Kritik

Veröffentlicht am 28.08.2014 | von Sebastian Ladwig

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WHEN ANIMALS DREAM – Filmkritik

Lass dir nichts gefallen.

(Thor – When Animals Dream)

When Animals Dream ist ein Film über eine Frau, der die Haare an den falschen Stellen des Körpers wachsen und die deshalb verstoßen wird. Seltsam geschreinerte Schubladen wie Comingof-Age-Drama, Mystery Thriller und Nordic Horror öffnen sich wie von selbst und beanspruchen Jonas Alexander Arnbys Debüt für sich. Aber es passt in keine davon. Zu vielschichtig, zu komplex ist der Film in all seiner Schlichtheit. Es ist ein Film über Metamorphosen, auf die man nicht vorbereitet wurde und über die Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit. Darüber hinaus ist er aber ein feministisches Manifest, das vieles viel besser macht, als Twilight und Co und mehr ist, als So finster die Nacht mit Werwölfen.

Mit der Ästhetik eines apathischen Instagram-Filmers, der gelangweilt den erstbesten Filter auf seine zahllosen Bilder ungebändigter Natur legt, erzählt Arnby die Geschichte von Marie (Sonia Suhl), die in einem kleinen dänischen Fischerdorf an der Nordseeküste mit der Verwandlung ihres adoleszenten Körpers konfrontiert wird. An unerhörten Partien ihres Körpers wachsen ihr Haare; Haut, Zähne und Nägel verändern sich und im Schlaf wird sie von blutrünstigen Träumen heimgesucht. Der Filmtitel spielt wohl auf die Bauernweisheit an, die besagt, dass man träumende Tiere, ähnlich wie Schlafwandler, nicht wecken dürfe. Allerdings weiß man in keinem der beiden Fälle so recht, was denn dann passieren soll. Genau diese Ungewissheit gibt schließlich der finalen Szene des Films eine ungeheure Spannung. Davon abgesehen, ist die Metapher etwas schlampig gewählt. Denn in Marie schlummert zwar etwas, aber sie verfolgt die Transformation ihres Körpers eher mit einer rationalen Neugier, als mit der somnambulen Triebhaftigkeit, die man von anderen Werwölfen der Filmgeschichte kennt. Die Haare rasiert sie sich zunächst noch ab, doch bald schon trägt sie ihre Abnormalitäten provokativ offen zur Schau. So scheint ihr Charakter von der Verwandlung auch kaum betroffen. Sie war seit je her das wilde Tier, das still sitzt, beobachtet, und nur rennt, wenn es muss. Wenn Gefahr droht, dann von außerhalb und nicht aus ihrem Innersten. Ihre stumme, an den Rollstuhl gefesselte Mutter ist ein omnipräsentes Symbol dafür, was passiert, wenn man seine Andersartigkeit nicht für sich behält.

Arnby findet immer wieder famose Bilder für die Seelenzustände seiner im Verlauf des Filmes immer weiter isolierten Hauptfigur. So ist während einer Bestattungsszene die Trauermusik nur noch leise zu hören und die Kirche der Menschengemeinde steht unbedeutend inmitten wilder Natur. Doch in jeder der folgenden Kondolenzbekundungen steckt eine unausgesprochene Bedrohung und die kleine, patriarchale Gemeinschaft ist Marie ein Käfig, aus dem es einen Ausweg zu finden gilt. Ihre Vorgehensweise ist dabei offensiv, sie hat keine Angst andere vor den Kopf zu stoßen und kein Interesse daran, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie passt in ihrer Verweigerungshaltung nicht in klassische Filmfrauenbilder und wenn es sein muss, bringt sie die Männer zum schweigen, indem sie ihnen den Adamsapfel herausreißt. Maries Außenseiterstellung wird auch vom Zuschauer mitgetragen und auf die Metaebene übertragen. Man erlebt ihre Verwandlung, im Gegensatz zu ihr selbst, durchaus als abstoßend. Außerdem wollen all die Genreklischees, die man ihr gerne überstülpen würde, nicht so recht passen. Für eine pubertierende Teenagerin scheint sie zu alt, dabei ist das doch immer die erstbeste Erklärung für die gängigen Vampir- und Werwolfgeschichten. Aber der Rahmen ist hier weiter gesteckt. Marie wird als Frau angegriffen und verteidigt sich als solche. Sie fällt dabei nicht ins Beuteschema, sondern bleibt selbst stets Jägerin, ob auf existentieller oder romantischer Ebene.

Wo Bella in Twilight von Edward, dem kontrollsüchtigen Beschützer, vor einem lüsternen Männermob gerettet werden muss, reißt Marie die Kerle selbst von den Mopeds. Natürlich macht sie das in der Männerwelt, die sie umgibt (im Gegensatz zum Vampirmann), zwangsweise zum Hassobjekt. Auf festgelegte Geschlechterrollen ist in When Animals Dream generell kein Verlass.

Maries Vater Thor (Lars Mikkelsen) tritt als gutmütiger, aber hilfloser Bewahrer auf. Ihr Arbeitskollege Felix (Mads Riisom) lässt sich als verräterische Delilah deuten. Außerdem scheint Marie in ihrem Dorf das einzige Mädchen zu sein. Nur zwei andere Frauenfiguren tauchen auf. Maries Mutter, die zu ihrer Zeit denselben Konflikt nicht unbeschadet überstanden hat, sowie eine finstere, burschikose Helfershelferin der geschlossenen Männergesellschaft. Die Versuche der Dorfgemeinschaft, sich Marie einzuverleiben, wie etwa beim rituellen Wurf ins Fischkadaverbecken, schlagen fehl. Vielleicht ist es auch die Verachtung vor allem Nicht-Menschlichen, das die scheinbar so naturverbundene Gemeinde als Bezugspunkt für Marie disqualifiziert. Am Ende war der Grund für das misstrauische Beäugen des Mädchens, dessen Körper sich verändert, nie ihr Verhalten, sondern immer die obszöne Lust am Voyeurismus. Auch Begriffe wie Unschuld oder der Verlust derselben sind in diesem Coming-of-Age-Kontext fehl am Platz und werden als die zurechtkonstruierten Konzepte entlarvt, die sie sind. Wenn Marie schließlich für eine Art Populationskontrolle der überproportional vertretenen Männerschaft sorgt, darf sich das Mitleid in Grenzen halten.

Regie: Jonas Alexander Arnby
Darsteller: Sonia Suhl, Lars Mikkelsen, Sonia Richter, Mads Riisom
VÖ: 21.08.2014
Studio: 20th Century Fox

 

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