Kritik

Veröffentlicht am 5.09.2014 | von Sebastian Ladwig

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HER – Filmkritik

I love the way you look at the world.

(Theodore – Her)

Der Name Spike Jonze steht für das enigmatischste Œuvre, das in Hollywood derzeit zu finden ist. Jonzeʻ Karriere begann mit Skate-Filmen, die er bis heute noch dreht und die alle relevanten Auszeichnungen der Szene gewannen. Er ist außerdem Mitbegründer der Firma ‚Girl Skateboards‘, die jedem ein Begriff ist, der selbst mal auf einem Brett stand oder wenigstens ‚Tony Hawks Pro Skater 2‚ gespielt hat. Danach kamen Musikvideos, jeder kennt den Clip zu Fatboy Slims Praise You, in dem Jonze selbst als exzentrischer Jazztanzguru eine Gruppe wild Zusammengewürfelter vor einem Kino in Westwood anführt, alles eingefangen von einer qualitativ minderwertigen DV-Kamera und die youtube-Zeitzeugen-Ästhetik von heute vorwegnehmend. Auch Christopher Walkens unwiderstehliche Solo-Sohle auf dem Parkett des Mariott-Hotels in Los Angeles zu ‚Weapon Of Choice‚ geht auf Jonzeʻ Kappe. Genauso wie Videos für Sonic Youth, Beastie Boys, Weezer, Dinosaur Jr., R.E.M., Björk, Daft Punk, Puff Daddy, Pavement, The Notorious B.I.G., Yeah Yeah Yeahs, Kanye West, Unkle, LCD Soundsystem und Arcade Fire. Den aktuell letzten Höhepunkt bildet dabei der Clip zu Otis, das die Kollaboration von Kanye West mit Jay-Z einläutete.

Jonzeʻ dreht nicht die Videos für die aktuell größten des Geschäfts, wie es der oft mit ihm in einem Atemzug genannte Michel Gondry tut, er dreht für die Hippsten. Wenn ein Song von einem Spike-Jonze-Video ummantelt wird, heißt das Achtung Zeitgeist. Und dann gibt es da ja noch die Kinofilme. ‚Being John Malkovich‚ und ‚Adaption‚, beide nach einem Drehbuch von Charly Kaufmann, stellen Fragen nach Autorschaft und reissen die vierte Wand auf eine Weise ein, das ein Jean-Luc Godard mit seinen in die Kamera winkenden Schauspielern sich vorkommen muss, wie ein Schausteller in Disneyland. Selbstreferenzialität und poststrukturalistisches Meditieren über das Medium, das auch noch Spaß macht. ‚Wo die wilden Kerle wohnen‚ war dann ein modernes Märchen, erschaffen aus einem Bilderbuch und untermalt von Karen O und ihren „Kindern“. Dazwischen produziert Jonze die Jackass-Filme und spielt skurrile Winz- Rollen an der Seite von Brad Pitt und Leonardo DiCaprio in ‚Moneyball‚ und ‚The Wolf of Wall Street‚. Der Mann ist nicht zu fassen.

Nun also ein Film über einen Typen, der das Sprachprogramm seines Smartphones liebt. Die Objektsexualität ist zwar als Thema nichts Neues, man denke an E.T.A. Hoffmanns ‚Der Sandmann‚. Aber auch hier beweist Jonze seismografische Qualitäten, denn Siri, auch wenn sie im Film einen anderen Namen trägt, ist möglicherweise die Erfüllungsgehilfin für eine vergleichsweise junge philosophische Hypothese. Unter dem Titel The Extended Mind veröffentlichten Andy Clark und David Chalmers 1998 einen Aufsatz, in dem sie für eine neue Konzeption des Mentalen argumentieren. Anhand eines Alzheimerpatienten, der Erinnerungen in ein Notizbuch schreibt, das bei ihm dieselbe Funktion übernimmt, wie bestimmte neurologische Prozesse bei einem gesunden Menschen, argumentieren sie für Geist, der sich in die Welt erstreckt. Die allwissende Siri mit ihrer Anbindung an Google und Wikipedia mag für ihren Besitzer eine dauerhafte Verbindung an eine Art kollektives Gedächtnis, wie es etwa Halbwachs erdachte, darstellen. Sie zu lieben wäre demnach eine Form von Narzissmus, den sie würde ja Teil des eigenen Geistes. In ‚Her‚ spricht sie mit der Stimme von Scarlett Johansson, da darf man das auch mal nicht so genau nehmen und sich einfach hingeben.

Der Film bietet uns außerdem noch eine Erkenntnis aus der Zukunft: Die Siebziger kommen immer wieder.

Regie: Spike Jonze
Darsteller: Joaquin Phoenix, Scarlett Johansson, Amy Adams
DVD-VÖ: 4. September 2014, Warner Home Video

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