PHILINE SONNY – Interview

Foto-© Emil Gentes

Philine Sonny nimmt sich selbst an die Hand. Nur zwei Jahre nachdem die Alt/Indie-Sängerin, Songwriterin und Produzentin aus NRW ihre von Katharsis geprägte Invader-EP veröffentlicht hat, setzt Philine ihren steinigen Weg der Selbstfindung mit Hoffnung und Heilung fort – auf ihrem fesselnden Debütalbum Virgin Lake, das diese Woche via Nettwerk erscheint.

Teilweise inspiriert von Benedict Wells’ Coming-of-Age-Roman Hard Land, den Philine 2021 erstmals las und im vergangenen Jahr während eines Aufenthalts in Norwegen erneut zur Hand nahm, zeichnet Virgin Lake ein Porträt ihres persönlichen Wachstums im Angesicht familiärer Entfremdung – und all der Emotionen, die damit einhergehen: Wut, Trauer, Schmerz, Mitgefühl und Verständnis. Philines Weg spiegelt den ihres jugendlichen literarischen Gegenstücks Sam wider, der, um familiären Problemen zu
entkommen, neue Freundschaften, eine erste Liebe und eine gereiftere Perspektive auf seine Familie findet.

Wir sprachen mit Philine vorab über das neue Album, Einflüsse und vieles mehr – unser Interview!

Was hat der Film Outrun in dir ausgelöst und wie war das für dich das musikalisch umzusetzen?
Ich glaube, ich hab da gar nicht so viel drüber nachgedacht, weil halt einfach ziemlich viel passiert ist im letzten Jahr oder jetzt anderthalb Jahren und es hat sich so ein bisschen in mir angestaut. Ich hab drüber nachgedacht und dann hat der Film so an ein paar Ecken ähnliche Themen angeschliffen wie das, was bei mir passiert ist und das hat dann ein bisschen was rausgekitzelt. Deswegen war es gar nicht so, dass ich nach Hause gegangen bin und dachte ich schreibe jetzt einen Song von dem, was ich da gesehen habe. Es ist halt eher so, wie es nach dem Film ist – man läuft nach Hause und ist erst mal mit dem Kopf ganz woanders.

Und würdest du sagen du bist Rona charakterlich ähnlich?
Ich kann auf jeden Fall relaten, vielleicht weniger extrem, weil sie ist ja auch ein Charakter, der erschaffen wurde deshalb sind die Extreme auch das, was sie ausmacht. Ich hab jetzt keine Probleme mit Alkohol oder so ich trinke tatsächlich gar keinen Alkohol.
Ich hatte nie das Gefühl, dass ich zu viel trinke oder dass ich damit aufhören musste aber irgendwie hab ich immer Schiss, dass mir das irgendwann passiert dass ich quasi abrutsche obwohl das ultra unwahrscheinlich ist, weil ich überhaupt nicht der Typ dafür bin. Aber wo ich ihr auf jeden Fall ähnlich bin ist dieses, dass sie dann alleine auf dieser Insel ist und komplett einmal so einen Cut macht. Das hab ich auf jeden Fall auch gemacht.
Das war vor zwei Jahren im Sommer da bin ich auch alleine nach Norwegen auf eine Insel gefahren nachdem bei mir auch vieles passiert ist so familiär und ich ziemlich angespannt war und ich wollte einfach mal Ruhe und dann bin ich auch quasi so abgehauen. Und das ist in dem Film eben auch so ein Ding mit diesem Alleinsein dass man damit konfrontiert ist und dass das eben auch etwas Gutes auslöst. Und das war bei mir auch erst mal richtig hart und dann, wenn man einmal so durch die Scheiße so durchgeht und alles durchdacht hat irgendwann gibt es eben nichts mehr zum Nachdenken und dann sitzt man so und irgendwann wird’s ein bisschen ruhiger.

Hast du das Gefühl dass Alleinsein einen transformieren kann?
Ja mega. Ich hab das Gefühl ich mein das war auch so das erste Mal für mich jetzt so nach Norwegen alleine zu reisen. Ich mach viel alleine ich würde das nicht als komplett neue Experience bezeichnen dieses Alleinsein aber es war einfach nochmal neu, weil ich allein in ein anderes Land gefahren bin. Ich hab das Gefühl, dass das so ein guter Beweis war dass ich an einem Checkpoint angekommen bin. Ich bin jetzt erwachsen und kann Dinge für mich machen. Ich erfülle mir Wünsche selber die ich schon immer irgendwie machen wollte und ich komm eben klar alleine.
Das war so ein schöner Checkpoint wo ich so dachte das ist cool. Und ich hab schon das Gefühl, dass mich das ein bisschen erwachsener gemacht hat. Ich hab davor schon ganz oft zu Freunden gesagt ich bin 24 aber ich fühl mich gar nicht erwachsen ich fühl mich immer noch wie so ein Teenager auch obwohl ich weiß, dass ich erwachsen bin. Und ich hab das Gefühl, seitdem fühl ich mich ein bisschen erwachsener. Ich kann jetzt eben viel besser für mich einstehen.
Es war auch so schön auf dieser Insel. Ich hab in einem Airbnb gewohnt es war Offseason und da war nicht so viel los und ich war die Einzige im Haus mit der Frau, die das gehostet hat und da gewohnt hat. Sie arbeitet als Krankenschwester auf dieser Insel und hat eine Katze und macht halt ihr Ding und die war ultra cool. Die war auch Journalistin und hat auch in Indien irgendwie so eine Story verfolgt über so einen Jungen, der auf einem Auge blind war und auf der Straße gelebt hat und gebettelt hat. Sie hat erzählt, dass sie mit einem Freund da war und der Freund wollte diesem Jungen helfen und hat ihm Geld gegeben und geguckt, dass er zu so einer tollen Schule in Indien in einer anderen Stadt gehen kann und hat irgendwie versucht den auf den richtigen Weg zu bringen. Und der Junge hat das dann wohl auch so gemacht aber ein paar Wochen später haben sie erfahren, dass der Junge das ganze Geld genommen hat und wieder zurück in seine Stadt gefahren ist und mit seinen Freunden wieder auf der Straße abhängt, weil er das halt will. Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau an die Geschichte aber irgendwie fand ich das krass, so ein bisschen wie man aus westlicher Sicht auf solche Länder fährt und helfen will. Und sie war so eine ultra raue Frau und es hat mich so ein bisschen an den Film erinnert, weil da auch alle so rau aber ehrlich sind. Die wollen nur das Beste aber verpacken Sachen halt nicht in Watte.

YouTube Video

 

Hard Land begleitet dich jetzt über mehrere Jahre hinweg. Was hat sich für dich zwischen dem ersten Lesen und dem Wiederlesen verändert?
Ich hab das erste Mal gelesen, als ich noch in Osnabrück gewohnt hab und da studiert hab. Ich hab eineinhalb Jahre dort studiert und das auch nicht fertig gemacht und das war nicht so richtig meins. Abgesehen davon bin ich dort auch nicht so richtig gut angekommen, weil das während Corona war und ich da nicht so richtig Anschluss gefunden hab. Davor 2020 hab ich meinen Manager kennengelernt, der hier in Bochum wohnt und dadurch hab ich so ein bisschen neue Freunde gefunden.
Später bin ich dann nach Los Angeles geflogen und da haben wir das Video für People gedreht und da hab ich das Buch gelesen in diesen zehn Tagen. Und ich hab das so real time gespürt, weil es da auch darum geht, dass der Hauptcharakter so ein bisschen lost ist und viel alleine ist und dann hat er diesen Sommerjob und lernt diese Freundesgruppe kennen, mit denen er den Sommer verbringt und dann machen die aber alle ihren Abschluss und ziehen weg.
Ich war quasi genau in dieser Phase wo ich diesen Sommerjob angenommen hab und dann plötzlich in Los Angeles saß und es war das erste Mal, dass ich so Freunde hatte, die das gleiche machen wie ich Musik, Videos drehen und so. Und ich hab das voll gebraucht und bin da voll aus mir rausgekommen.
Zwischen dem ersten und zweiten Lesen ist dann viel passiert. Freunde sind weggezogen, manche Freundschaften haben nicht funktioniert, familiär ist was passiert und irgendwie ist nach diesem schönen Sommer alles wieder so ein bisschen auseinander gerüttelt worden, weil das Leben halt manchmal so ist.
Als ich das zweite Mal gelesen hab in Norwegen hab ich gemerkt, dass ich beim ersten Mal ganz viele Eselsohren gemacht hab an Stellen, wo ich doll relaten konnte. Und beim zweiten Mal hab ich manche davon gar nicht mehr gefühlt und dachte so krass warum hab ich mir das markiert. Aber dafür haben mich ganz andere Stellen getroffen eher so die zweite Hälfte vom Buch, wo alles auseinanderfällt und sich wieder zusammenfindet. Ich hab richtig gemerkt, wie ich älter geworden bin.

Welche deiner Songs passen zum Buch?
Es gibt einen Song, der heißt September. Der ist so ein bisschen über diesen Moment, wo man in dieser Gruppe ankommt und irgendwie noch total Schiss hat, dass einem das alles wieder aus den Händen gleitet. September ist für mich auch so ein bisschen du bist jetzt da angekommen genieß es erst mal und atme tief durch und es ist alles gut.
Dann gibt’s All the Ways I Break, der auch zu der Beziehung zu seinem Vater passt im Buch.
Und dann gibt’s Dog Bite der passt eher zu diesem Ende wo man checkt manche Sachen sind traurig manche sind ultra schön und dazwischen bewegt man sich so. Dieser realistische Blick aufs Leben, dass nicht immer alles scheiße ist aber auch nicht immer perfekt.

Du hast das Album in vier Phasen unterteilt – warum?
Das war so ein bisschen, als ich das Buch das zweite Mal gelesen hab. Für mich hat sich das so in vier Phasen eingeteilt ich weiß nicht, ob das so gedacht war aber für mich war das so.
Einmal diese Phase, wo er bei seinen Eltern ist und alles ist kacke und man weiß nicht wohin mit sich. Dann die zweite Phase, wo er diesen Job annimmt und seine Freunde findet und diesen geilen Sommer hat und will, dass das für immer so bleibt. Dann die dritte Phase, wo alles so ein bisschen auseinander bricht – das Mädchen zieht weg, die Mutter stirbt und die Realität kommt zurück. Und dann die vierte Phase, wo er älter ist und manche Freunde wieder da sind manche nicht mehr und er versucht so eine Balance zu finden.
Und das spiegelt auch mein Leben wider so von dieser Wutphase über diesen Sommer bis zu den letzten Jahren, wo richtig krasse Sachen passiert sind und ich nicht wusste, wie ich damit umgehen soll bis zu dem Punkt jetzt, wo ich denke ja manche Sachen sind einfach so.

Hast du einen Lieblingssong auf dem Album?
Ich hab ein paar. Ich glaub, vom Songwriting und von der Produktion her ist Weak Spot vielleicht mein Liebster. Und Made For You das ist der letzte Song der ist so siebeneinhalb Minuten lang.
Der ist ultra natürlich entstanden. Ich hab den fast komplett zwei drei Mal durchgesungen und hab dann einfach einen Take genommen genauso mit der Gitarre. Da sind auch Sachen drin, wo ich aus Versehen einen falschen Akkord greife.
Und bei den Drums war es genauso. Wir haben an dem Tag schon zwei Songs aufgenommen und wollten eigentlich keinen dritten mehr machen aber das Drumset stand noch und dann haben wir gesagt komm wir machen einmal den Song an zum Testen. Dann hat mein Schlagzeuger angefangen zu spielen und wir haben einfach aufgenommen und es war so gut, dass wir das einfach genommen haben. Das ist alles ein Take man hört sogar, wie wir Effekte noch einstellen.

Wie würdest du Virgin Lake in deinen eigenen Worten beschreiben und was macht es besonders für dich?
Ich glaub, was mich stolz macht ist, dass ich das alles selber gemacht hab. Ich hab das selber produziert und selber geschrieben. Und dadurch ist das halt so komplett aus mir rausgekommen. Es gibt so viele rote Fäden zwischen den Songs, die man vielleicht so ein bisschen checkt aber nicht zu hundert Prozent.
Ganz viele Sachen versteht man wahrscheinlich nur, wenn man dabei war oder wenn es um einen selbst geht. Dog Bite ist zum Beispiel über zwei meiner besten Freunde, die ein Kind haben. Das sind so kleine Momente, die für mich total groß sind.
Für mich ist das Album wie so ein Erinnerungskasten über die letzten Jahre. Wenn ich das höre, weiß ich genau, was ich da erlebt hab.

Was bedeutet der Albumtitel Virgin Lake?
Der Titel kommt einmal von dem Buch, weil da die Auflösung an so einem See stattfindet. Und bei mir kommt dieses See-Motiv auch immer wieder in den Songs vor.
Meine erste EP hab ich in der Wohnung von meinem Vater angefangen der hatte die damals neu übernommen und da hab ich sechs Wochen an einem See gewohnt. Da hab ich auch Songs wie All the Ways I Break angefangen.
Dieser See ist eigentlich gar nicht so ein großer Teil meines Lebens aber irgendwie sind da mehrere wichtige Sachen passiert. Ich könnte dir mehrere konkrete Momente nennen, die wichtig für das Album sind. Deswegen ist Virgin Lake für mich eher so ein metaphorischer See, so ein Ort für diese Erinnerungen.

YouTube Video