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Veröffentlicht am 11.11.2009 | von Dominik

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WOLFGANG FRÖMBERG – Interview

Endlich ein Interview in unserem Bedroomdisco-Blog, das nicht nur im Musikkosmos spielt. Zwar ist Wolfgang Frömberg bei unserem Lieblingsmagazin Intro als Redakteur tätig, aber hier und heute geht es um seine Tätigkeit als Romanautor – denn er hat gerade seinen Roman „Spucke“ im neu gegründeten Hablizel Verlag veröffentlicht! Über das Buch wird hier zu anderer Zeit auch noch geredet oder eher geschrieben werden. Wer sich jetzt schon mal einen kleinen Einblick in die Geschehnisse des Buches machen will, kann neben dem Interview unten auch noch einen Ausschnitt aus der Lesung von Wolfgang im Kölner King George sehen. Nun aber los mit dem ersten Interview unseres Bedroomdisco Bookshelfs!

1.) Steckbrief:
Name: Wolfgang Frömberg
Standort: Köln
aktuelles Buch: Spucke

2.) Fragenkatalog:
Worüber geht dein Buch?
Der Roman handelt von Arbeit im Kulturbetrieb und von klassischer Arbeit. Spucke ist ein Schlüsselroman aus dem Kölner Milieu rund um die Zeitschrift Spex in den letzten Jahren bis zum Umzug nach Berlin und ein Ideenroman mit phantastischen Elementen. Die Hauptfigur Walter Förster ist ein Lohnschreiber, der über die Frage, was die Kunst mit seinem Alltag zu tun hat und durch die Beschäftigung mit Phänomenen der Popkultur und Treffen mit Schriftstellern zu einer eigenen, fragmentarischen Geschichte findet. Der Roman hat zwölf Kapitel, die zwölf Fragmente darstellen. Die Form war mir sehr wichtig, sie gehört zum Inhalt.
Warum heißt es Spucke?
Gute Frage. Der Titel war früh da, mit ihm im Rücken ging das Schreiben los. Ich brauchte ja einen Namen für das Popmagazin im Roman – und wollte auch eine Andeutung auf das Thema Arbeit. Da gibt es ja noch den voran gestellten, eigentlich sehr lustigen Hinweis mit dem Geier Sturzflug-Zitat. Aber Spucke steht sicherlich für eine gewisse Rotzigkeit, Punkigkeit. Und nicht zuletzt für feigesetzte Energie – wie bei einem Vulkan, der Lava speit. Aber das fällt mir auch jetzt erst auf, im Nachhinein.
Möchte das Buch vor der Berufswahl „Journalist/Redakteur“ warnen?
Nein. Eine Warnung hatte ich nicht im Sinn. Das kann eine sehr aufregende und spannende Tätigkeit sein. Es geht aber trotzdem darum, aus einem bestimmten kritischen Blickwinkel bestimmte Zustände zu schildern. Nicht, um mit der Perspektive in diesem Milieu zu versumpfen und selbstmitleidig herumzujammern, sondern weil ich glaube, dass bestimmte Erfahrungen sich mit gesamtgesellschaftlichen Umständen zusammen erzählen lassen. Das wäre meine Idee von Literatur.
Wie kann man sich vor dieser verrückten Welt, die du in „Spucke“ beschreibst, schützen?
Naja, ich denke gar nicht, solange wir diese Welt nicht vollkommen auf den Kopf stellen.
Was möchtest du den Leuten mit auf den Weg geben, die ebenfalls ein so rastloses und unruhiges Leben führen?
Leuten, die ein rastloses Leben führen, würde ich raten, immer ein gutes Buch zur Hand zu haben. Und Risiko und Unsicherheit nicht auf Teufel komm raus zu romantisieren, auch wenn ich den Hang zum Abenteuer irgendwie nachvollziehen kann…
Welche Einflüsse hattest du?
Das sind jetzt wirklich viele. Angefangen bei den ganzen realen Menschen um mich herum, die mir wichtig sind und ohne die weder meine Artikel noch der Roman denkbar wären. Dann die alten Punkplatten von meinem Bruder, die mich schon in sehr jungen Jahren in eine andere Welt katapultiert haben. Es ist ein fortlaufender Prozess. Wenn mich etwas interessiert, führt eins zum anderen. Die Einflüsse sichtbar zu machen, halte ich für wichtig. In Spucke findet man eine Menge davon.
Was reizt dich am Schreiben?    
Eigentlich schwer zu sagen. Es ist ja auch eine Qual. Eine leere Seite, oder ein leeres Dokument, ist grausam. Ich schalte statt zu schreiben auch ganz gerne mal den Fernseher ein oder gehe Leute treffen. Spucke habe ich deshalb auch in einer Art Turmzimmer geschrieben, wo es außer Internet und einem Fenster nix zum Ablenken gab. Anders wird es, wenn sich ein Text langsam einer Form nähert, die meiner Ansicht nach die passende ist. Dann kann mich nichts mehr vom Weiterschreiben abhalten. Der Roman war insofern eine ganz neue Erfahrung: Bei der Arbeit für Magazine hast du immer eine Deadline, du hast einen Ablauf – Interview, Abtippen, Schreiben, Korrigieren. Spucke ist also eigentlich die logische Konsequenz, weil sich im Magazinkontext längst nicht alles sagen lässt, was für die Entstehung des Texts eine Rolle gespielt hat, all die Gedanken und Ideen, die aus dem eigenen Leben kommen. Und weil durch den Ablauf auch gar keine Zeit ist. Ich bin gespannt, wohin mich der Spucke-Text treibt…
Dein Roman ist die erste Veröffentlichung des neuen Hablizel-Verlag  – wie kam es dazu, was gab den Ausschlag für diesen Verlag? 
Markus Hablizel wollte einen Verlag gründen, aber nicht selbst ein Buch schreiben. Ich wollte den Roman veröffentlichen, aber nicht für Druck und Vertrieb aufkommen müssen. Wir haben uns getroffen, er hat das Manuskript in einer frühen Form gelesen – und es hat gepasst. Es ist das Beste, was mir passieren konnte. Ich bin in den gesamten Prozess der Produktwerdung meines Texts sehr stark eingebunden. Außerdem gibt es viele wirklich gute Helfer, die kostbare Zeit in die Materialisierung von Spucke investiert haben. Es ist kein Zufall, dass einige Leute aus den alten Spex-Zusammenhängen stammen. Mario Lombardo hat mit seinem Bureau das Cover gestaltet, Thomas Brill und Frank Geber für Korrektur und Lektorat gesorgt. Ich bin sehr glücklich darüber, wie es läuft. Es ist absolut „Indie“ in einem sehr angenehmen Sinne. Und für alle Beteiligten sehr aufregend. Hablizel ist ein großartiger Verlag.
Sind weitere Bücher von dir in Planung, oder war das nur ein Drang, dem du eben einmal nachgegangen bist?
Kein Drang in dem Sinne, dass sich da eine frei flottierende Kreativität entfalten musste. Aber Wut und Liebe waren im Spiel. Und davon habe ich noch mehr, und Zufriedenheit kenne ich kaum. Was einen Text angeht, strebe ich nach Vervollkommnung. Vermutlich wie ein Klempner, der ein Rohr ordentlich flicken will oder ein Architekt, der das beste Haus entwerfen möchte. Also…der Titel für einen weiteren Roman ist schon da, ein grundsätzliches Muster auch – und bei Spucke war das im Paket schon ein guter Anfang. Falls ich aber noch mal einen Roman über den Medienbetrieb schreiben sollte, dann müsste er schon den Umfang und die Qualität von Balzacs „Verlorenen Illusionen“ haben – und ich denke, das kann ich mir abschminken. Auch wenn ich andererseits glaube, dass Autoren immer wieder die gleiche Geschichte erzählen, nur bestenfalls immer wieder in einer anderen Form. Wie schön, dass es noch ein Leben gibt, dass über den Kulturbetrieb und die Arbeit hinausweist….
Was machst du wenn du nicht gerade Bücher heraus bringst?
Ich arbeite als festangestellter Redakteur beim Magazin Intro, fünf Tage die Woche. Ansonsten höre ich in der so genannten Freizeit viel Musik, lese, schaue Filme. Ab und an schreibe ich Artikel für weitere Publikationen. In der Kölner Klubbar King Georg veranstalte ich gemeinsam mit Peter Scheiffele monatlich Lesungen. Ab und an hänge ich auch so im King Georg herum. Mit meiner 11-jährigen Tochter gehe ich oft ins Kino. Sie entscheidet, welchen Film…deshalb habe ich mir letztens „Gangs“ angeschaut.
– Wie kamst du zum Musik-Journalismus?
Durch Spex-Lesen und durch Zufall. Ein inzwischen sehr guter Freund begann damals ein Praktikum bei Spex, kurz bevor sie an den Piranha Verlag verkauft wurde. Ich rutschte irgendwie rein, weil ich unbedingt ein Interview mit Cat Power machen wollte. Das war erst mal ein reines Fan-Ding. Ich traf sie im Hotel, und wir führten das Gespräch auf dem Bett. Ich wäre fast gestorben. Zwei Jahre und ein paar Verwicklungen später schlug mich Redakteurin Annett Busch für ihre Nachfolge vor. So nahmen die Dinge ihren Lauf.
Warum hast du von der Spex zu der Intro gewechselt und wie unterscheidet sich die Arbeit?
Ich bin ja nicht mit nach Berlin, als Spex umzog -und da war ich Ende 2006 arbeitslos. Kurze Zeit später wechselte Sonja Eismann, die bei Intro eine ganz ähnliche Stelle bekleidet hatte wie ich bei Spex, in die Freiberuflichkeit. Ich interessierte mich für ihre Stelle, eines Tages wurde sie mir sogar angeboten, und so kam mal wieder eins zum anderen. Die Arbeit ist insgesamt sehr ähnlich. Aber bei Spex hatte ich niemals einen ordentlichen Vertrag und nie eine Vollzeitstelle – trotzdem geht die Arbeit heute wie damals immer über den „Feierabend“ hinaus. Bei Intro ist es reizvoll, dass im Verlag neben dem Printheft noch einiges mehr passiert.
Wie ist deine Haltung zum Musik-Journalismus – Chuck Klosterman zum Beispiel ist da ja etwas gespalten?
Es gibt interessanten und langweiligen Musikjournalismus, so wie es interessante und langweilige Musik gibt. Ich finde es wichtig, dass die Autoren und Redaktionen ihre Kriterien offenbaren. Meinungen und Geschmacksfragen interessieren mich kaum.
Wie kann man objektive über etwas (Musik/Filme/Bücher) schreiben, das im Allgemeinen eher im Auge des Betrachters liegt?
Das kann man gar nicht. Wer Objektivität inszeniert sehen will, sollte die natürlich total tendenziöse Tageschau anschauen oder Spiegel lesen. Und Bedingungen unter denen ein Produkt entsteht, liegen nicht einfach im Auge des Betrachters. Sie sollten bei der Rezeption unbedingt mitbedacht werden. Bands klingen nicht zufällig wie sie klingen. Das gilt auch für Bücher, Filme, Kunst. Was mich ebenso nervt wie „Objektivität“, ist eine subjetivistische Herangehensweise, die all das außer Acht lässt.


3 Top-Alben 2009? Bitte mit Begründung!
Puh, in so was bin ich echt schlecht. Die Listen bringen mich um den Verstand. Ich möchte mal Urlaub in Polen mit „Liquid“ nennen, aber eigentlich eher wegen einem geilen Live-Konzert von ihnen im Deutzer Hafen. Letztens habe ich zu Philipp Janzen nach einer Lesung von mir gesagt: Wenn ich so gelesen habe, wie du Schlagzeug spielst, bin ich zufrieden. Dann „Life On Earth“ von Tiny Vipers, weil sie so unfassbar zerbrechlich ist. Man möchte die Musik beschützen wie einen jungen Vogel. Nummer Drei wäre im Moment eine alte Live-Aufnahme von Grateful Dead in Hartford, Connecticut aus dem Jahr 1977 als aktueller Release. Hey, ich bin kein Hippie, aber da sind einfach unglaubliche Sachen drauf, die schicken auch einen „alten Punk“ auf die Reise.
3 Top-Alben des letzten Jahrzehnts? Bitte mit Begründung!
Noch mehr Listen? Also gut:
1. Cat Power – The Covers Record. Die Eigenartigkeit von Chan Marshalls Cover-Versionen erzählen auf schöne Weise von Selbstverwirklichung und Freiheit.
2. Blumfeld: Testament der Angst – Diese Platte hat den Nerv der Zeit getroffen. Angst, Depression, Liebe, Trost: Kapitalismus.
3. Lenin – So könnte explizit links politisierte Popmusik klingen und vor allem funktionieren. In Formation dagegen sein und die Widersprüche als unüberseh- und hörbares Theater aufführen.
Deine 3 All-Time Favourite Platten?
Okay, die letzte:
1. Talking Heads : The Name Of This Band Is Talking Heads (allerdings nur die 1977-Seiten, auf dem schönen CD-Rerelease finden sich viele Bonus-Tracks, unbedingt die anschaffen, alternative die „Fear Of Music“-Studioplatte oder die erste, „77“.)
2. Cat Power – What Would The Community Think
3. Aphex Twin – Selected Ambient Works Vol. II
Hmmm, und wo steck ich jetzt Wire hin, Spaceman 3, Oma Hans…? Habt ihr nicht doch noch ne Liste?
Das habe ich 2009 gelernt?
Wie man Basilikum-Pesto selber macht und dass man unvorbereiteten Journalisten keine Interviews geben sollte, ohne sich nachher die verwendeten O-Töne noch mal zeigen zu lassen. Ein ganz neues Erlebnis, auf der „anderen Seite“ des Tischs zu sitzen. Allerdings hat sich 2009 meine Vermutung gefestigt, dass es mehr gute Leute gibt als Arschlöcher.
Euer/dein bestes persönliches Erlebnis 2009?
Die Spucke-Releaseparty Ende Oktober im King Georg. 
Deine Pläne für 2010?
Paprika-Pesto lernen.
Was stellst du dir unter Bedroomdisco vor?
Einen schönen Ort, an dem man schlafen und tanzen kann.

www.hablizel-verlag.de/

Wolfgang Frömberg liest aus Spucke 1 from Markus Hablizel on Vimeo.

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Über den Autor

Bedroomdisco-Gründer, Redaktions-Chef, Hans in allen Gassen, Golden Leaves Festival Booker, Sammler, Fanboy, Exil-Darmstädter Wahl-Hamburger & happy kid, stuck with the heart of a sad punk - spreading love for great music since '08!



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