ARLO PARKS – Ambiguous Desire


Foto-© Joshua Gordon

I got this desire in me
I just wanna leave it all to yesterday

(Arlo Parks – Nightswimming)

Mit ihrem neuen Album Ambiguous Desire gelingt es Arlo Parks Gegensätze nicht nur auszubalancieren, sondern sie ineinander aufzulösen. Die Songs wirken gleichzeitig leichtfüßig und ruhig, farbenreich und doch fast schwebend. Es ist ein Sound, der sich nicht festlegen will und genau darin seine Stärke findet. Dass sie dabei so selbstverständlich zwischen Intimität und Größe navigiert, überrascht kaum. Arlo Parks zählt längst zu den prägenden Stimmen ihrer Generation – inklusive Auszeichnungen wie dem Mercury Prize und dem Brit Award sowie mehrfachen Grammy-Nominierungen. Doch statt sich darauf auszuruhen, geht sie mit ihrem neuen Album einen Schritt weiter.

In den letzten Jahren hat sie sich bewusst in nächtliche Räume begeben. Orte, an denen Identität fließend wird, an denen man für einen Moment jemand anderes sein kann oder vielleicht zum ersten Mal wirklich man selbst. Inspiriert von Clubkultur, von rauen Londoner Nächten und der Energie von Dancefloors entstand ein Album, das genau dieses Gefühl einfängt: Bewegung, Nähe, Verlust und dieses leise Verschwimmen von Grenzen. Arlo erzählt davon keine geradlinigen Geschichten, sie beobachtet, sie sammelt Momente von anderen Menschen und lässt sie wie kleine Filmsschnipsel durch ihre Tracks fließen. Figuren tauchen auf, verschwinden wieder, bleiben aber im Gefühl bestehen.

Ein Song wie Jetta fühlt sich an wie eine durchlebte Nacht. Ein Club. Gedämpftes Licht, verschwitzte Körper, flackernde Bässe. Dort trifft sie auf ihre Freundin Maria, die mitten im Herzschmerz steckt. Frisch getrennt, noch nicht ganz angekommen in dieser neuen Leere und trotzdem tanzt sie. Und vielleicht liegt genau darin eine Wahrheit: Dass Heilung manchmal nicht allein passiert, sondern mitten unter Menschen und dass es Momente gibt, in denen man sich in einer Menge verliert und genau darin ein Stück von sich selbst wiederfindet. Arlo fängt diese Welt mit einer besonderen Sensibilität ein. Sie beschreibt Figuren, die fast nur nachts existieren. Menschen, die sich immer wieder an denselben Orten begegnen, als würden sie nur für diese Stunden zusammenkommen. Flüchtig, eigenartig vertraut und doch nie ganz greifbar.

Auch klanglich spiegelt sich dieser Wandel. Statt klassischer Bandstrukturen arbeitet sie stärker mit Synthesizern, Samplern und digitalen Texturen. Die Songs wirken pulsierender, körperlicher, fast wie Räume, in denen man sich bewegt. Und trotzdem bleibt ihre größte Stärke im Zentrum: ihre Sprache. Diese präzise Art Gefühle zu greifen, die sonst schwer greifbar sind.

Doch so sehr das Album von Nächten und Begegnungen erzählt, geht es im Kern immer wieder zurück zu etwas Intimerem. Zu der Beziehung, die man mit sich selbst führt. Ein Song erinnert daran, sich selbst mit mehr Geduld zu begegnen. Sich nicht ständig zu hinterfragen, sondern sich wie einen Freund zu behandeln. Ein anderer zeigt, wie schwierig es sein kann, für andere da zu sein, wenn man selbst durch dunkle Phasen geht. Und dann ist da dieses Gefühl, das sich durch das Album zieht: dieses Ziehen, dieses Verlangen. Desire als Motor. Als etwas, das uns antreibt, auch wenn wir nicht immer verstehen, wohin. Gerade in Songs wie 2SIDED wird das greifbar. Dieses vorsichtige Herantasten, wenn zwischen zwei Menschen etwas entsteht und niemand den ersten Schritt machen will. Dieses Kribbeln, das sich langsam aufbaut, bis es sich nicht mehr zurückhalten lässt. Und vielleicht ist genau das der ehrlichste Moment: wenn man sich traut, ein Gefühl auszusprechen, ohne zu wissen, was danach passiert.

Arlo schreibt besonders feinfühlig über die leisen Spannungen echter Nähe. Über das Wachsen in einer Beziehung, das nicht immer sanft ist. Wahre Liebe bedeutet auch, sich zu zeigen. Wirklich zu zeigen. Mit all den Seiten, die man sonst lieber versteckt. Und genau darin liegt diese Mischung aus Angst und Schönheit. Am Ende bleibt keine große Antwort. Eher ein Gefühl. Veränderung ist unvermeidlich und das Leben ist in seiner Komplexität gleichzeitig chaotisch und wunderschön.

Arlo Parks – Ambiguous Desire
VÖ: 03. April 2026, Transgressive Records
www.arloparksofficial.com
www.facebook.com/arloparks

Arlo Parks Tour:
30.10.26 Köln, Carlswerk Victoria
31.10.26 Berlin, Uber Eats Music Hall
16.11.26 München, Muffathalle

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