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Veröffentlicht am 7.10.2015 | von Jana

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ENNO BUNGER – Flüssiges Glück

Enno Bunger - Flüssiges Glück CD-Kritik

Wie man von Einzelfällen sprechen kann, ich werd es nie verstehen
Es gibt Menschen, die das wollen, die das alles gerne sehen
Tief in ihren Herzen heben sie die rechte Hand
Zünden Krisenherde, hoffen auf den Flächenbrand

Wo bleiben die Beschwerden? Warum lassen wir das zu?
Wir können was dafür, wenn wir nichts dagegen tun
Wo bleiben die Beschwerden? Wo führt das alles hin?
Warum tun wir so, als wärn wir blind?

(Enno Bunger – Wo bleiben die Beschwerden?)

Das Klavier tritt auf ‚Flüssiges Glück‚ den Rückzug an und lässt Raum für verhallte und verhuschte Elektronik. Wie in einer Nacht über einer der großen Straßen der Stadt, in der sich die Rücklichter auf dem nassen Asphalt spiegeln, fühlt man sich, wenn die flirrenden Gitarren und Synthiesounds die Songs behutsam vorwärts tragen. Passend dazu singt Enno Bunger in ‚Neonlicht‚ „wir flimmern und wir leuchten, wir rauschen durch die Nacht“. Eine Gefühlsbeschreibung, die sich durch das ganze Album zieht. Dazu kommt ein Sprechgesang, der einen Großteil der Songs begleitet.

Man merkt, dass Enno etwas sagen will, dass die Songs nicht bei einfachen melancholischen Liebesbekundungen stehen bleiben sollen. Das gelingt manchmal ganz wunderbar, manchmal wirk es auch etwas aufgesetzt. ‚Hamburg‚ – eine Ode an eine Stadt, über die schon so mancher Song geschrieben wurde (man denke nur an Tomte, Kettcar, Die Goldenen Zitronen, Die Sterne, Nils Koppruch usw.) – gerät dann textlich wie musikalisch doch etwas flach und kitschig, weil Enno eben nicht groß verklausuliert, sonder eher mit den gängigen Touristenklischees daherkommt (Hafen, teuere Wohnungen und lange Nächte). Allerspätestens aber, wenn sich dann das Geschrei von Möwen unter die elektronischen Beats und Flächen in der zweiten Hälfte des Songs mischt, werden die Analogien selbst für Pop etwas zu banal und offensichtlich. Aber sind wir ehrlich, auch der Sterne Song über Hamburg war nicht gerade rühmlich und Thees Uhlmanns Song für den FC St. Pauli, nun ja… eine nette Geste. Es scheint schwer elegant über diese Stadt zu texten.

Aber es gibt abseits von ‚Hamburg‘ eben auch noch sehr viel anderes zu entdecken, so z.B. der schöne Opener ‚Scheitern‚ oder das abschließende ‚Klumpen‚ und das beschwingte ‚Am Ende des Tunnels‚ nicht zu vergessen, das eine augenzwinkernde Abrechnung mit dumpfen Formatradio und Spaßgesellschaft ist. „Hey Enno dein Lied, das ist so schön ruhig, das klingt ja wie Xavier Naidoo“ – Nein, Enno hier klingst du eher nach dem wunderbaren liebevoll, grimmigen Nils Koppruch und das ist auch gut so.

Wo bleiben die Beschwerden?‚ ist der Song, der aufhorchen lässt: Weil man es vielleicht nicht erwartet, nicht in diesem Kontext. Da bezieht jemand klar Position – zur aktuellen Flüchtlingsdebatte, zu Pegida und NSU Verschleierung:

Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal so politisch werde, wie ich es heute bin. Aber ich kann nicht anders. Obwohl ich kein Hemdenträger bin, ist mir der Kragen geplatzt. Ich habe mich im Oktober 2014 gefragt, warum es kaum neue Lieder gibt gegen Fremdenfeindlichkeit und gegen Rassismus in Deutschland, denn Deutschland hat ein Rassismusproblem. Als dann im Dezember 2014 PEGIDA hochkam, habe ich mich gewundert, dass so viele Leute so still sind, dass so viele Leute nicht gegen Fremdenfeindlichkeit protestieren, dass wir die Menschen, die leiden und in Angst leben müssen, alleine lassen.
Wer etwas verändern will, muss bei sich selbst anfangen. (…) Eine Kritik an dem Land, in dem wir leben, an unserer Gesellschaft, und vor allem auch an mich selbst. Wir sind mitverantwortlich für das, was passiert (…)“, schreibt Enno in seinem Statement zu dem Song.

Ein Rundumschlag, der zum Wachsambleiben und zur Mitverantwortung auffordert. Politik im Popgewand. Vielleicht deswegen aber umso effektiver. Wieso gibt es so wenig Musiker, die klar Position beziehen, fragt Enno in seinem Statement. Gründe mag es viele geben. Wie so ein großes Thema anpacken ohne in Klischees zu verfallen? Pop vereinfacht in der Regel und um komplizierte Gefüge griffig in nur wenigen Sätzen auszudrücken, bedarf es Fingerspitzengefühl. Viele Bands und Songwriter mögen sich davor scheuen und ihre Meinung lieber abseits der Songs kundtun. Das ist legitim, und dennoch kann man froh sein, dass sich jemand daran gewagt hat diese Themen auch im Popsong zu verhandeln.

Und so ist ‚Flüssiges Glück‘ ein gespaltenes Album aus Songs, die so unterschiedlich sind, das es fast schwer fällt sie in einer einzigen Kritik zu beurteilen. Man kann dort wirkliche Perlen für eine rauschende Fahrradfahrt durch die Nacht finden, man kann je nach Song aber auch unter einer Ladung Plattitüden ersticken. Man kann es Kitsch nennen oder als astreinen Pop nehmen, als Pop der versucht innerhalb seiner Grenzen zu agieren und dennoch Position zu beziehen, an einer Stelle wo sie womöglich noch etwas erreichen kann.

4von5

Enno Bunger – Flüssiges Glück
VÖ: 9. Oktober 2015, PIAS
www.ennobunger.de
www.facebook.com/ennobunger

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