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Veröffentlicht am 30.08.2019 | von Dominik

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SULTANS COURT – Track by Track

Foto-© Kelvin Buegler

Heute erscheint mit From Afar die Debüt-EP der Berliner Band Sultans Court, die es sich in ihrer kurzen Geschichte zum Markenzeichen gemacht hat, Fragen und Themen visuell aufzuzeigen. So beschäftigen sich die Herren mit Toxic Masculinity, dem Phänomen der Hikikomori oder auch der Bedeutung des Körpers in der digitalisierten Gesellschaft. So regt das Debüt natürlich zum Nachdenken an, ist gleichzeitig aber auch mitreißend und eingängig – genug Stoff also um der Band mal ordentlich auf den Zahn zu fühlen und jeden Song großzügig zu durchleuchten. Das machen wir mit unserem Track by Track zu From Afar:

1. Shutdown

Dieser Track baut auf ein paar Samples von asiatischen Instrumenten, über die Konsti mal gestolpert ist und einem Arpeggiator, welchen wir eher durch einen Unfall entdeckt und dann am Ende drin gelassen haben, auf. Der Song war in seiner Grundform recht schnell gefunden, es hat aber sehr viel Detailarbeit gebraucht bis er uns wirklich gefallen hat. Dadurch haben wir in der Zeit extrem viel dazugelernt. Das war am Ende entscheidend dafür, dass wir die EP selbst produziert und abgemischt haben. Bei uns sprechen immer die Songs ihre eigenen Themen an und wir lassen uns von ihnen zu unseren Themen leiten. In diesem Fall endeten wir bei dem Thema Hikkikomori. Julius hatte das schon seit Jahren beschäftigt und er hatte irgendwann in der Vergangenheit mal bei einem Theaterstück mitgewirkt, was davon handelte. Hikkikomori sind 20-30 Jahre alte Menschen, die sich für Jahre einsperren, nicht mehr aus ihrem Zimmer kommen und sich größtenteils durch das Internet sozialisieren. Daher rührt der Titel Shutdown.

2. No Man’s Land

Angefangen hat alles mit einem schlichten Loop aus Orgel und Drums. Konsti hatte diesen, inspiriert von einem Hip-Hop Beat, gebaut. Der Rest kam dann sehr natürlich zusammen. Er lag dann ziemlich lange rum, wir haben ihn immer wieder gehört aber wussten kaum etwas zu verändern. Er fiel einfach so wie die Klinke ins Schloss. Das ist echt was besonderes, weil das bei uns doch echt selten der Fall ist. No Man’s Land ist thematisch wohl letztenendes ein verdrossener Love Song. Julius erste Gesänge sind immer Mumble Vocals , Gesangsaufnahmen aus unzusammenhängenden Wortfetzen, bei denen die Melodie im Vordergrund steht . Das Unterbewusstsein trägt da seinen Teil bei und einige Sätze deuten dann auf ein Thema hin. Mit No Man’s Land ist das digitale Niemansland gemeint. Wir thematisieren die fehlende Körperlichkeit beim digitalen Kontakt und gleichzeitig der Versuch dieses Vakuum durch irgendwelche neuen Medien zu füllen; ein Teufelskreis. 

3. Haunted

Der Ausgangspunkt war eine Gesangsmelodie von Julius, wir hatten es aber einfach nicht geschafft einen passenden Refrain zu finden. Alle Versuche klangen uns immer einen ticken zu kitschig. Der entscheidende Moment war hier wohl der, als Konstantin aus ein paar Gesangsskizzen, die Julius zuvor gesungen hatte, eine neue eigenständige Melodie zusammenschnippselte. Irgendwann kam dann der Bass hinzu, der uns dazu bewegte große Teile des Songs zu reduzieren und den Track darauf zu fokussieren. Als wir den finalen Gesang aufnahmen fiel es uns sehr schwer, den Vibe von der Demo zu reproduzieren, denn Julius sang “zu gut”. Am Ende fanden wir mit dem 80. Take eine Fassung, die uns gut gefiel. Zu dem Zeitpunkt war Julius so müde, dass er aufs Bett fiel und auf der Stelle einschlief; mitten am Tag. Der Track stellt so gesehen die Müdigkeit dar.

4. Aroma

Dieser Track ist einer der ersten gewesen, die wir gemeinsam geschrieben haben. Dementsprechend stark hat er sich dann über die Zeit verändert. Würden wir euch die erste Demo zeigen, würdet ihr ihn wahrscheinlich nicht wiedererkennen. Die Demo war damals der Moment wo wir beide gemerkt haben, dass wir das gemeinsame produzieren weiter verfolgen wollen. Wir haben ziemlich überladen angefangen, irgendwann begannen wir, alles zu reduzieren. Wir haben uns schon immer ziemlich schwer getan mit Refrains. Oft tendieren sie bei uns dazu, zu aufgedunsen zu werden. Etwas, was wir gelernt haben mit diesem Track ist, dass man sich nicht zu viel Druck machen lassen sollte vom Refrain, und es nicht immer größer und weiter sein muss sondern oft die Lösung schon da ist, wenn man nur hinhört. Eine einmalige Sache war noch, dass Konsti beim Übersetzen für die Liveshow plötzlich am Ende des Songs ein Gitarrenriff rausgehauen hat, was uns so gut gefiel, dass wir es in die Produktion übernahmen.

5. Disembodied

Dieser Track basiert auf einer der ersten Skizzen von Julius, die er in seinen Anfängen als Musikproduzent mit der Native Instruments Maschine zusammengestellt hat. Damals hatte er den Gesang noch mit seinem Laptop Mikrofon aufgenommen und die blieben auch für die längste Zeit der Produktion genau so. Am Ende hatten wir uns so sehr daran gewöhnt, dass wir die finalen Gesangsaufnahmen zunächst so bearbeiteten, dass sie genauso klangen wie von eben jenem Laptop Mikrofon. Wir konnten uns erst kurz vor der Fertigstellung des Songs davon lösen. Im Text geht es um den Verlust der Identität durch einen Verlust des Bezugs zum eigenen Körper, weil der Protagonist seine meiste Zeit im Internet mit zahllosen Identitäten unterwegs ist. Darauf brachte uns ein Wort im Text der ersten Demo, welches jetzt den Titel des Songs bildet. Julius hatte das Wort erstmal wie im Fiebertraum gesungen, obwohl er es vorher noch nie ausgesprochen hatte und dachte erst, dass es das Wort gar nicht gibt. Die Bedeutung gefiel uns dann aber so gut, dass wir den restlichen Text auf dieses Wort aufbauten.

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