Musiknews

Veröffentlicht am 6.08.2019 | von Dominik

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A SUMMER’S TALE – ein Tag im Märchenwald


Foto-© Heiko Sehrsam

Es ist so etwas wie das Prestige-Projekt, das Summer’s Tale Festival, mit dem der große Festival- (Hurricane/Southside) und Tournee-Veranstalter FKP Scorpio irgendwie den Fuß in die Wohlfühl-Festival-Oase bekommen will. Und wahrhaftig ist das Festival in der Lüneburger Heide eine kleine Besonderheit auf dem hiesigen Festivalmarkt und gerade auch für den großen Veranstalter eine Möglichkeit Dinge anders zu machen, weshalb wir uns auch im fünften Jahr des Festivals auf den Festival-Donnerstag freuten!

Vor Ort angekommen wird schnell klar, dass die weiterhin um sich greifende Konzept-Optimierung weiter von statten geht, die große Zeltbühne ist dem Rotstift zum Opfer gefallen und auch die Hauptbühne wird am Donnerstag gar nicht erst von dem eh schon sehr raren Musikprogramm bespielt. Stattdessen dient die Waldbühne, auf der bei unserem letzten Besuch noch das Kinderprogramm spielte, zumindest den beiden Bands, die wir heute sehen wollen als Bretter, die die Welt bedeuten. Doch bevor Whitney und Die Nerven diese betreten können, erstmal bei bestem Wetter ein kühles Bier genießen. Dabei fällt als erstes – neben dem sehr ordentlichen Preis von 4,50 Euro für 0,4 Liter Bier – auf, dass auf dem gesamten Gelände keine Musik läuft. Was manch einer vielleicht als bewusstes Statement gegen Alltagslärm und Dauerbeschallung verstehen, fühlt sich vor Ort am Biertisch doch eher als etwas trostloses Geister-Event an, wozu auch passt, dass sich das Gelände, wie der Parkplatz auch erst sehr langsam füllt.

Und so wirken Whitney auch etwas irritiert als sie im großen Band-Set-Up um 19:30 Uhr die Bühne betreten und sich im malerischen Umfeld zumeist nur sitzende Familien und Kinder, die Fangen spielen, verirrt haben. Nichtsdestotrotz spielt die Band um Sänger und Schlagzeuger Julien Ehrlich und Gitarrist Max Kakacek ihr Set herunter, ohne große Ansagen zwischen den Songs zu machen, außer vielleicht auf die eigene Unsicherheit hinzuweisen, haben sie doch seit langem nicht mehr gespielt und die Songs des am 30. August erscheinenden neuen Albums Forever Turned Around live eh noch nie. Und trotz all der Widrigkeiten, dem etwas trägen Publikum und der verschüchterten Band entsteht hier trotzdem so etwas wie eine sommerliche Vintage Illusion, die alle dankbar annehmen, die aber leider entgegen unserer vorherigen Hoffnung nicht lange anhält.

Ähnlich verhält es sich auch beim Auftritt des deutschen Songwriters Matze Rossi, der auf einer kleinen Bühne solo mit Akustik-Gitarre spielt und dabei (zumindest für uns) kaum sichtbar ist. Dafür sind seine Ansagen und Geschichten aber ehrlich und sorgen bei den Besuchern für Lacher, wie fleißiges Mitsingen. Wir greifen lieber fleißig zum nächsten Kaltgetränk und schlendern noch mal über das Gelände, dass dann doch entgegen dem ansonsten so liebevoll verträumten Märchenwaldes doch wieder gewohnt Festival-Großveranstaltungsmäßig mit der Marken-Keule um sich haut. Nintendo ist da genauso vor Ort, wie diverse Getränke- und Zigaretten-Unternehmen, wobei wohl der Vogel vom großen Stand des Stift- und Füllfederhalter-Herstellers Lamy abgeschossen wird. Aber hey, ist halt bei aller Liebe zum Event doch eine Veranstaltung, bei dem es dem Veranstalter vor allem darum geht, Geld zu machen.

Und in etwa so deplatziert wie ein Füller-Hersteller bei einem Musikfestival, wirken dann auch Die Nerven als sie bei Dämmerung die Waldbühne betreten und für ordentlich Lärm und Punk-Attitüde sorgen. In der ersten Reihe tanzt ein Vater wild mit einem kleinen Kind auf dem Rücken, dem Kind gefällt’s, während die Band immer wieder die wilde Menge daran erinnert sich zu benehmen, da ja Kinder anwesend sind. Was sie nicht stört, immer wieder ihren Wall of Sound aufzuschichten, auf dass auch das letzte Kleinkind im Zelt dem aufpassenden Elternteil wieder wach wird. Doch das ist zumindest den anwesenden egal, denn das war eine verdammt geile Show – wie sich das auf einem Musikfestival eigentlich gehört, auch wenn die Musik an diesem ersten Festival-Tag des Summer’s Tale Festival irgendwie nebensächlich wirkt.

Das ist dann auch irgendwie das große Minus des ansonsten sehr schönen Festivals, das obendrein auch an jeder Ecke wirklich happige Preise verlangt. Irgendwie geht es hierbei unter der Flagge eines Musikfestivals gar nicht mehr wirklich um die Musik, werden doch vielmehr Workshops und ähnliches angeboten, als die paar Auftritte von Bands. Und seien wir doch mal ehrlich: ist es nicht irgendwie auch komisch, wenn ein großer Veranstalter-Riese es den kleinen ehrenamtlichen Herzblut-Festivals nachmacht, das Konzept kommerzialisiert und damit dann Reibach machen will? Wenn man darüber hinwegschaut, eh nur 1-2 Konzerte am Tag sehen will und ansonsten viel lieber einen Workshop besucht oder etwas Yoga macht und auch gerne mal etwas mehr bezahlt, genau dann ist man hier richtig, im Märchenwald, beim Summer’s Tale!

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