Reviews Adrianne Lenker © Genesis Báez

Veröffentlicht am 27.10.2020 | von Anne Beier

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ADRIANNE LENKER – songs + instrumentals

Adrianne Lenker Cover
Foto-Credit © Genesis Báez

Christmas eve with your mother and sis
Don’t wanna fight but your mother insists
Dog’s white teeth slice right into my fist
Drive to the ER and you put me on risk

Grocery store list, now you get this
Brunch, had calls and messages
I don’t wanna be the owner of your fantasy
I just wanna be a part of your family

And I don’t wanna talk about anything
I don’t wanna talk about anything
I wanna kiss, kiss your eyes again
Wanna witness your eyes looking

(Adrianne Lenker anything)

2019 veröffentlichte Adrianne Lenker mit ihrer Band Big Thief gleich zwei supererfolgreiche Alben. Anfang 2020 wurde die ausverkaufte Europa-Tournee durch die Corona-Pandemie abrupt unterbrochen. Wieder zurück in den USA zog sich Adrianne Lenker in eine winzige Hütte in den Bergen im Westen von Massachusetts zurück. Dort saß sie mit einem gebrochenen Herzen, niedergeschlagen und mit einer Pandemie vor der Tür und fühlte sich so verbunden mit dem Ort, dass sie das Gefühl hatte, im Inneren einer Akustikgitarre zu leben. Manchmal lag sie einfach stundenlang auf dem Boden. So rief sie Soundengineer Philip Weinrobe an und fragte ihn, ob er Lust hätte, ein Album aufzunehmen, das eben genau so klingt – wie das Innere ihrer Gitarre. Sofort packte er alte Tape-Maschinen und ein paar XLR-Kabel ein und machte sich auf dem Weg. Die Technik streikte und zwischenzeitlich mussten sie auf dem alten Walkman ausweichen und doch entstand am Ende auf organische Weise ein analog-analog-analog Doppelalbum. songs + instrumentals erschien am 23. Oktober bei 4AD.

Neun der elf Tracks für songs schrieb Lenker vor Ort, am Ende jeder Aufnahmesession jammten Weinrobe und Lenker. Daraus entstanden zwei sehr lange Instrumentalstücke für instrumentals, denen man die natürliche Verbundenheit zwischen Instrument und Künstler:In anhört, die nur tausenden gemeinsam verbrachten Stunden entsteht. Thematisch ist das introvertierte Album geprägt von verschiedenen Ebenen von Schmerz, zu Lenkers Traurigkeit gesellte sich der Verlust von Weinrobes geliebter Großmutter, von der er sich über Zoom verabschiedete. Zwar ist das introspektive Betrachten des eigenen Leids kein neues Thema für Lenker, dieses Doppelalbum geht jedoch wie bei der Aufnahmetechnik auch thematisch all in und behandelt die verschiedenen Blickwinkel intensiv und ehrlich.

Beim Hören des songs-Teils der Platte hat man das Gefühl, man liegt neben Lenker auf dem Boden der Waldhütte und lauscht ihrem Bewusstseinsstrom, die Gitarre als warme Begleitung ihrer Ausführungen, die sich über die Tracks hinweg wie eine Decke ausbreitet. Dabei ist Verlust steter Begleiter, das direkte Besingen des abwesenden Anderen eröffnet die Platte und taucht immer wieder auf. Im opener two reverse heißt es: „Lay me down so to let you leave/Tell me lies/Wanna see your eyes/Is it a crime to say I still need you?“ In anything wird deutlich, wie tief die Beschäftigung mit der abwesenden Person geht, Gedanken, die nur aus viel Zeit und großer Verletztheit erwachsen: „I wanna listen to the sound of you blinking.“ Lenker zeigt in ihrer ruhigen, unkitschigen Art die Schönheit von scheinbaren Banalitäten und betrauert gleichzeitig deren Abwesenheit ohne dramatische Verzweiflungselemente. Die Anwesenheit der Abwesenheit ist jedoch keine quälende Vision, sondern eine Einladung, mit ihr durch diesen Schmerz zu tauchen, Gefühle anzunehmen und innerlich zu verhandeln, um sie überwinden zu können. Songs wie heavy focus sind dabei besonders einnehmend, die Gitarre beruhigend und voller wunderbarer kleiner Melodien, Lenkers Stimme fast wie ein intimer Choral. Auch die Natur, die Lenker und Weinrobe umgab, bekam Teil des Albums: In zombie girl hört man Knacken des Waldbodens und Vogelstimmen. Der Track ist ein Angelpunkt der Platte, ein Gespräch über einen Traum mit der abwesenden Person erwächst zu einer direkten Ansprache und Auseinandersetzung mit der gefühlten Leere, die Einsamkeit zwar spüren, aber keine Verzweiflung zurück lässt: „Oh emptiness/Tell me about your nature/Maybe I’ve been getting you wrong.“ Die Schönheit in Lenkers Kompositionen findet sich in der Beschäftigung mit den großen Konzepten und Gefühlen, aber nicht blumig, sondern nahbar, ehrlich und im Kleinen. Das Meisterstück des Albums, not a lot, just forever, bringt dieses Gefühl perfekt auf den Punkt und wirkt noch lange nach.

Alben, für die sich Künstler:Innen eingeschlossen und in der Abgeschiedenheit intime Portraits ihres Innenlebens verfasst haben, gibt es viele. Das Doppelalbum songs + instrumentals von Adrianne Lenker ist trotzdem etwas Besonders. Nicht, weil es noch eins drauf setzt, sondern weil die Abgeschiedenheit wirklich mitklingt, weil die Einfachheit der Aufnahmetechnik, das natürliche Gitarrenspiel und ihre schonungslosen Lyrics eine Nähe schaffen, die unter die Haut geht. Man möchte sich neben sie setzen, das Laub betrachten und einfach schweigend ihren Gedanken zuhören. In der einsamen Traurigkeit hat Lenker einige ihrer schönsten Songs geschrieben, die sicher für viele Menschen tröstliche Begleiter in schwierigen Zeiten werden.

Adrianne Lenker – songs + instrumentals
VÖ: 23.10.2020, 4AD
www.adriannelenker.com
www.instagram.com/adriannelenker

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