Kritik

Veröffentlicht am 17.03.2020 | von Helena Barth

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WAVES – Filmkritik


Foto-© A24

You have so much love to share with the world and so much life yet to live.

(Ronald Williams – Waves)

Dass das Leben von Highschool- Schülern heutzutage nicht einfach ist und von enormen emotionalen Stress und sowohl gesellschaftlichen als auch familiären Druck gezeichnet ist, zeigt der Alltag des 18- jährigen Tyler Williams (Kelvin Harrison Jr.). Neben Schularbeiten, der Vorbereitung aufs College und dem zeitintensiven Hobby, das ein Sport-Stipendium ermöglichen könnte, möchte er sein Privatleben nicht zu kurz kommen lassen und dabei den Erwartungen von Eltern und Freunden gerecht werden. Tyler und besonders sein ambitionierter Vater Ronald Williams (Sterling K. Brown), der selbst durch harte Arbeit seiner Familie ein Leben im oberen Mittelstand ermöglicht hat, haben den zukünftigen Werdegang des jungen Mannes bereits gründlich voraus geplant. Doch die Fassade seines anscheinend ausfüllenden, jedoch ruhelosen Lebens beginnt zu bröckeln, indem plötzlich unerwartete, tragische Ereignisse in Tylers Leben vorfallen. Diese beeinflussen zudem das Leben seiner Schwester und wichtigsten emotionalen Stütze (Taylor Russell) so gravierend, dass die Zukunft der gesamten Familie eine unerwünschte Entwicklung nimmt.

Die erste Hälfte von Waves ist wie ein Orkan und fegt – im wahrsten Sinne des Wortes – pochend, pulsierend und dröhnend nicht nur über die Charaktere hinweg. Auch der Zuschauer ist von der ersten Szene an so nah an Tylers Seite, dass sich die Pulsschläge regelrecht synchronisieren. Dies ist vor allem der audiovisuellen Inszenierung zu verdanken. Die Kamerafahrten drehen sich immer wieder wahrhaftig um die Figur von Tyler und fangen somit das Gefühl der Ruhelosigkeit und Ausweglosigkeit ein, was sein Leben primär bestimmt. In Kombination mit der äußerst intensiven Farbgebung, das gesamte Farbspektrum von Blau- und Rottönen wird vollends ausgeschöpft, und der einprägsamen Musikgestaltung, die jede Szene durch exakte Taktung um ein vielfaches verstärkt, spürt man die Kaskaden an Energie, die nur so auf die eigene Gemütswelt herunterstürzen. Teilweise entsteht der Eindruck man befinde sich in einem Fiebertraum, aus dem man so schnell wie möglich erwachen möchte. Auch wenn das, was gezeigt wird nicht unbedingt für jedermann aufreibend zu sein scheint, da es sich zum Teil um alltägliche Begebenheiten handelt, so ist es deren Umsetzung, die den immer so subtil präsenten Druck und Schmerz, den der junge Tyler mit sich trägt, spürbar macht.

Einen ganz klaren Fokus legt der Film auf den gesellschaftlichen Druck, im Leben gewisse Erwartungen erfüllen zu müssen, auch wenn diese nicht unbedingt mit den eigenen Vorstellungen und Wünschen überein stimmen. Seien es die Erwartungen der Familie, der Freunde oder einfach dem gesellschaftlichen Idealbild eines erfolgreichen und beliebten Mannes zu entsprechen. Und gerade die Erfüllung dieses Bildes, einer toxischen Maskulinität, das durch die dominante Vaterfigur vermittelt wird, löst schlussendlich einen Sturm aus, der unausweichlich zu sein scheint. Tyler möchte jedem und besonders seinem Vater gefallen und unterdrückt dadurch nicht nur die Warnsignale seines Körpers, sondern auch die negativen Gefühlen, die mit einher gehen und irgendwann überhand nehmen.

Nachdem der Orkan abgeklungen ist, setzt die zweite Hälfte des Films mit einem lindernden Sommerregen in Gestalt seiner Schwester Emily ein. Nachdem man mit Tyler auf tragische Weise gelernt hat, dass alles, was man kennt und liebt, plötzlich in sich zusammen brechen kann und das manchmal so schnell und erschreckend, dass man sich an einem Punkt im Leben wiederfindet, an dem man zu ersticken droht und an dem man sich wertlos und nutzlos fühlt, tritt Emily in den Mittelpunkt der Handlung. Für sie ist es zu Beginn nicht einfach die Konsequenzen und Auswirkungen des Sturms, den unter anderem Tyler verursacht hat, bewältigen oder gar damit leben zu können. Und so begibt sie und der Zuschauer sich auf den Weg einer emotionalen Katharsis. Wo sich Tyler mit seinen Gefühlen nicht auseinandersetzen konnte, lernt Emily ein Verständnis für diese. Die gesamte Tonalität des Filmes ist nun eine vollkommen andere und unterstreicht mit einer milden Farbgebung und sanfter sowie lebensbejahender Musik, dass nach jedem Sturm auch wieder die Sonne zu scheinen vermag.

Im Kern handelt Waves von einem klassischen Familiendrama, das in den Charakterisierungen der einzelne Familienmitgliedern einer typischen griechischen Tragödie fast gleich kommt. Doch vor allem die unkonventionelle Narrative und der herausstechende Soundtrack (komponiert von, bei solch einem gefühlsgeladenen Film nicht unbedingt überraschend, Trent Reznor und Atticus Ross von Nine Inch Nails) zeigen die subtilen Schichten der Komplexität von Gefühlen auf und machen dieses Familiendrama in seiner Inszenierung zu einer Achterbahnfahrt der Gefühle, die man bei weitem nicht unterschätzen darf. Mit 135 Minuten zeigt Waves, dass tatsächlich alles seine gewisse Zeit braucht und obwohl es anstrengend und zu einem gewissen Grad schrecklich sein kann, gibt es dennoch immer und überall Hoffnung, dass mit der Zeit vielleicht zwar nicht unbedingt alles besser wird, aber dass ein guter Anfang auch auf ein erschütterndes Ende foglen kann. Das Leben hat seine Höhen und Tiefen und bringt immer wieder Chancen um zu vergessen, zu vergeben, zu trauern, um wieder aufzubauen und um zu lieben und geliebt zu werden.

Waves (USA 2019)
Regie: Trey Edward Shults
Besetzung: Kelvin Harrison Jr., Taylor Russell, Sterling K. Brown,Renée Elise Goldsberry, Lucas Hedges
Kinostart: 19. März 2020, Universal Pictures International Germany

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