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Veröffentlicht am 13.06.2018 | von Steffen Sydow

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A N N N A V R – I: Hallucination

Always want it all
Breathing while I fall
Flimsy parts of conversation
In the air realization
Fail to comprehend
My heart’s ability to bend
I’m an addict

(A N N A V R – Under the Sand)

Ähnlich wie mit einem erneuten Blick auf ein Gemälde oder ein Foto sind es die wiederholten Hördurchgänge eines Songs oder ganzen Albums, die nach und nach die besonderen Details aufdecken und ans Tageslicht bringen. So auch in der Musik der in Berlin lebenden Künstlerin A N N N A V R. Insgesamt vier Stücke umfasst ihre Debüt-EP ‘I: Hallucination’ und erscheint auf dem UK-Indielabel Zero Hours Records, welches Anfang des Jahres auch das Debütalbum von The Strokes-Produzent Gordon Raphael veröffentlicht hat.

Mit dem Stück Je t’aime on 20BPM wählt A N N A V R einen starken Opener für ihre EP, der innerhalb der ersten Sekunden durch surreale Klänge und Geräusche gepaart mit nahezu bedrohlich wirkenden Beats direkt den Raum füllt, ehe A N N A V Rs Gesang einsetzt und augenblicklich die Stimmung beruhigt und den Song zu verwandeln scheint. “I can see the light run across your face / Like two satellites, eyes from far away” singt Anna, während der Song sich weiter aufbaut und letztendlich in einem einzelnen Chorus zum Ausbruch kommt – neue Klangelemente kommen hinzu, die Gesangssprache wechselt ins Französische und eine leichte und wunderschöne Klaviermelodie begleitet das Stück bis zum Schluss. Als Hörer lehnt man sich nun zurück, staunt und fühlt sich ein wenig wie nach einer Achterbahnfahrt – so gut weiß die Künstlerin mit ihren musikalischen Elementen zu arbeiten und Emotionen zu entlocken.

A N N A V Rs Geschick in Sachen Komposition kommt nicht von ungefähr – bereits im Alter von neun Jahren erhielt sie klassischen Klavierunterricht, auf den Talentförderungen folgten, bevor Anna an Konservatorien in Amsterdam und New York Jazzpiano studierte. So ist der zweite Song der EP, Under the Sand, nicht weniger beeindruckend obgleich repetitiver in der Struktur. Erneut führt das Klavier durch das Stück, begleitet von vollen Beats und einem effektvoll gedoppelten Gesang. Thematisiert wird das plötzlich aufkommende Gefühl von Verlangen unter Freunden. Ein Tag am Strand, die beeindruckende Natur und Landschaft und eben Gefühle, die erwachen – all das aber in einem ganz natürlichen Kontext.

So kristallisieren sich als Hauptthema der EP – die in London und Berlin aufgenommen wurde – die wohl stärksten menschlichen Emotionen heraus: Verlangen und Verführung. So singt A N N A V R im letzten Stück der EP, Ode10999, eingebettet von Streicher-Passagen, dem vertrauten Klavier und Synthies: “No matter how fast I am, you slow me down / When others sleep we start to sing our song /Fais-moi une bise ma muse, feel the release / I’m losing myself in you / In our sweet insanity”. Die Stimmung ist hier bittersüß – luftig-leicht legt sich der Gesang über eine Komposition, die ein tagtraum-ähnliches Gefühl hinterlässt, wenn zum Schluß sogar das Meer zu hören ist.

I: Hallucination’ ist das Debüt einer Künstlerin, die man auf dem Radar haben sollte – eine besonderer Hörgenuss und Ode an das Klavier, dessen volle Schönheit sich mit mehrmaligen Durchgang dem Hörer erschließt.

A N N A V R – ‚I: Hallucination’
VÖ: 15.Juni 2018 ,Zero Hours Records
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