Kritik no image

Veröffentlicht am 31.07.2014 | von Heide Pennigsdorf

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Kinotipp der Woche & Filmkritik: JERSEY BOYS

There were three ways out of the neighborhood: you join the Army and maybe get killed; you get mobbed up, maybe get killed that way… or you get famous. For us, it was two out of three.

(Clint Eastwood – Jersey Boys)

Clint Eastwoods neuer Film ist ein Biopic über die Band The 4 Seasons die, bis zum Aufkommen der British Invasion, erfolgreichste US-amerikanische Popband. Was man in Deutschland von den Männern in einheitlichen Anzügen und ihrer Doo-wop Musik noch kennt ist vermutlich der Hit ‚Can’t Take My Eyes Off You‚ des Leadsängers Frankie Valli. Seine ungewöhnliche Falsett – Stimme war es, was die Band einst berühmt machte.

2005 wurde das Broadway Musical Jersey Boys über ihre Geschichte uraufgeführt. Geschrieben wurde es von Manhatten Co-Autor Marshall Brickman und Rick Elice; die auch die Drehbuchadaption für den jetzt erschienenen gleichnamigen Film von Clint Eastwood verfassten.

Als Brickman und Elice anfingen für das Musical zu recherchieren, stießen sie auf die Vorstrafenregister der Mitglieder der 4 Seasons, die bis dahin ein gepflegtes Saubermannimage hatten.
Die 1950er in den ärmeren Vierteln und Städten rund um New York müssen hart gewesen sein. Niemand schien in der Nähe von dem zu kleinen Haus mit den vielen Geschwistern und den streitenden Eltern bleiben zu wollen. Diese Situation inszenierte schon Martin Scorsese in Goodfellas. Das war der „getting mobbed up“-.Teil. Jetzt erzählt uns Eastwood wie man berühmt wurde; mit ein bisschen Hilfe des Mobs.
Die Geschichte von rags to riches and back to rags erzählen die vier Protagonisten Tommy DeVito (Vincent Piazza), Frankie Valli (John Lloyd Young, der auch Hauptdarsteller Musical war), Nick Massi (Michael Lomenda) und Bob Gaudio (Erich Bergen), die dabei immer wieder die vierte Wand durchbrechen und direkt in die Kamera sprechen.
Wie in Akira Kurosawas multiperspektivischem Klassiker Rashômon wird die Geschichte immer aus der Sicht einer Figur erzählt. Anders als bei Kurosawa ist es aber nicht ein Ereignis, das je anders wahrgenommen und erinnert wird, sondern die Story wird chronologisch abgearbeitet.
Am gelungensten ist dabei der Anfang. In blassen Farben zeichnet Eastwood das karge Milieu der Italoamerikaner in New Jersey. Er schildert die kläglichen Gangsterversuche von Tommy, Frankie und einigen anderen, wie sie sich am Gefängnistor die Klinke in die Hand geben und doch wieder bei ihren Familien sitzen, Spaghetti essen und Rotwein trinken und wie sie jeden Abend auf der

Bühne stehen. Der Gangsterboss Gyp DeCarlo (Christopher Walken) nimmt sie unter seine Fittiche und ihr Geld verdienen sie noch mit dem Verkauf von gestohlenen Schuhen, Mänteln usf. Mit dem Einstieg von Singer/Songwriter Bob Gaudi, der ihnen von Joe Pesci (da noch einfach Joey, Joseph Russo) vorgestellt wird, finden sie langsam Sound, Namen und schließlich eine Plattenfirma.
Dann hangelt sich der Film von Nummer zu Nummer, meist in Aufnahmestudios oder bei Fernsehauftritten. Dazwischen: erwachsen werden, Eheprobleme, Bandquerelen, ein bisschen high life und Schulden bei der Mafia. Schließlich, nachdem sich die Band aufgelöst hat, verlagert sich der Fokus auf Frankie (der bis ganz zum Schluss nie den Zuschauer adressiert). Hier wird am deutlichsten, dass Young scheinbar nur wegen seiner Stimme besetzt wurde, denn er ist als erwachsener Mann kaum mehr glaubwürdig und darüber können auch die obligatorischen Koteletten und der etwas rundere Bauch nicht hinwegtäuschen. Auch die anderen Charaktere verlieren ihren Charme und werden dem Zuschauer eher fremder, als dass er sie besser versteht. Nick scheint immer dümmer zu werden und Bob hat einen Bart und keine nennenswerte Aufgabe mehr. Tommy, der bis dahin großartig von Piazza verkörpert wurde, verschwindet leider völlig von der Bildfläche. Allein Walken sorgt an dieser Stelle noch für die so notwendige reife Aura.

Eastwoods wie immer handwerklich gute Regie wird geschmälert durch sein stoisches Festhalten an der Musicalvorlage. Brickmann und Elice kommen über das schlichte Abarbeiten der tatsächlichen Geschehnisse, unterbrochen durch Gesangseinlagen nicht hinaus. Auf der Bühne mag das hervorragend funktionieren, im Film ist es manchmal nur mäandernde Langeweile, weil die Musik nicht so sehr zu fesseln vermag (bis auf die fantastisch inszenierte erste Vorstellung von „’Can’t Take My Eyes Off You‘). Der Ansatz der Diskrepanz zwischen Leben und Image, der so interessant hätte sein können wird kaum ausgebaut oder verliert sich in flachen Klischees.

Am Ende sind sie doch alle wieder zusammen in der Rock’n’Roll Hall of Fame, wieder die Jungs, die versuchen erwachsen zu werden und uns dabei etwas vorsingen.

Der Film ist eine Mischung aus Goodfellas und Dreamgirls und die Jersey Boys sind Sopranos – Charaktere, die singen, statt Menschen zu erschießen. Wer sich jetzt noch an den eingängigen Doo-wop Nummern erfreuen kann, wird nicht enttäuscht werden.

Regie: Clint Eastwood
Darsteller: John Lloyd Young, Vincent Piazza, Michael Lomenda, Erichj Bergen, Christopher Walken
VÖ: 31. Juli 2014, Warner Bros.

 

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