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Veröffentlicht am 17.02.2020 | von Andreas Peters

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AGNES OBEL – MYOPIA

Foto-© Alex Brüel Flagstad

But the road through most will lead you back
And I will be with you
For the road of your mind will eat you up
On your island of doom
Where the voices all have gathered up
To a choir of fools
But I know my mind will reach you there
And I will be with you

(Agnes Obel – Island Of Doom)

„So how does the night feel / when the lights fade out?“ Wenn man sich einmal in die Welt von Agnes Obels neuem Werk Myopia hineinbegeben hat, dann möchte man am liebsten sagen: genau so. Die dänische Künstlerin mit Wohnsitz in Berlin gilt bereits seit einiger Zeit als eine der eigenwilligsten und innovativsten Acts der Gegenwartsmusik. Stilistische Elemente aus klassischer Musik und melancholischem Songwriter-Pop verbindend – die Einflüsse der Dänin reichen von Bartok, Chopin und Debussy bis hin zu PJ Harvey und Joni Mitchell – schafft die Musikerin instrumental geprägte atmosphärische Klangwelten, die man vielleicht am ehesten mit einer melodischen Traumfahrt in die Tiefen des eigenen Bewusstseins umschreiben könnte.

Auf Myopia (was zunächst wie ein tönendes Fantasiewort klingt, auf Deutsch aber einfach nur „Kurzsichtigkeit“ bedeutet) bekommt man einen Eindruck davon, wie künstlerische Isolation und Abschottung von allen äußeren Einflüssen in melancholischen Klangwelten aufgehen kann, in der es allein nur noch um das geschaffene Kunstwerk geht. Das waren Agnes Obels Voraussetzungen für den Entstehungsprozess des Albums. Sie sagt dazu selbst: „The albums I’ve worked on have all required that I build a bubble of some kind in which everything becomes about the album.” Diese Versenkung wird dann auch gleich im ersten Track Camera Rolling erfahrbar. Ein subtil akzentuierter Klavierreigen bringt die Fahrt ins Rollen, die zarten Vokale geben die Stimmung vor und das wirkungsvolle Cello-Pizzicato geben den Stakkato-artigen Takt an, der aber durchweg von Agnes Obels sphärischer Stimme durchdrungen wird. Man fühlt sich eher wie im atmosphärischen Abspann eines Films und doch ist das erst der Beginn der Reise. Broken Sleep, in der die Künstlerin Zustände nicht enden wollender Rastlosigkeit in ein sehr verspieltes Stück verwandelt, ist die nächste Station, die sich auf einer lyrischen Ebene jedoch schon gänzlich in einem traumgleichen Niemandsland befindet: „Sea of trees calling humans / Hang like leaves from the willow“.

Die Bilder sind tief, gar existenziell, und inmitten orchestraler Symphonie steigt die Sängerin aus dem klangvollen Dunst der Musik mit ihren gefühlvoll vorgetragenen Vokalpassagen wie eine inbrünstige Erzählerin von Geschichten hervor. Diese sind oft eindrückliche Monologe, oft von dystopischer Atmosphäre gekennzeichnet. Jedoch umarmen sie uns Hörer zugleich durch die einlulllende klangliche Harmonie gefühlvoll und entlassen uns in eine Welt, die sich tatsächlich wie eine „bubble of some kind“ anfühlt. Eine akustische Dunkelkammer in der die Kunst alles ist und außer ästhetischer Wahrnehmung nichts mehr von Bedeutung ist. „I need to create my own myopia to make music“, sagt die Künstlerin über ihre Platte und das kommt hier sehr deutlich zum Vorschein. Wie sehr die Geschichten von Agnes Obel dabei von persönlicher Natur sind, davon zeugt Island Of Doom, ein Song über den schmerzlichen Verlust eines geliebten Menschen. Und wenn sie dann singt: „Where the voices all have gathered up / To a choir of fools / But I know my mind will reach you there / And I will be with you“, dann steht die eigene Welt einfach kurz still. Hier wird eine Stimmung, ein Gefühl geschaffen, das in dieser eindrücklichen Form wirklich nur wenigen Künstlern gelingt.

Meisterhaft verknüpft Agnes Obel auf ihrem vierten Album komplexe Textwelten mit atmosphärischen und elegischen Klängen, die sich mit ihrer Fusion irgendwo zwischen Klassik, Pop und Jazz bewegen und dabei doch etwas Neues bilden. Dabei erkennt man ihren Ansatz, Lieder zu schaffen, die in ihrer Gesamtheit aus Geschichten, musikalischer Tiefe und Produktion hervorstechen: „For me the production is intertwined with the lyrics and story behind the songs”. Wie wahr. Und fasst das nicht genau zusammen, was uns alle an Musik so begeistert?

Agnes Obel – Myopia
VÖ: 21. Februar 2020, Deutsche Grammophon
www.agnesobel.com
www.facebook.com/agnesobelofficial

Agnes Obel Tour:
29.02. Carlswerk Victoria, Köln – ausverkauft
01.03. Capitol, Mannheim – ausverkauft
02.03. Laeiszhalle, Hamburg – ausverkauft
16.03. Admiralspalast, Berlin – ausverkauft
17.03. St. Matthäus Kirche, München – ausverkauft
29. – 30.08. Golden Leaves Festival, Darmstadt

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