nelson, Christopher Abbott, Stacy Martin uvm.
Kinostart: 12. März 2026, The Walt Disney Company Germany

YouTube Video

Tamara Plempe

Mehr erfahren →