SYD FOR SOLEN – Nachbericht

Foto-© Vivien von Glischinski

In diesem Jahr waren wir erstmals auf dem Syd For Solen (Südlich der Sonne) Festival in Kopenhagen unterwegs. Vom 13. bis zum 15. August konnten wir drei Tage lang nicht nur den schönsten skandinavischen Spätsommer, sondern auch viele fantastische musikalische Acts genießen. Im Valbypark, im Süden der dänischen Hauptstadt erstrecken sich die drei Bühnen verteilt über das Festivalgelände.

Auf der großen Wiese des Parks, die auf der einen Seite direkt an das Wasser der Buch Kalveboderene angrenzt, liegen sich zwei der großen Bühnen gegenüber. Etwas abseits, über ein paar Treppenstufen zu erreichen, findet sich die kleinste der Bühnen in einem Zelt wieder, auf der an diesen Tagen vor allem die upcoming Acts spielen. Seit 2022 wird das Festival vom dänischen Veranstalter smash!bang!pow! ausgerichtet, seitdem wechselte es mehrmals den Standort, bevor es sich nun dauerhaft im Valbypark eingefunden hat – auch wenn es damit noch ein relativ junges Festival ist, hat es sich in Dänemark bereits als eins der must-go Events des Sommers etabliert. Das Festival inmitten der Großstadt, liefert uns nicht nur ein hochkarätiges Lineup, sondern die angenehme Lässigkeit eines Festivals, wie man sie in einer urbanen Stadt wie Kopenhagen erwartet. Das Gelände ist dabei übersichtlich genug, dass man schnell von einer zur anderen Bühne kommen kann und die abwechselnden Zeitslots, in denen die beiden Hauptbühnen bespielt werden, ermöglichen, dass man einen Großteil des Lineups sehen kann.

Wir lassen die drei Tage noch einmal Revue passieren:

Donnerstag

Als ersten Act an diesem Tag waren wir beim großartigen Set der australischen Band Amyl and The Sniffers auf der Hauptbühne Over Havet (über dem Meer). Das Quartett um Sängerin Amy Taylor überzeugte in der Mittagssonne mit ihrem charakteristischen Sound aus Punk und Garage-Rock, im Hintergrund leuchtet vor und zu Beginn des Sets eine klare Message auf: „Amyl and the Sniffers want everyone to be able to enjoy the Show. They have a zero tolerance policy towards sexual assault or discrimination of any kind“. Im Anschluss geht es auf der gegenüberliegenden Bühne „Under Himlen“ (unter dem Himmel) weiter zu Ravyn Lenae. Die US-amerikanische R&B Künstlerin kombiniert catchy Melodien mit sanften Vocals und genreübergreifenden Einflüssen. Die Bühne ziert während des Auftritts eine Art Baugerüst, auf dessen unterer Ebene ihre Liveband steht. Neben Songs von ihrem kürzlich erschienenen Album Blue Island und den vorherigen zwei Alben, schloss sie ihr Set mit dem absoluten Ohrwurm Love Me Not.

Ein Künstler auf dessen Auftritt wir unglaublich gespannt war, ist Sombr. Der US-Singer-Songwriter hat mit seinen viralen Hits schon so einige Chartplatzierungen ergattern können und sich eine stabile Fanbase aufgebaut. Das spiegelt auch das Publikum wider, so versammelten sich bereits seit der Öffnung des Festivalgeländes Fans des Sängers in den ersten Reihen vor der Bühne. Als Sombr (bürgerlicher Name: Shane Michael Boose) endlich die Bühne betritt, ist die Aufregungen groß. Während sich die Songs zwischen Bedroom-Pop, Indie-Rock und viralem TikTok-Hit bewegen, zeigt der Sänger, dass er eindeutig ein Entertainer ist, dessen Energie auf die Bühne gehört. Dabei springt er so energiegeladen umher, wie es ihm kaum jemand nachmachen könnte, wenn da am nächsten Tag nicht Turnstiles Brendan Yates wäre. Als spektakulären Abschluss des Auftritts sieht man auf den Screens, wie Sänger und Band nach Verlassen der Bühne direkt in Richtung Wasser laufen, das sich nur wenige hundert Meter hinter ihr befindet, dessen Anblick aufgrund der Absperrungen um das Festivalgelände herum aber leider verwehrt bleibt.

Zur abendlichen Primetime spielt producing Legende Dijon sein erstes Mal in Dänemark und überzeugt mit seiner charakteristischen Mischung aus Indie, Americana und Contemporary R&B – ein perfektes Set, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu genießen. Den Abschluss an diesem ersten Abend macht Headlinerin Medina, die vor allem in Dänemark als Pop-Star mit absolutem Nostalgiefaktor gefeiert wird.

Freitag

Der zweite Tag startet mit einem starken Set von Paris Paloma. Auch wenn es noch recht früh ist, zieht ihr Sound aus empowerndem und gesellschaftskritischem Folk-Pop bereits eine große Crowd zur Bühne. Als sie den letzten Song labour anstimmt, kann dann auch ein größerer Teil des Publikums textsicher mitsingen. Eine Neuentdeckung ist die kopenhagener Singer-Songwriterin Alba Akvama, mit ihrem minimalistischen moody Sound ist sie eine Newcomerin, die man auf jeden Fall im Auge behalten sollte. Auch die irische Band Bleech 9:3 mit ihrem 90s-inspired Alt-Grunge ist für uns einer der upcoming Acts des Festivals. Im Anschluss zeigt Chicagoer Band Wilco, die schon seit Jahrzehnten für ihren Alternative Country-Rock bekannt ist, einmal mehr, warum sie als eine der Bands gilt, die man unbedingt live gesehen haben muss.

Das absolute Highlight an diesem Freitag ist Turnstile. Die aus Baltimore stammende Hardcore-Band liefert ein so unglaublich energiegeladenes Set, dass man gar nicht recht weiß, wo auf der Bühne man hinschauen soll. Gleich zu Beginn des Sets, kommt Sänger Brendan Yates zum Publikum herunter und die ersten Crowdsurfer erheben sich. Nach und nach öffnen sich zahlreiche Moshpits und ein Nebel aus Staub legt sich über die Menge. Eins der besten Sets des Festivals! Diesen zweiten Abend schließt Lorde gelungen ab. Ein Set mit Liedern aus ihrer Diskografie seit dem Debütalbum Pure Heroine. Es wird textsicher mitgesungen, mitgesprungen und fast ebenso viel Staub aufgewirbelt, wie beim vorherigen Turnstile-Set. Während ihres Songs “David” wird ein riesiges Banner über dem Publikum ausgebreitet, das die Textzeilen I don’t belong to anyone trägt. Ein besonderer Moment, der die Crowd für diesen Moment vereint und den Fokus von der Bühne auf die Menschen neben, vor und hinter sich verschiebt. Ihren letzten Song Ribs leitet sie mit den Worten ein „this is the oldest and most precious song we have“ – und genauso kostbar fühlt es sich an zu diesem zu tanzen.

Samstag

Der letzte Tag bricht an, ein letztes Mal freuen wir uns auf großartige Acts bei perfektem spätsommerlichem Wetter. Neuentdeckung ist an diesem Tag die dänische Künstlerin Brimheim, die uns mit ihrem dreamy Indie-Pop definitiv in Erinnerung bleibt. Auf der de første stråler (die ersten Strahlen) Stage spielt währenddessen die dreiköpfige Indie-Rockband Horsegirl. Im vergangenen Jahr hatte sie ihr, von Kritiken gelobtes, zweites Album veröffentlich und auch live kann ihr nostalgisch anmutender, heller Sound überzeugen. Am frühen Abend spielt die Schwedin Anna von Hausswolff hypnotisierenden Funeral-Pop. Mit düsterem, packendem Indie konnte sie das Publikum trotz des Tageslichts in ihre ganz eigene experimentell-orchestrale Klanglandschaft entführen. Im Anschluss geht es direkt zum nächsten Highlight: Multiinstrumentalist, Produzent und Songwriter Dev Hynes aka Blood Orange lässt Genregrenzen mit seiner charakteristischen Mischung aus Indie, Soul und Alternative R&B verschwimmen und das Publikum ist – absolut zu Recht – komplett aus dem Häuschen. An diesem Tag kann man einige Male denken: das hier ist wahrscheinlich der beste Moment des Festivals – so auch während wir Champagne Coast lauschen und die Abendsonne genießen.

Bevor sich der Tag dem Ende zuneigt, stellt US-Band Geese die Energie des Publikums noch einmal auf die Probe – und die Crowd enttäuscht nicht! Kaum eine andere Band hat im letzten Jahr einen solchen Hype erfahren und so ist es nicht verwunderlich, dass sich ein Großteil der Besucher*innen vor der Under Himlen Stage versammelt. Nicht lange dauert es, da tun sich die ersten Moshpits auf und die Crowd hält bis zum letzten Song durch. Das lohnt sich eindeutig, denn während Cameron Winter über Steuern oder eine Bombe in seinem Auto singt, lässt es sich am besten moshen.

Einen kleinen Abstecher zum Set von Newcomer Tyler Ballgame konnten wir uns dennoch nicht nehmen lassen. Erst in diesem Jahr hatte er sein Debütalbum veröffentlicht und sich mit seiner markanten Stimme, seinen eingängigen Melodien und einem Sound, der tief in Classic Rock, Indie und Americana verwurzelt ist, als absoluter Geheimtipp herausgestellt. Headliner ist an diesem Abend das UK-Trio The xx. Bekannt geworden sind sie mit minimalistischem, dreamy Indie. Diesen Sommer kehrten sie nach achtjähriger Live-Pause auf die Festivalbühnen zurück. Kopenhagen ist dabei der letzte Stopp in Europa und damit auch für die Band ein ganz besonderer Auftritt. Sänger Oliver Sim erzählt auf der Bühne, dass sogar seine Mutter an diesem Abend im Publikum sei. Ihr Set, das unter einem riesigen, erleuchteten X stattfindet, umfasst eine Mischung aus den drei gemeinsamen Alben, aber lässt ebenfalls Raum für ein paar Songs der Solo-Karrieren. Mal ruhig und melancholisch, meistens jedoch unglaublich tanzbar – Ein würdiger Abschluss für diesen gelungenen letzten Festivaltag. Drei Tage voller Musik und bester Atmosphäre, die uns noch eine Weile in Erinnerung bleiben werden.

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Vivien von Glischinski

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