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Veröffentlicht am 25.04.2016 | von Lisa Canehl

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DRANGSAL – Harieschaim

Drangsal - Interview

Love me or leave me alone
I’m not without sin
Yet I would cast the first stone
Help me or break my bones
When free of any sin
Mama take me home

(Drangsal – Love Me Or Leave Me Alone)

Wer hat es nicht gehört – ein Wind weht durch die deutsche Pop-Wave-Whatever-Landschaft: Der nächste große Performer, das 22-jährige „Popwunder“, der Bahnbrecher für Innovationen im ewig gleichen Poprummel, der eigensinnige Rebell. Im Vornherein bis in Geniehöhen gelobt, mit Lorbeeren überschüttet aus dem sehnsüchtigen Wunsch nach diesem Retter der ernstzunehmenden deutschen Musik-Innovation: Max Gruber alias Drangsal.

Der Haken: Wenn ein Hype so aufdringlich und omnipräsent ist, muss er umso mehr bieten, um nicht als schiere Belästigung empfunden zu werden. Die Timeline voll, die Gespräche unüberhörbar – die Nachfrage nach den Tickets für das ausverkaufte Album-Release-Konzert gierig bis verzweifelt. Von allen Seiten prasselt das Loblied auf die ach so provokante, aufrührerische Sturm-und-Drang-Figur Drangsal. Aber wie annehmbar ist diese plakativ-provokative Außenseiter-Inszenierung in Kombination mit der auf Hochtouren professionalisierten Hype-Maschinerie? Nachdem nun das Debütalbum des Pfälzers erschienen ist, lässt sich endlich fragen: Was bleibt?

Vor allem: ein insgesamt ganz netter Sound. Nicht innovativ, selten wirklich provokant – eher eine Mischung aus dagewesenen 80‘s-Pop-Motiven und New Wave-Anklängen. Trockene Gitarrensoli, passend kopierte Effekte und mehrstimmige Gesangsausbrüche führen zu eingängigen, meist gut umgesetzten Vintage-Klängen. Gelungene Auffrischung vergangener Zeiten also: The Smiths und The Cure könnten sich als Innovatoren dieses Sounds sehen. Wie stolz sie dabei sein könnten, ist eine andere Frage: Häufig driften die Songs ab – in versuchte Post-Punk-Sphären, die dann manchmal aber eher als trotziger High-School-Rock-Klangbrei mit holprigen Texten daherkommen – mal auf Deutsch, mal auf Englisch.

Man muss ‘Harieschaim‘ zugestehen, dass seine drängenden Genre-Zitate von guten Ideen zeugen und sicher viele kreative Momente bergen: ob die dominierende 80’s-Manier bei ‚Allan Align‚ oder die subtileren Industrial-Sounds und scheppernden Drum-Machines wie bei ‚Sliced Bread #2‚. Leider passiert es viel zu häufig, dass die bei einigen Songs zu Anfang erklingenden, vielversprechenden Momente häufig überzogen, übergangen und überspielt werden. Von einer überproduzierten, lauten, nervigen Art – so wie im Lied ‚Schutter‚. Und da wäre dann doch die Parallele zur Selbstdarstellung des Herrn Gruber gefunden. Erstaunlich, dass gerade der Song ‚Do the Dominance‚ schließlich einer der besten Songs des Albums ist. Aber gerade, weil er entgegen seines Titels nicht zu aufdringlich daherkommt – trotz plakativer Zeilen wie „Pull me up higher into purgatorial fire / Now light leather ties bind so tight“. Den Dark-Wave-Anklang nehmen wir dir doch ab, Max.

Ohne Inszenierung erreicht man keine Öffentlichkeit – ob die vermeintliche Authentizität betont wird oder der schillernde Schein der Kunstfigur. Die Selbstdarstellung ist wichtig und Teil des Kunstwerks – aber sie kann auch tierisch nerven. An allen Ecken ein bisschen weniger wäre bei Drangsal definitiv mehr – weniger Posen, weniger Hype, weniger überzogenes Image. Bei all der trotzigen Provokation scheint der ehrliche Moment dabei jedoch zu sein, dass man Max Gruber abnimmt, dass er gar keinen Gang runter schalten kann. Und ja, auch das Aufmischen der deutschen Pop-Langeweile kann ihm tatsächlich ohne Zögern attestiert werden. Aber reicht das? Worum geht es dabei? Um die exorbitant-überzogene Selbstinszenierung auf deren Wagen auch der ganze Musikjournalismus fremdinszenierend mit aufspringt? Oder um die Innovation und Kunstfertigkeit der Musik Drangsals? Tatsache ist, dass sich das in Max Grubers Fall kaum trennen lässt und paradoxe Folgen hat: Würde der Junge mit dem „Engelsgesicht und Knasthauttintenstichen“ etwas schüchtern und moderater daher kommen und dann so nebenbei seine kraftvoll-nervösen Songs anspielen, würde man vielleicht auch wohlwollender rezensieren. Wenn aber im Vornherein die Next-Big-Thing-Karte ein bisschen zu oft und dominant aus dem Ärmel geschüttelt wird, sollte man sich auch nicht wundern, wenn die Ohren in großer Erwartungshaltung kritischer werden. Die Inszenierung sollte doch bestenfalls nicht die musikalischen Inhalte ersetzen oder verschleiern, sondern auf ihnen aufbauen.

Wie auch immer – eine Meinung sollte man sich unbedingt machen, die interessanten Aspekte dieses Albums sind alles andere als zu leugnen. Auf den Toplisten der Alben des Jahres 2016 wird ‚Harieschaim‘ aber sicher nicht laden – jedenfalls nicht auf meiner. So unnötig dieser Kommentar grundsätzlich auch ist, so entscheidend ist er hinsichtlich der im Voraus gerührten, vermeintlichen Wunderkind-Trommel, die jetzt verhallt ist.

Und auch wenn ‚Love Me Or Leave Me Alone‚ immer noch einer der Titel ist, bei denen man das Radio nicht sofort ausmachen würde, vielleicht sogar lauter stellen würde – die Tendenz geht doch klar zu Max Grubers letzterer Aufforderung. Aber vielleicht ist das gar keine Kritik, sondern genau das, was die polarisierend-plumpe Selbstdarstellung bezwecken wollte. In diesem Sinne: voller Erfolg, Herr Drangsal.

2-3von5

Drangsal – Harieschaim
VÖ: 22. April 2016, Caroline
www.facebook.com/frucadeodereierlikoer

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