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Veröffentlicht am 3.12.2013 | von Eva-Marie

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MESSER – Die Unsichtbaren

Durch die Risse im Beton steigt gelber Dampf empor
ein Zischeln ist zu hören, was haben sie heute vor?
Von unten hört man Stimmen und ein Kind, das leise lacht
doch die Worte sind verschwommen, hinter Mauern streng bewacht 

Und das Neonlicht, es blendet mich
es zeigt mich bleich, wenn‘s in den Augen sticht
ja das Neonlicht, das sich im Fenster bricht
es zeigt mich bleich, wenn‘s in den Augen sticht 

(Messer – Neonlicht)

„Wir beginnen mit dem Stück ‚Angeschossen’“ – so der Beginn der zweiten Platte ‚Die Unsichtbaren‚ der Münsteraner Post-Punk-Band Messer. Nach einer guten Minute tief dröhnender Saiteninstrumente, die wunderbar nölige Stimme von Sänger Hendrik Otremba. ‚Angeschossen‚ ist wahrscheinlich deshalb als Opener auserkoren worden, damit der Hörer gleich versteht, in welche Richtung es gehen soll: Ab in die Vergangenheit zu Post-Punk-Größen aus den 80ern und 90ern. Viel Hall um alles. Die Lyrics sogleich kryptisch und direkt.

„Wie eine Spinne von einer Lampe, lässt sie sich herab“ grölt er immer dringlich werdender in ‚Die kapieren nicht‚. Kurz und schmerzlos, genau auf den Punkt. Otremba sagte selbst mal in einem Interview, dass Musik etwas sehr körperliches sei und genau das spürt man in jeder Faser der Musik bei ‚Die Unsichtbaren‘. Unsichtbar sind Messer übrigens schon lange nicht mehr, werden sie doch seit ihrer ersten Veröffentlichung sogar in den Feuilletons Deutschlands gefeiert. Grund dafür ist vermutlich, dass keiner bisher in dieser gekonnten Form das Erbe des Post-Punk der 80er Jahre angetreten hat, wie es Messer unter anderem mit Songs wie ‚Tollwut (Mit Schaum vor dem Mund)‘ und ‚Süßer Tee‚ unter Beweis stellen. Der Song ‚Tollwut‚ – mit dem textlichen Seitenhieb „warmes, trübes Wasser“ – ist eigentlich nur schwerlich als Höhepunkt zu bezeichnen, da das Album ziemlich stetig durch die unbequeme Kantigkeit in Instrumentierung und Gesang überzeugt, aber er soll an dieser Stelle dennoch besonders hervorgehoben werden.

Die Schieflage der Stimme und der Texte trifft mit ‚Neonlicht‚ auf einmal auf eine Melodie, die den schmutzig-staubigen Songs widerstrebt. Somit ist dieses Lied wahrscheinlich das zugänglichste der Platte und war auch die erste Single-Auskopplung von ‚Die Unsichtbaren‘. ‚Neonlicht‘ schneidet sich den Weg durch den Nebel einer alten Fabrikhalle, Arme eng am Körper, blinzeln, Staub wird aufgewirbelt. Ein Song, den man perfekt nach Joy DivisionsLove Will Tear Us Apart‚ in der Indiedisko spielen könnte, wenn man eh schon in dieser angenehm melancholischen Stimmung ist. Damit kein Missverständnis entsteht, das soll ein Kompliment sein. Ein Kompliment gibt es außerdem auch für ‚Tiefenrausch‚, das in einem düster ansteigenden Sound in ein derart treibendes Zusammenspiel aus Bass und Schlagzeug mündet, während dabei die Gitarre heult, dass man sich das Lied gerne für verzweifelte, stille Momente aufheben möchte. Bittersüß.

Um Schizophrenie geht es dagegen im nächsten Song: ‚Es gibt etwas‚. Etwas schlummert in Hendrik Otremba und das kennt man von sich selbst. Es geht darum, sich ständig mit sich auseinanderzusetzen, zu analysieren, wie andere Menschen auf einen selbst reagieren, wie man Seiten an sich einfach akzeptieren muss, weil man sie nicht ändern, sondern nur mit ihnen leben kann. Er besingt diese Reflexion des eigenen Seins. Kein anderer könnte das drastischer und pointierter Vortragen, als der Herr mit der aktuell schönsten nöligen Stimme der deutschsprachigen Popmusik. Dieser Klang der Stimmbänder verleiht auch ‚Platzpatronen‚ diese besonderen Momente. Verabschieden wir uns von der romantischen Vorstellung eines Sommergewitters, hier regnet es lautes Leben, Ekstase und Resignation. Mit einem zertrümmernden Hämmern durch die Verzweiflung der Liebe. Besiegelt werden ‚Die Unsichtbaren‘ von dem Lied der, wie sie sich selbst nennen, Gruppe Messer ‚Süßer Tee‘. Orientierungslose Kindheitserinnerungen, Fragmente von Visionen, die eigentlich Gefühle sind. Klangvoll blechern endet damit ein Album, das wie die Band selbst, ein Gesamtkunstwerk ist. Ganz große Musik mit so viel Pathos, der bei anderen Bands peinlich wäre, aber bei Messer genauso klingen darf und muss. Es empfiehlt sich ‚Die Unsichtbaren‘ jetzt schon bei den Lieblingsplatten einzusortieren.

Messer – Die Unsichtbaren
VÖ: 22. November 2013, Thischarmingman, Cargo Records
www.gruppemesser.blogspot.de
www.facebook.com/gruppemesser

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