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Veröffentlicht am 13.10.2010 | von Dominik

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FOTOS – Interview

Weiterentwicklung vs. Neuerfindung einer Band“ bzw. „Weiterkommen vs. Stillstand“ war ein Thema unserer Kritik (hier gibt es sie zu lesen) zum aktuellen, dritten Fotos-Album „Porzellan„. Wieder hatte man sich bewegt, verändert, ist reifer geworden…Grund genug mal nachzufragen, warum man sich verändert hat und zurück zu schauen, wo der Anfang war. Bilder könnten da vielleicht ein paar Hinweise geben, geschriebene Worte, wie in unserem Fall, sind da allerdings noch eindeutiger. Umso schöner, dass Sänger Thomas Hessler die Zeit fand unsere Fragen zu beantworten – viel Spaß beim Bedroomdisco Interview mit den Fotos!

1.) Steckbrief:

Name: Fotos
Bandmitglieder: Tom, Deniz, Benedikt, Frieder
Gründungsjahr: 2005
Standort: Hamburg
aktuelles Album: Porzellan

2.) Fragenkatalog:

– Wie habt ihr euch das erst mal getroffen bzw. wie kam es zur Bandengründung?
Ein halbes Jahrzehnt ist vergangen, seit ich auf Anraten unseres späteren Managers und fünften Bandmitglieds Arne nach Hamburg zog, um eine Band zu gründen. Glücklicherweise lernte ich dort an der Hochschule für Musik und Theater schnell Frieder, Beppo und auch Mathias kennen, einen engen Freund der Band, der den Gitarrensound des ersten Fotos Albums maßgeblich geprägt hat. Er stellte uns außerdem in einer Kölner Kneipe Deniz vor, der einsprang, als wir einige Monate später einen Konzerttermin, aber keinen Gitarristen hatten. Auf der Fahrt zum Konzert in Freiburg zeigte ich ihm die Songs, die er dann am selben Tag auf der Bühne spielte. Nach dieser Feuertaufe musste Deniz einfach unser Gitarrist werden und mit ihm wurden wir von einer Gruppe befreundeter Musiker zu einer verschworenen Gang.

– Woran liegt es, dass ihr euren Sound bei jeder Platte neu entwickelt?
Es gab immer nur die Idee, sich allen Vergleichen und Erwartungen zu entziehen und uns selbst nicht mit Wiederholung zu langweilen und wie viele andere deutschsprachige Bands nur hinter dem Identifikationspotenzial der Texte zu verstecken.

– Macht man sich da nicht auch Gedanken, ob die Fans da mitziehen?
Wir selbst mochten Künstler von Bowie bis Blur immer genau für ihren Mut zur Veränderung. Die Fans die bereit sind den Weg der Veränderung mit uns zu gehen statt auf ihren Vorstellungen zu beharren wie wir zu klingen haben, werden auf Dauer mit Musikeindrücken belohnt werden die sie auf anderen Wegen vielleicht nie kennen und lieben gelernt hätten, so war es jedenfalls mit uns bei den oben genannten Einflüssen.

– Welche Einflüsse gab es für die neuste Stiländerung auf „Porzellan“?
Bei „Nach dem Goldrausch“ benutzen wir keine Raummikros, es sollte unsere trockenste, cleanste, aseptische Platte werden. „Porzellan“ sollte das absolute Gegenteil werden: Die Leere des Raumes sollte durch den Sound hörbar gemacht werden.

– Wie arbeitet ihr normal an euren Songs?
Ich schreibe die Texte allein und die Musik oft mit Deniz zuhause, dann bearbeiten wir sie im Proberaum nochmal und die anderen beiden bringen sich ein. Dann gehts ins Studio wo Olaf Opal und ich zusammen die Produktion der Stücke übernehmen.

– Was inspiriert euch zu euren Lyrics?
Deutschsprachige Bands verstecken sich zu sehr hinter ihren Texten. Meine Texte sollen nicht zu abgeschmackt sein, nicht vor Befindlichkeit und Bierseligkeit strotzen, aber trotzdem emotional und kryptisch- privat sein. Außerdem minimalistisch, klar und transparent im Sprachgebrauch. Sie müssen mit der Musik zusammen melodisch, rhythmisch und emotional funktionieren.

– Wie, wo und wie lange fand die Produktion von „Porzellan“ statt? Was waren die Schwierigkeiten, was sollte immer so sein? Wie hattet ihr euch darauf vorbereitet?
Um die langen Hallzeiten auf den Drums und Gesängen meiner Demos zu erreichen ohne synthetische Hallgeräte zu benutzen und einen einzigartigen Hallsound zu erlangen brauchten wir einen Raum der nicht wie ein „handelsüblicher“ Studioraum klang. Wir fanden ihn in einem ehemaligen Bunker in Hamburg, der mittlerweile Studios, Clubs und Läden beinhaltet. Den Rest des Albums nahmen wir im Bochumer Studio unseres Produzenten Olaf O.P.A.L. auf. Wenn man ein Album aufnimmt ist es nicht wichtig was ausserhalb des Studios passiert. Viel Ablenkung kann eher hinderlich sein. In 40 Tagen waren wir fertig, auch wenn die Vorarbeit wie Komposition und Vorproduktion über ein Jahr gedauert hat.

– „On the Run“ hört sich sehr nach Joy Division an – ist das gewollt?
Das Zischen war ein Gag den unser Produzent Olaf aus dem Film 24 Hour Party People zitierte. Dort benutzen Joy Division eine Spraydose für die Akzente auf den Drums. In unseren Videoproduktionsdiaries sieht man die Entstehung. Olafs Zitat ist was an Joy Division erinnert. Der Rest ist für mich eher ein Krautrockansatz.

– „Angst“ ist unser Lieblingssong auf dem Album – könnt ihr erzählen worum es darin geht, wie der Song entstand bzw. ob es eine Geschichte dahinter gibt?
Es geht nicht um die biedere deutsche Angst vor Fremden oder dem Reichtum des Nachbarn, es geht nicht um konkrete Angst sondern um die philosophische Angst vor dem Nichts die jeder Mensch in sich trägt. Verstärkt durch Einsamkeit und Drogen kann diese Angst ganz schön schwer auf der Seele liegen.

– Produziert wurde das Album von Olaf Opal – wie kam es dazu und welchen Einfluss hatte er auf das Ergebnis?
Olaf ist wie ein fünftes Bandmitglied. Wir gründeten sogar ein Produktionsteam namens P.U.L.S. weil wir beide gleichgroßen Anteil an Produktion und Mischen hatten. Seine bisherigen Arbeiten mit Notwist aber auch seine Popproduktionen habe ich immer gerne gehört, es war also nur eine Frage der Zeit wann wir endlich zusammenarbeiten würden. Für uns beide war die Produktion von Porzellan ein Befreiungsschlag.

– Mit „Nach dem Goldrausch“ lief euer erster Plattenvertrag aus – warum habt ihr euch für Snowhite als neues Label entschieden?
Snowhite macht für uns die Administration der Labelarbeit und wir bezahlen sie dafür. Dafür haben wir alle Rechte und sagen wo es lang geht. Wir wollten nie wieder zurück in den Majorkontext wo man gezwungen wird Dinge zu tun für die man sich später hasst.

– Was nervt euch als deutsche Band an Deutschland?
Wir sind die einzige deutschsprachige Rockband die sich nicht hinter dem Identifikationspotenzial ihrer Texte versteckt, sondern den Mut aufbringt, auch auf die Gefahr hin Fans zu verlieren oder sich bei konservativen Kritikern unbeliebt zu machen bei jedem Album aufs neue, unserer Version von Pop ein radikales stilistisches Gewand anzuziehen. Aus Liebe zum Pop, ohne kommerzielle Hintergedanken, gegen den stumpfen, kommerziellen, kuschenden Einheitsbrei der deutsprachigen Poplandschaft. Der Einheitsbrei, die Unflexibilität der Musikhörer nervt und dass des Engländern und Amerikaner nach wie vor jeder Dreck abgekauft wird während die wenigen guten einheimischen Bands belächelt werden.

– Was macht ihr, wenn ihr nicht gerade Musik macht?
Schlafen.

– Das haben wir 2009 gelernt?
Das wir so schnell nicht totzukriegen sind.

– Welcher Song würde zu eurer aktuellen Stimmung passen?
Big Black Car von Big Star.

– Wie würde eure persönliche „Bedroomdisco“ aussehen?
Wie mein Schlafzimmer.

– Wer hat den Fragenkatalog ausgefüllt?
Tom

httpvh://www.youtube.com/watch?v=d-6SnzVeyWw

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Über den Autor

Bedroomdisco-Gründer, Redaktions-Chef, Hans in allen Gassen, Golden Leaves Festival Booker, Sammler, Fanboy, Exil-Darmstädter Wahl-Hamburger & happy kid, stuck with the heart of a sad punk - spreading love for great music since '08!



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