ERYKAH BADU & THE ALCHEMIST – Before The World Blows


Foto-© Adraint Bereal

I may intimidate you at first
But I come to stimulate your universe
Before it get good, it’s gon‘ get worse
Good thing, I know how to break that curse

(Erykah Badu & The Alchemist – Witch Doctor)

Wir leben in einem Jahr, in dem sich Musikkünstler:innen nach langer Pause zurückmelden. Erst Boards Of Canada, dann The Durutti Column, nun Erykah Badu. Ganz überraschend kommt es in ihrem Fall nicht. Die Texanerin hatte zuerst an eine Veröffentlichung am 29. August 2025 gedacht. Abi & Alan sollte das Werk heißen, benannt nach ihrem zweiten Vornamen und dem richtigen Namen ihres Produzenten The Alchemist. Zu früh gefreut – einen Tag vor Veröffentlichung ließ die Sängerin überraschend über Instagram wissen, dass die Ankündigung verfrüht war. Man müsse sich gedulden. Es blieb bei einem Hinweis in Form des Tracks Next To You, der auf einem Beat basiert, den The Alchemist 1999 für das darke Duo Mobb Deep produziert hatte. In diesen Stil hatte sich Erykah verliebt, sie wollte mehr davon.

Jetzt das gesamte Paket, dieses Mal wirklich. Man braucht nicht lange, bis man sich als Fan von Soul, Hip-Hop, Jazz, Funk oder Ambient angezogen fühlt. Echos ist deep und kosmisch und eine Antwort auf Personen, die auf Spaltung aus sind. Zusammenhalt ist die Forderung: „Red, yellow, black, white or brown…’cause after everything we all the same, all under the same constitution, same pollution.“ Im Vergleich dazu ist Crossfade lockerer und jazzy wie bei der frühen Erykah. Ein raffiniert gebrochener Beat gibt ihr Gelegenheit, über den Lieblingstyp zu sinnieren: „Bartender, can I get a boilermaker and a gentle lover and a troublemaker.“ Er muss selbstverständlich auch etwas von Hexerei verstehen, wie sie in Witch Doctor hervorhebt: „If I have to circumvent some shit, I may reach down in my purse real quick, when I hit you with this magic stick, you won’t know which witch is which.“ Am Ende des Songs wird sie auf Spanisch genauer („No es una bruja, es una curandera“). Keine Hexe sei sie, eine Heilerin bitte sehr. Seit 2006 ist Erykah im wahren Leben zertifizierte Geburtsbegleiterin für schwangere Frauen. Wer will, kann sie auch buchen, wenn das Leben von Menschen zu Ende geht. Eine ähnliche Rolle hat sie im Kopf, wenn sie auf die Bühne geht. „Servicing people on stage is the same, I want the room to become a living, breathing organism“, teilte sie dem Guardian mit. Wer es demnächst nicht zu ihren Konzerten schafft (sie spielt im Herbst nur drei Mal in Europa, in London, Amsterdam und Katowice), wird auf Platte zielsicher bedient. Witch Doctor ist das vierte Stück, da ist man längst im Sog.

Man freut sich, wenn in Breezy alles hell erstrahlt und ist die Stimmung ausgelassen ist. In To The Moon (Plan C) gastiert der angesagte Steve Lacy. „Life’s a game, you win or lose, then you meet the grooviest dude, pick me up and fly me to the moon“, fordert die Chanteuse. Steve gehorcht und spricht so, als wolle er tatsächlich mit ihr entschweben. Der trockene und harte Beat klingt erstaunlich erdig, das sorgt für Kontrast. Thundercat darf auf diesem Album natürlich nicht fehlen, auch mit ihm geht es entrückt zu. Was hier fehlt, sind tolle Bass-Slaps, die man bei diesem Musiker einfach erwarten darf. Auch die Kollaboration mit Westside Gunn in No I.D. zündet nicht richtig. Besser macht man es in I Know That Man, da ertönt ein feines Piano-Loop, geht es mit Earl Sweatshirt in Richtung Gospel. In Black Box wendet man sich an der Seite von Kamasi Washington wieder dem Jazz zu. Plötzlich ist der Bass präsent und fesselt Erykah mit einer Spoken-Word-Performance. Am Ende kommen alle Stimmen wie im Chor zusammen. Da hat man das Gefühl, man sitze in einem Raumschiff auf dem Weg zu einer anderen, besseren Dimension.

Alles klingt während der 60minütigen Reise in sich sehr geschlossen, in manchen Passagen etwas zu sehr. Erykah kann auch funky sein, wenn sie will, davon hätte man durchaus etwas vertragen können. Summa summarum fühlt man sich in die Old School der Neunziger zurückversetzt, als Produzenten den MPC-Sampler benutzten und spirituelle Kraft ins Spiel kam. Nach ihrem Debüt Baduizm hat man Erykah so als Queen of Neo-Soul gefeiert. Jetzt sorgt sie im Alter von 55 Jahren für eine Tiefmassage unabhängig von Hautfarbe, Religion und politischer Ausrichtung. Ihr sanftes Timbre wärmt mehr als ein dicker Schal. Deshalb bleibt man von Anfang bis Ende dabei. Lasst euch dieses Naturwunder nicht entgehen.

Erykah Badu & The Alchemist – Before The World Blows
VÖ: 28. August 2026 (digital) / 11. Dezember 2026 (physisch), Control Freaq Records/Young
www.erykahbadu.com
www.instagram.com/erykahbadu
www.instagram.com/alanthechemist

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