Kritik

Veröffentlicht am 14.01.2014 | von Sebastian Ladwig

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NEBRASKA – Filmkritik

Cause I liked to screw and your mom’s a catholic. So figure it out.

(Woody – Nebraska)

Zurzeit hört man aus Hollywood immer wieder, wie sich alternde Darsteller über ein immer kleiner werdendes Angebot an Hauptrollen beschweren. Harisson Ford spielt nach ‚Indiana Jones 4‚ nun wahrscheinlich gar im nächsten Star-Wars-Film mit. Alexander Payne beweist mit ‚Nebraska‚ wie man ein Ensemble voller 70somethings inszeniert, das vor Spielwitz nur so strotzt. In Bildern, so grau wie die Haare der Protagonisten, erzählt er einen durch und durch amerikanischen Film, der jedoch mit einem sehr universellen Generationenkonflikt aufwartet.

Der alte, leicht alkoholverwirrte Woody Grant (Bruce Dern) macht sich mit seinem Sohn David (Will Forte) auf den Weg von Montana nach Nebraska um einen Eine-Million-Dollar- Lottogewinn einzustreichen. Alle außer Woody wissen, dass es sich dabei um eine Marketingmasche und keinen wirklichen Gewinn handelt, aber der Alte rückt nicht von seinem Plan ab, bis sein jüngster Sohn sich bereit erklärt, den nicht mehr fahrtauglichen Vater zu begleiten. Die Reise führt in die Vergangenheit Woodys und ins Herzen der Großfamilie voller ähnlich seniler und mehr oder weniger liebenswerter Tanten und Onkels. Vater und Sohn kommen sich (vielleicht zum ersten Mal im Leben) näher und zwischen den beiden entstehen Momente der gegenseitigen Erkenntnis. Es sind allerdings jene Szenen, in denen der melancholische Blick des Jungen auf den alkoholumwitterten des Alten trifft und jeglicher Dialog unmöglich erscheint, die einem das Herz aus der Brust reißen. Aber Alexander Payne wäre nicht der große amerikanische Geschichtenerzähler, der er ist, würde er es nicht schaffen, solche Momente gekonnt zu brechen. Durch teils humoristische, teils ins liebevolle Chaos stürzende Szenen, schafft er es, den Film auf eine, diesem Regisseur sehr eigene, sanfte Art und Weise zu Ende zu erzählen.

Bruce Dern spielt den schrullig wortkargen Alkoholiker mit einer solchen Wucht, dass man sich fragt, wo dieser Schauspieler früher war. Und da sieht man es: Eine Oscar-Nominierung für Hal Ashbys ‚Sie kehren heim‚ in den Siebzigern, den silbernen Bären an der Seite von Robert Mitchum in ‚Champions‚ Anfang der Achtziger. Danach vor allem Nebenrollen. Vielleicht hat Harrison Ford doch Recht. Umso schöner ist es, wie uns Payne in seinem Roadmovie einen blendend aufgelegten Senioren nach dem anderen vorstellt. Sei es Angela McEwan als Woodys Freundin aus Jugendjahren, Stacey Keach als hinterhältiger Dorfpatron oder June Squibb als Woodys Ehefrau, die den Film nach der Hälfte förmlich an sich reißt und dafür sorgt, dass man die Tränen, die man zuvor noch zurückgehalten hat, nun vor Lachen vergießt.

Es ist ein Gefühl, das einem aus den Filmen von Alexander Payne bekannt ist. Der ebenfalls aus Nebraska stammende Regisseur macht Filme, die exemplarisch für den eigentlich nicht existenten, aber inflationär gebrauchten Genrebegriff Tragikomödie stehen. Immer geht es um den liebenswerten Loser, den ein Schicksalsschlag ereilt hat und der nach Ablauf der 90 Minuten vielleicht nicht das große Glück gefunden, aber immerhin die Kehrtwende geschafft hat. ‚Sideways‘ war so ein Film und in ‚The Descendents‚ wirkt sogar George Clooney lediglich wie ein skurriler Cousin des dauersmarten Espressogenießers.

Nun also ein Heimatfilm. Vor der trostlos gewordenen Kulisse des mittleren Westens nach der letzten Rezession lässt Payne ikonische Bilder entstehen, die noch lange nach Verlassen des Kinos ein schwarz-weißes Abbild im Unterbewusstsein hinterlassen. Wenn Woody mit der Prize-Winner-Mütze zum Triumphzug durch sein Heimatdorf ansetzt, hat er die Aura eines römischen Feldherrn. Sein Sohn sitzt versteckt im Fußraum und lächelt sanft. Der Weg ist das Ziel.

Regie: Alexander Payne
Darsteller: Bruce Dern, Will Forte, June Squibb, Bob Odenkirk, Stacey Keach
Kinostart: 16. Januar, Paramount Pictures

 

 

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