Kritik

Veröffentlicht am 1.10.2019 | von Anja Haque

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DEUTSCHSTUNDE – Filmkritik

Die glauben, dass Malen gefährlich ist.

(Siggi Jepsen – Deutschstunde)

Man würde fast meinen, man schaut einen Schwarz-Weiß-Film. Monoton-getauchte Kulissen zwischen ostfriesisch-heimeligen Stuben und den Weiten des Watts. Wären da nicht die expressionistischen Gemälde mit ihren kraftvoll bunten Farben, die wie fehl am Platz wirken. Für das nationalsozialistische Regime war dies auch so, denn für sie sind sie entartet. So werden den farbenreichen Gemälde ihren Ausstellungsorten entrissen, denn gefährlich war diese Kunst, weil sie als Ausdrucksmittel für Gefühle und Wahrnehmungen und somit auch als eine Kritik an der Wirklichkeit verwendet wurden.

Der junge Siggi Jepsen (Tom Gronau), gefangen in einer Strafanstalt, soll mittels eines Aufsatzes über „die Freuden der Pflicht“ ebenfalls Emotionen zum Ausdruck bringen. Weil ihm diese Aufgabe zunächst nicht gelingt wird er zur Einzelhaft verdonnert und findet sich in seiner Kindheit während des Zweiten Weltkriegs wieder. Sein Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) ist Polizist eines kleinen norddeutschen Dorfs und wird zum Bewachen des expressionistischen Künstlers und zugleich Siggis Patenonkel Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) verordnet. Siggi steht (als Kind: Levi Eisenblätter) nun zwischen den zwei maskulinen Autoritäten in seinen Leben. Auf der Suche nach Anerkennung lernt er Pflichten wie Freuden kennen, die wie Gut und Böse nicht immer zu vereinbaren sind. Als wäre diese Verwirrung nicht genug muss er auch noch zwischen Recht und Unrecht entscheiden und vergisst dabei, dass Recht nicht jedem zu steht und Gerechtigkeit damit nichts zutun hat.

Nach dem Roman von Siegfried Lenz schafft Christian Schwochow in seiner gelungenen Neuverfilmung ein Coming-of-Age Drama, in dem die Zerrissenheit und der innerlichen Zwiespalt des jungen Protagonisten als Einzelfall und doch für eine ganze Generation steht. Durch ein Zusammenspiel von monoton-gedeckten Farben des Settings und den kontrastreichen leuchtenden Farben der Bilder, die gefährlich sind, wird auch dem strahlend blaue Himmel eine verhängnisvolle Bedeutung gegeben und trägt zu dem Wechselspiel zwischen Gut und Böse bei. Es wird deutlich gemacht, dass dies sowohl für Siggi als auch für den Zuschauer kein leichtes Unterfangen ist.

Deutschstunde (D 2019)
Regie: Christian Schwochow
Darsteller: Tobias Moretti, Ulrich Noethen, Levi Eisenblätter, Tom Gronau, Sonja Richter, Johanna Wokalek
Kinostart: 3. Oktober 2019, Wild Bunch Germany

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