Musik

Veröffentlicht am 8.04.2014 | von Monya

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CHRIS GARNEAU – Winter Games

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„I’ve walked in the cold
But winter gets older
Though in spring I was crying within

Sticking up for my brother
He was older but he’s gone now
He went cold

(Chris Garneau – Winter Song 1)

Es wird wärmer draußen. Und obwohl sich alles leichter anzufühlen beginnt – liebend gerne rollt man sich mit Chris Garneaus drittem Album Winter Games zusammen wie ein Murmeltier zum Winterschlaf. Die zehn Songs sind thematisch keine leichte Kost und flattern auch klanglich nicht schwerelos durch die frische Frühlingsluft. Vielmehr verarbeitet das Konzeptalbum traumatische familiäre Erlebnisse in klirrender Winterkälte. Dabei ist jeder Ton so herzzerreißend schön, auf eine gekränkte, zerbrechliche und doch starke, überzeugte Weise, dass einem ganz schwummrig wird.

Winter Games legt in den meisten Songs hauchdünne Schichten übereinander, von denen jede es vermag, einen neuen, eigenartigen Schauer über die Haut zu jagen. So, wie man das zum Beispiel von Bon Iver kennt – und das ist kein Zufall. Garneau, für Gesang und Piano verantwortlich, arbeitete hier mit C.J. Camerieri und Rob Moose zusammen, die die Songs mit ihren Streicher- und Bläserarrangements an genau den richtigen Stellen perfekt und nicht zu aufdringlich ergänzen – und ihnen etwas Himmlisches geben. Sie haben dies schon bei Bon Iver und auch Sufjan Stevens getan.

Der erste Song, ‚Our Man‘, bringt die Schönheit der porösen Schichten schon zu Beginn des Albums zur Perfektion. Filigran übereinandergelegte Gesangsstimmen, vibrierendes Piano, dieses bedeutsam treibende, ganz sparsam eingesetzte Trommeln, die klagenden und mehr und mehr an Kraft gewinnenden Bläser. Und doch bleibt nichts zu glatt: Es kämpft sich immer wieder eine fremde Tonspur, etwas Zerre oder hohler Hall durch. Nach einem vollkommenen Outro, in dem Marschtrommeln lediglich von einem verzerrten Gitarrenwind begleitet werden, setzt ‚Oh God‘ ein. Und wie. Erst ein richtig widerliches Telefonklingeln, dann ein vorbildlicher Abarts-Pop-Synthie, dann ein weiterer Synthie, dann Weihnachtsglöckchen zum Drumbeat und Gesang. Was zur Hölle ist hier los? Und wie kann jemand so genial sein, um das, was, zugegebenermaßen, niedergeschrieben erst richtig seltsam wirkt, nach einem ganz natürlichen Meisterwerk klingen zu lassen? Wurden die Chipmunk-Stimmen, die sich gegen Ende Gehör verschaffen, schon erwähnt? Nein? Sie sind der Wahnsinn. Ebenfalls.

‚Winter Song 2‘ ist ein klirrendes Klangerlebnis; der Drei-Viertel-Takt schwirrt wie ein verwunschener Walzer über einen vereisten See. Und der Gesang! Fast unerträglich schön. Die zauberhaften „Uuuhs“ und Zweitstimmen kitzeln die Tränen förmlich hervor. Streicher und Bläser kommen hinzu – und man ist vollkommen wehrlos. Über sechs Minuten dauert der glänzend arrangierte, nie verkopft, sondern immer nach Herzenstiefe klingende Song an. Danach kann man sagen, dass dies wahrscheinlich die schönsten sechs Minuten des Tages waren.

‚Reindeer‘ ist, inmitten der alles überziehenden Kälte, etwas unverfrorener. Dynamisch spielen Piano, Bläser, Streicher, Schellenkranz und Chor miteinander. Es ertönen Kinderstimmen, ganz dezent, etwas verschroben. Am Ende löst sich alles in Hallen auf. Und es wird emotional Platz geschafft für ‚Pas Grave‘. Garneau singt hier auf französisch – der Amerikaner hat mit seiner Familie in Paris gelebt. Eine zitternde Klaviermelodie begleitet den gediegenen Song, der später ins Englische umschlägt: „No it’s not sad, it’s not sad, it’s not sad / I’ll miss you, I’ll miss you so bad later on“. Nach exakt dieser Zeile fühlt sich ‚Pas Grave‘ an. Wenn die Bläser zwischen dem Gesang ertönen, sagen sie den Verlust geradezu voraus.

‚Switzerland‘, der letzte Song, malt die Winterlandschaft weiter. Nur Garneaus Gesang und, wieder, dieses flirrende Piano. Garneau braucht die Schichten nicht – er setzt sie dann ein, wenn sie sich perfekt anschmiegen. Hier lässt er nur diese beiden Elemente wirken und macht genau das, was er schon in den neun Liedern zuvor gemacht hat: herzzerreißende, prachtvolle und doch unheimlich intime Musik.

Und so ist im Frühling Zeit für den Winterschlaf, ohne, dass daran irgendetwas sonderbar wäre. Für zerbrechliche Schönheit und frostklirrende Intimität ist immer Zeit. Chris Garneau hat mit diesem Album etwas geschaffen, das einen nicht mehr loslassen wird.

5von5

Chris Garneau – Winter Games
VÖ: 11. April 2014, Clouds Hill (Rough Trade)
www.chrisgarneau.com
www.facebook.com/pages/Chris-Garneau-Official/111248398908037

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