Interviews

Veröffentlicht am 30.09.2020 | von Hella Wittenberg

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CRUCCHI GANG – Interview

Foto-© Universal Music

Wie wohl Bilderbuchs Bungalow, Element of Crimes Weißes Papier oder auch Das Mädchen von Kasse 2 von Thees Uhlmann auf Italienisch klingen würden? Die Crucchi Gang hat das ausprobiert, was nicht mal mit etwas mehr Fantasie auf dem Konto so leicht umzusetzen zu sein scheint. Charlotte Goltermann, Francesco Wilking und Patrick Reising haben sich als Heads of Crucchi Gang an deutsche und schweizer Artists mit der Bitte gewandt, ihre Stücke auf Italienisch einzusingen. Herausgekommen sind zehn Songs, die trotz aller melodischer Bekanntheit auch neu wirken.

Wie dabei vorgegangen wurde, was der Grund für diese Italo-Hit-Platte war, welche Künstler*innen bei einer möglichen zweiten der Völkerverständigungssupergroup mit am Start sein könnten und warum das am Ende doch alles nichts Persönliches für ihn ist, erzählte Francesco Wilking im Interview.

Habt ihr aufgrund von Corona gehadert, ob ihr das Album überhaupt zu diesem Zeitpunkt veröffentlichen wollt?
Wir wollten sie jetzt rausbringen, weil es sich für uns eh schon anfühlte, als würde es etwas länger gedauert haben. Das Zusammenbringen von allen, das Rumschicken und Redigieren der Texte. Die Übersetzungen haben mich viel Zeit gekostet, weil ich sicher gehen wollte, das Richtige zu sagen. Da musste schon mal ein Cousin oder eine Freundin angerufen werden.

Selbst wenn eine Übersetzung am Ende stimmig erscheint, gibt es jedoch nicht die eine Wahrheit für eine Zeile, oder?
Stimmt, auf Deutsch hätte ich auch große Probleme damit zu sagen, dass man etwas nur auf eine bestimmte Weise ausdrücken darf. Die Kunst ist ja frei. Es gibt viele Texte, bei denen mir nicht klar ist, was genau sie bedeuten. Bei der Höchsten Eisenbahn schreiben wir die Songs zu zweit und wenn jeder eine Strophe schreibt, kann es vorkommen, dass ich nicht weiß, was Moritz mit seiner meint. So eine Textzeile von ihm wäre: „Ich bin übers Wasser, mit meiner Flugangst, die Tore im Sand und die Hände in der Luft.“ Aber trotz dessen ich mir der Bedeutung nicht sicher bin, habe ich ein Bild davon.

 

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Unter dem Lyrik-Video zu Il mio bungalow fragt sich auf YouTube jemand, ob nicht doch einiges bei der Übersetzung verloren gegangen ist.
Ich habe doch alles so übersetzt, wie es sein soll, also eigentlich nicht. Aber im Italienischen sagt man, dass der traduttore auch immer ein traditore sei also der Übersetzer ein Verräter. Und ja, das Übersetzen kann man sich bildlich wie ein Boot vorstellen, das von einem Ufer zum anderen will. Auf dem Weg können Sachen herausfallen, aber von Bäumen können auch neue ins Boot gelangen. Man verliert also nicht nur, sondern gewinnt auch dazu. Ich finde das schön. Jedes Stück ist durch die Übersetzung zu einem anderen geworden.

Wusstest du anfangs genau, was du mit der Platte erreichen wolltest?
Gar nicht, ich habe erst mal einfach zugesagt, als Charlotte Goltermann mit der Idee auf mich zukam. Das Feedback war gut, nachdem ich die übersetzten Songs mit der Gitarre in mein Handy reingeschrummelt und den Leuten mit der Frage zugeschickt hatte, ob sie Interesse am Mitmachen hätten. Je mehr ich gemacht habe, desto stärker hat mich das dann auch gepackt und begeistert. Am Anfang war das nicht so. Klar, ich weiß, dass ich schon immer mal was auf Italienisch machen wollte. Aber ich dachte, dass ich meine Lieder auf Italienisch schreiben und so eine Platte rausbringen werde.

Foto © Hella Wittenberg

Foto © Hella Wittenberg

Also hast du dein italienisches Soloprojekt für die Crucchi Gang beiseitegeschoben?
Nicht direkt beiseitegeschoben, das dauert eh länger. Das ist noch ein viel größeres Projekt, bei dem alles perfekt sein muss. Deshalb habe ich bei der Crucchi Gang auch kein Lied von mir gesungen, sondern mir ein Lieblingslied vorgenommen. Das war leichter. Wenn ich eine eigene Platte auf Italienisch mache, müssen die auch alle meine Leute in Italien gut finden. Das ist dieser blöde Anspruch, den man an sich selbst hat. Wenn ich mir was vornehme, ist das eine Katastrophe. Ich frage mich dann, warum ich das überhaupt tue und wen das interessieren sollte. Wenn mir aber jemand sagt, ich sollte das jetzt mal angehen, denke ich weniger darüber nach. Das Ergebnis wird trotzdem gut, wenn nicht sogar besser als das, was ich mir vorgenommen habe. Es gibt von Bob Dylan das Lied When I Paint My Masterpiece, in dem er über alle möglichen, tollen Sachen singt, die passieren werden, wenn er eben dieses Meisterwerk gemalt hat. Ich kann das nachvollziehen. Das passiert irgendwann, nur noch nicht jetzt.

Wenn dir in diesem Augenblick jemand Geld in die Hand drücken würde, damit du dieses Traumalbum umsetzt, würdest du es tun?
Dann wäre es ja ein Auftrag, also klar.

Egal, ob du dir das überhaupt so vorgestellt hast?
Da darf man nicht zu viel drüber nachdenken. Alle Leute, die nur ihre eigenen Arbeitgeber*innen waren, haben es wahnsinnig schwer gehabt. Guck dir nur Franz Kafka an, der hat zu Max Brod gesagt: „Verbrenn’ alles, was ich geschrieben habe.“ Emily Dickinson hat alle ihre Gedichte in irgendeine Tonne geschlossen. Hätten sie den Auftrag gehabt, etwas für die Zeitung zu schreiben, die eine Woche später rauskommt, wäre es wohl etwas anderes gewesen.

Nimmt das nicht das Persönliche aus einer Arbeit? Wie ist das bei der Crucchi Gang?
Das ist nichts Persönliches. Ich war ja nur Übersetzer und habe mit Patrick Reising die Sachen arrangiert. Wir haben eine Band zusammengewürfelt und die Künstler*innen haben die Songs aufgenommen.

Projektmanagement kann doch auch persönlich sein.
Wenn du es so willst, schon. Aber man muss sich ja nicht immer diese wahnsinnig pathetischen Fragen stellen, wie: Was soll auf meinem Grabstein stehen? Wofür will ich erinnert werden? Oder welche drei Dinge sollten in einem Wikipedia-Eintrag über mich stehen?

 

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Ist in deinem alles korrekt?
Ich habe keinen Wikipedia-Eintrag und finde das auch ganz gut.

Zumindest will eure Platte mehr, als nur für einen guten Moment zu sorgen. Das Motto lautet laut Pressetext auch „Europa ist kein Quatsch“.
Auf jeden Fall. Das ein Zusammengehörigkeitsgefühl in Europa gar nicht existiert, sieht man ja an dieser furchtbaren Feilscherei um ein paar Leute auf einer griechischen Insel. Der Kreis einer Familie wird zu eng gezogen, selbst innerhalb von Deutschland. Wenn für jemanden Geld ausgegeben wird, dann wird sich aufgeregt: „Dafür zahlen wir Steuern?“ Es gibt keine Solidarität. Ganz schlimm ist es bei Geflüchteten, die nach Deutschland kommen und sich anhören müssen, dass ihnen das Geld in den Arsch geblasen wird. Das hat mit der Angst zu tun, man würde nicht genug vom Kuchen abbekommen. Dass man alt wird und selbst nichts mehr hat. Diese Angst verhindert ein Gemeinschaftsgefühl in Europa. Wir wollten deshalb die italienische, abwertende Bezeichnung für Deutsche, Crucchi, kapern, um sie zu etwas Positivem zu machen. Es ist ein Angebot. Denn ja, wir sind die blöden Kartoffeln. Aber wir machen diese Platte auf Italienisch und vielleicht gibt es dann auch mal eine mit deutschen Songs, von italienischen Künstler*innen übersetzt. So was kann eine Brücke sein.

Musik kann deiner Meinung nach ändern, wie Menschen denken und fühlen?
Ja schon. Musik ist hoffentlich nicht nur ein Hintergrundgeräusch, das einem beim Spülen hilft, sich nicht alleine zu fühlen. Mir war wichtig, dass es mehr als eine oberflächliche Urlaubsplatte wird, bei der alle denken: „Die Crucchi Gang bringt den Sommer zurück.“

Welcher ist dein Lieblingstrack auf der Crucchi-Gang-Platte?
Zum einen Von Wegen Lisbeths Al mio locale, weil sie bei uns im Studio waren und wir zusammen total Spaß bei der Umsetzung hatten. Zum anderen Valzer per nessuno von Sophie Hunger, denn das wäre wohl in jeder Sprache ein Lieblingslied von mir.

Wenn es ein zweites Album geben würde, welche Artists sollten noch dabei sein?
Annette Humpe, Udo Lindenberg und Trettmann.

 

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