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Veröffentlicht am 11.05.2020 | von Anne Beier

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PERFUME GENIUS – Set my heart on fire immediately

On the floor
I pace, I run my mouth
I pray and wait
I cross out his name on the page

How long ‚til this washes away?
How long ‚til my body is safe?
How long ‚til I walk in the light?
How long ‚til this heart isn’t mine?

The rise and fall
Of his chest on me
I’m trying
But still it’s all I see

The violent
Current of energy
I hide it
Away and underneath

(Perfume Genius – On The Floor)

Foto © Camille Vivier

Mit dem letzten Perfume-Genius-Album No Shape, das Mike Hadreas 2017 veröffentlichte, manifestierte er seinen Status als gefeierter Ausnahmekünstler am Rande des Pop-Mainstreams, als queere Ikone. Von KritikerInnen als eines der besten Alben des Jahrzehnts betitelt, in zahlreichen Soundtracks adaptiert – die Erwartungshaltung, was wohl als Nächstes komme, wuchs. Das Warten hat ein Ende, am 15. Mai erscheint mit Set My Heart on Fire Immediately das fünfte Studioalbum des Projekts bei Matador Records. Eine feierliche Hommage an die menschliche Nähe – wann wäre ein besserer Zeitpunkt dafür als jetzt? Das Album wurde während und nach einer prägenden Kollaboration mit dem Musik- und Tanzprojekt The Sun Still Burns Here geschrieben. Hadreas verbrachte fast ein Jahr damit, an der Seite der in Seattle lebenden Choreografin Kate Wallich und ihrem Tanzensemble The YC Texte und Bewegungen zu entwickeln. Die Wärme und Zärtlichkeit, die ein solch intimes Projekt mit sich bringen, durchdringen auch das aktuelle Album. Zwar behandeln die Songs nach wie vor Konzepte der Maskulinität, Geschlechterrollen, Liebe, Sex, Körperlichkeit, der Sound ist jedoch nahbarer und melodischer als auf den Vorgängerplatten – ohne seine große künstlerische Komplexität zu verlieren. Das Album wurde in Los Angeles aufgenommen, wo der in Seattle aufgewachsene Hadreas lebt. Wie schon beim Vorgänger arbeiteten er und sein langjähriger Partner Alan Wyffels mit dem Grammy-nominierten Produzenten Blake Mills (Alabama Shakes) zusammen.

Die Biografie zum Album, die vom Autor Ocean Vuong (Auf Erden sind wir kurz grandios) stammt, beginnt mit den Worten: „Can disruption be beautiful? Can it, through new ways of embodying joy and power, become a way of thinking and living in a world burning at the edges?” Und schon der Opening-Track Whole Life zeigt, dass die Antwort auf diese Frage „Ja“ heißen muss. Das Stück fokussiert auf die hier sehr verletzlich klingende Stimme Hadreas’, im Hintergrund steigert sich die Musik von simpler Pianobegleitung zu einer Klangfläche dominiert von Streichern, unterbrochen von interessanten Dissonanzen – das Experimentelle mischt sich mit intimer Verletzlichkeit und setzt den Ton für die kommenden Tracks. Aber die Platte hält auch echte bittersüße Pop-Songs bereit: On the Floor, die zweite Singleauskopplung, ist dynamisch und tanzbar. Aber über den dynamischen Synthesizern und trügerischen, üppigen Harmonien hinaus ist der Gesang fast schmerzhaft in seiner Ernsthaftigkeit.

Hadreas hat einmal in einem Interview gesagt, dass sich Musik gut anfühlt, wenn sie von ihm verlangt, seine Komfortzone zu verlassen. Vielleicht kommt daher auch die Entscheidung, in seiner natürlicheren, niedrigeren Tonlage zu singen, die ihm als aufsässig erschien, weil es ungewohnt klingt. Hier lebt das Album von Kontrasten. Betörend ist Hadreas’ Falsett vor Spinettbegleitung in der Ballade Jason, die von einer Begegnung mit einem Mann erzählt, der sich beim Sex nicht einmal die Mühe machte, sich auszuziehen. Im eindringlichen Nothing At All sind es gerade die tieferen Töne in seiner Stimme, die überzeugen. Auch die umfangreiche Instrumentierung, immer wieder neu eingesetzt, arrangiert und interpretiert, macht die Tracks auf dem Album so hörenswert. Die künstlerische Tiefe fängt ein und lässt das Album auch nach 13 Tracks nicht langweilig wirken. Neben vielen klassischen Instrumenten und Poptönen gibt es sogar einige Steel-Gitarren im lässigen Without You. Das Thema von Set My Heart on Fire Immediately sind verschwimmende Grenzen zwischen physischer und psychischer Nähe – besonders bewegend im minimalistischsten Track der Platte vorgebracht: Touch Me Deep ist ein Innehalten in dieser kunstvollen Platte, wo oft viel auf einmal passiert.

Wie alle Perfume-Genius-Platten ist Set My Heart von Fire Immediately kein Leichtgewicht. Das Album ist eine emotionale künstlerische Reise in die Tiefen der menschlichen Seele – voller Widersprüche, Dissonanzen und Auflösungen. Dabei ist die starke Körperlichkeit beim Entstehungsprozess zu hören. Das aktuelle Album ist eine Weiterentwicklung, eine Art Angekommen sein, das sich aber nicht in Stillstand ausdrückt, sondern es versteht, unterschiedliche Facetten und Gegensätzlichkeiten zusammenzuschmelzen.

Perfume Genius – Set My Heart on Fire Immediately
VÖ: 15.05.2020, Matador Records
https://perfumegenius.org
https://www.facebook.com/perfumegeniusofficial/

YouTube video

 

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