Interviews

Veröffentlicht am 15.01.2018 | von Silvia Silko

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Bands To Watch 2018 – ISLAND

Schaut man in die Charts und die großen Konzerthallen, bleibt nur ein Schluss: Unser Beileid, Indie-Rock wurde schon vor Jahren zu Grabe getragen. Doch die interessanten Ableger des noch Anfang der Nuller-Jahre so erfolgreichen Genres haben sich nur – notgedrungen – in die kleinen Clubs verzogen und rocken dort wie zu Beginn des großen Gitarren-Aufstiegs die Läden bis der Schweiß von der Decke tropft…und natürlich immer noch am besten im Geburtsland, in UK! So ist es auch kein Wunder, dass wir mit viel Hoffnung, in der diesjährigen Ausgabe unserer Bands To Watch-Reihe die ein oder andere Band mit Gitarren in den Fokus setzen – alleine um mal wieder etwas anderes zu hören. Aber auch, weil eine Band wie Island uns schon mit ihren zuvor veröffentlichten EPs und gerade auch zuletzt auf Tour so weggeblasen haben, dass wir kaum noch den Release ihres Debüts im April (6.4. via Frenchkiss Records) abwarten können! Um die Band richtig in Szene zu setzen, haben wir sie in Berlin auf Tour zum Interview gebeten. Gestatten, Island – unsere erste Band to Watch in 2018!

Ach die hübsche Langsamkeit, die die Momente ziehen kann, dass sie einem vorkommen wie dickflüssige Honigschlieren – manchmal wünscht man sich mehr davon. Also mehr Langsamkeit, nicht mehr Honig. Für etwas mehr Slow Motion im Leben bedarf es gar nicht unbedingt einen Anfängerkurs in Achtsamkeit – es reicht auch die Musik von Island: Plötzlich ist alles zwei Takte behäbiger, ein wenig entrückt und vielleicht etwas weiter weg. Mit typischer Indie-Pop-Besatzung drapieren sie Gitarre, Schlagzeug und Bass unaufgeregt und erstaunlich aufgeräumt zu luftigen Songs. Die Stimme Rollo Dohertys bildet in ihrer verkratzen Rostigkeit zwar einen schicken Kontrast, beschwert aber keineswegs. Dass das funktioniert hat man bei Frenchkiss Records schon vor guten zwei Jahren bemerkt. Seither arbeitet die Band konzentriert und unerschrocken an ihrem Dasein im Musikbusiness.

Für eine junge Band bedeutet dies zunächst unermüdliches Touren. Als Vorband von Bands wie Palace sind die vier Jungs ordentlich herumgekommen, haben sich einen Namen gemacht und sind zusammengewachsen – auch im Gespräch funktionieren sie recht gut als Einheit. Den klassischen Sprecher, der für alle anderen antwortet, gibt es dabei nicht. Island lungern unprätentiös im Backstage der Kantine Berghain herum, das Catering steht noch da wie bestellt und nicht abgeholt und die Ränder der Käsescheiben auf den Brötchen bewegen sich langsam himmelwärts. „Essen ist wirklich ein Thema auf Tour, dass einem zusetzen kann!“ erzählt Jack Raeder, Bassist der Band. „Ich habe das langsam aufgegeben, auf die Ernährung zu achten.“ die Jungs lachen. „Nach und nach gibt man auch andere Dinge auf. Privatssphäre ist so ein Thema: Früher war ich da sehr eigen. Mittlerweile reichen mir Ohrstöpsel und fünf Minuten Ruhe um ganz für mich zu sein.“ Klingt wahnsinnig anstrengend, wenn Doherty versucht zu erklären, wie klein sein persönlicher Raum mittlerweile geworden ist. „Durchaus, aber ohne ein bisschen Anstrengung kommt man ja nirgendwo hin. Und es könnte schlimmer sein. Die meisten Dinge am Touren sind ja auch wahnsinnig cool. Man kommt herum, man trifft echt nette Menschen, man spielt so viel Musik!“

Island würden ihre letzten zwei Jahre ohne lange darüber nachzudenken als „On Tour“ bezeichnen. Neben alten Käsebrötchen ergab das vor allem eines: Ein Grundthema ihres Alltags, dass sich letztendlich auch auf ihr Debüt übertragen hat. „Unser Album ist extrem davon geprägt, unterwegs zu sein. Und ich meine gar nicht dieses romantische Reisen. Viel mehr die Tatsache, dass du plötzlich an einem Ort aufwachst, den du nicht kennst, den du aber auch nicht kennenlernst, weil du schnell weiter musst. Es geht auch um die Sehnsucht danach, anzukommen. Und vor allem eben um das schöne Gefühl, manchmal einfach zwischen den Orten zu sein.“ sinniert Drummer Toby Richards. Die Empfindung des „Nirgendwo“, also dem Dasein an einem Nicht-Ort, der einzig und allein dazu existiert, um einen zu transferieren, ist wohl auch die beste Erklärung für den Titel des Albums Feels Like Air.

 

Auf Tour wurde das Gefühl eingesammelt, zwischen den Tourblöcken dann genau dieses und auch alles andere, was die Jungs so umtreibt, in Musik übersetzt. „Wir haben uns getroffen und es ging wirklich schnell, die Musik zu schreiben. Dann sind wir auch recht zügig ins Studio gegangen.“ erklärt Doherty. Schreiben und Aufnehmen bedeutet für Island, dass alle gemeinsam werkeln. Wichtig hierbei ist Mike – nicht nur im Studio, sondern auch auf Tour. „Er ist sozusagen unser fünftes Bandmitglied und kümmert sich auf Tour um unseren Sound und hat auch unser Album aufgenommen. Er weiß genau, wann er sich bei uns einmischen, uns pushen oder zurückrufen muss. Er weiß genau was er tut.“ erklärt Wolfe. Mike hat während der Aufnahmen auch beherzt in die Pädagogik-Trickkiste gegriffen: „Er hat den metaphorischen Notfallknopf erfunden. Immer wenn wir nicht weiter wussten oder eine Diskussion nirgends hingeführt hat, sollten wir diesen betätigen. Das hat super funktioniert.“ Der in seiner Kreation schwierigste Song war der Titelsong „An Feels Like Air haben wir uns echt die Zähne ausgebissen. Da haben wir den Notfallknopf ganz gut abgenutzt.“ sagt Raeder und lacht.

Die Anstrengungen merkt man keinem einzigen Stück von Island an – vielmehr wirkt alles, als hätte man die Musiker auf Watte gebettet, bevor sie angefangen haben aufzunehmen. Zu hören bekommt man das Debüt der Londoner Boys erst im April. Bis dahin soll es aber einige Singles geben „Wir wollen die Leute auf unser Album vorbereiten.“ erklärt Doherty. Eine Tour wird es dann natürlich auch noch geben – lauter Nicht-Orte und Sehnsüchte nach neuen Zielen im neuen Jahr für Island also. Hoffentlich aber mit frischerem Käse.

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