Kritik

Veröffentlicht am 7.04.2020 | von Sara Lingstädt

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ARETHA FRANKLIN: AMAZING GRACE – Filmkritik


Foto-© Amazing Grace & Weltkino

She never left church.

(Reverend C.L. Franklin – Aretha Franklin: Amazing Grace)

Aretha Franklin war eine der besten Sängerinnen aller Zeiten. Das zeigen allein die drei Fakten, die man zu ihr findet: 75 Millionen verkaufte Tonträger; die erste Frau, die in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen wurde (1987); drei Auftritte bei Inaugurationsfeiern (Carter, Clinton, Obama). Nun kann man sich auch selbst von der außergewöhnlichen Performance der „Queen of Soul“ überzeugen. Mit Amazing Grace ist nun endlich – nach immerhin fast 50 Jahren – ein Dokumentarfilm entstanden, der die Live-Aufnahmen von Aretha Franklins legendärem Gospelalbum Amazing Grace zeigt. An zwei Abenden sang sie in der New Temple Missionary Baptist Church in Los Angeles die Gospelsongs ihrer Kindheit. Auch ihr Vater Reverend C.L. Franklin taucht in dem Film auf und erzählt stolz über die Stimme seiner Tochter, deren Kraft, wie er sagt, so schwer zu beschreiben ist. Daher ist es ganz faszinierend in das Jahr 1972 einzutauchen. Menschen mit bauschigen Afros sieht man im Publikum der Kirche, Musiker in Anzug und Krawatte, ein sitzender Chor in Glitzerwesten und ganz vorne steht die 29-Jährige Aretha Franklin. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits 21 Singles in den US-Top 20 platziert, zu denen Hits wie Respect und Think gehörten. Obwohl sich die Sängerin nie wirklich als Schauspielerin versucht hat, ist dennoch ihr Auftritt im Film Blues Brothers bekannt geworden, wo sie die Besitzerin eines Soulfood-Cafés spielt, die ihren Ehemann nicht wieder an die Band verlieren will.

Offenbar inspiriert durch den finanziellen Erfolg von Mike Wadleighs Festivalfilm Woodstock wurde Oscar-Preisträger Sydney Pollack mit der Regie für die 16mm-Mehrkamera-Aufnahme beauftragt. Doch dieser hatte noch nie zuvor einen Dokumentarfilm gedreht und offenbar war es niemandem im Vorfeld aufgefallen, dass es später sehr schwierig werden könnte, Ton- und Bildspur zu synchronisieren, wenn keine Klappe benutzt und fünf Kameramänner gleichzeitig irgendwo drehen. Dass es doch eine Veröffentlichung des Materials gibt, ist den technischen Möglichkeiten der Digitalwelt zu verdanken und dem Produzenten Alan Elliott.

Das Konzert beginnt mit Wholy Holy von Marvin Gaye und geht weiter mit Klassikern wie Precious Lord und How I Got Over von Clara Ward. Die Bilder verdeutlichen Momente, die sehr berühren – wie wenn beispielsweise James Cleveland, seinerseits als „King of Gospel“ bekannt, das Klavier stehen lässt und weint. Aretha Franklin selbst wirkt die meiste Zeit nach innen gekehrt, professionell und fokussiert auf ihren Gesang. James Cleveland übernimmt die Moderation und zeigt gleichzeitig wie sehr er Aretha Franklin bewundert. Die Zuschauer im Publikum sind ebenfalls gerührt, bewegt und geben der Queen of Soul zum Abschluss des ersten Tages nach der beeindruckenden Performance des Klassikers Amazing Grace tosenden Applaus. Während man am ersten Konzertabend kein einziges weißes Gesicht im Publikum erkennt, sind am zweiten Konzerttag ganz hinten klatschend zwei junge Typen zu sehen, die sich als Mick Jagger und der junge Charlie Watts entpuppen. Auch sie waren damals schon Aretha Fans und haben sich inspirieren lassen.

Amazing Grace (USA 2018)
Regie: Alan Elliott, Sydney Pollack
Cast: Aretha Franklin, James Cleveland, Southern California Community Choir, Alexander Hamilton, C.L. Franklin, Mick Jagger
Heimkino-VÖ: 3. April 2020, Weltkino

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