Kritik

Veröffentlicht am 12.10.2020 | von Helena Barth

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DER GEHEIME GARTEN – Filmkritik

„That´s the thing isn´t it. Loss changes people.“

Indien 1947, die zehnjährige Diplomatentochter Mary (Dixie Egerickx) muss nach dem plötzlichen Ableben ihrer Eltern zu ihrem einzig lebenden Verwandten, ihrem Onkel Lord Craven (Colin Firth), ins verregnete und neblige Yorkshire, England ziehen. Eine enorme Umstellung für das verwöhnte und hartherzige kleine Mädchen, das bisher mit einer Schar an Dienern im sonnigen Indien aufgewachsen ist. In dem riesigen Herrenhaus Misselthwaite Manor interessiert sich plötzlich niemand mehr für die Belange von Mary. Auf sich allein gestellt beginnt sie somit das weitläufige Anwesen auf eigene Faust zu erkunden. Auf ihren Streifzügen entdeckt sie einen geheimen Garten, den seit fast zehn Jahren, seitdem die Lady des Hauses verstarb, niemand mehr betreten durfte.

Der geheime Garten ist die neueste Verfilmung eines Kinderbuchklassikers von Frances Hodgson Burnett, deren bekannteste Werke Der kleine Lord und Die kleine Prinzessin Sara auch mehrfach für Film und Fernsehen adaptiert worden sind. Regisseur Marc Munden nimmt sich nun, nachdem sich 1993 die Drehbuchautorin Caroline Thompson (Edward mit den Scherenhänden und The Nightmare before Christmas) mit dem Stoff befasst hat, der zeitlosen und generationenübergreifenden Thematik von Verlust, Trauer, Einsamkeit und Abgrenzung an und baut um diese ein zum Teilen fantastisches Setting. Dass es einige mal mehr mal weniger signifikante Änderungen im Hinblick zum Buch gibt, ist nicht verwunderlich, versuchen der Regisseur so wie der Drehbuchautor Jack Thorne, dessen jüngste Arbeit Enola Holmes zur Zeit auf Netflix zu finden ist, der Geschichte einen moderneren Touch zu verleihen. So spielt die Handlung zum Beispiel nicht mehr in der Edwardian Epoche, sondern kurz nach dem Zweiten Weltkrieg umso die Zeitspanne zum Zuschauer zu verkürzen und um die Geschichte auch historisch konkreter und schneller einordnen zu können. Auch wenn einige Änderungen es dem Zuschauer nicht unbedingt leichter machen dem zeitweise holprigen Handlungsverlauf zu folgen. Kenner der literarischen Vorlage werden bekannte Szenen vermissen und die etwas unzusammenhängende Erzählweise verlangt Neulingen ab die Lücken selber zu schließen. Die Botschaft des Buches aber bleibt im Film erhalten. Der geheime Garten ist eine symbolhafte Geschichte mit dem seelischen Zustand und der Entwicklung ihrer Charaktere im Vordergrund. Und dies schafft der Regisseur mit seiner überaus opulenten Inszenierung bildhaft darzustellen. Misselthwaite Manor erinnert mit seinem Gothic- Charme an die Welten, die Guillermo del Toro zu erschaffen vermag. Sei es die aufwendige Ausstattung des Herrenhauses oder die Liebe zum Detail, die sich selbst in der üppig gestalteten Tapete wiederfindet. Das Production Design befindet sich auf höchstem Niveau und lässt audiovisuell fast nichts zu wünschen übrig. So vermitteln die vielen düsteren Szenen, die auch im Buch omnipräsent sind, die inneren Prozesse der Hauptfiguren und die schwierige Verarbeitung von Verlust und tiefen Kummer, die oft zum Stillstand führen können.
Im Kontrast zu dem düsteren Herrenhaus steht der hell erleuchtete Garten selbst, mit seiner Vielzahl an Pflanzen, Blumen und Bäumen. In dieser neuen Version der Vorlage erhält auch der Garten neue Ausmaße und ist offener, weitläufiger und vor allem fantastisch. Dort erblüht nicht bloß die Vorstellungskraft der Figuren.

Was dem ein oder anderen eventuell ein wenig zu kitschig erscheint, ist jedoch gerade für fantasievolle Geister, die in kleinen Körpern gefangen zu sein scheinen, genau das Richtige. Und dies könnte man auch über den Film als Ganzes sagen. Im Garten werden die komplexen und gewichtigen Themen, mit denen sich die jugendlichen Protagonisten auseinandersetzen durch ihre langsam erblühende Freundschaft, gegenseitiges Verständnis und Akzeptanz ergänzt und gezeigt, dass man durch Zusammenhalt und bedingungslose Unterstützung jegliche Krise überwinden kann. Man muss jedoch bereit sein dafür arbeiten zu wollen und sich regelmäßig darum zu kümmern. So erscheint Der geheime Garten gerade jetzt zum richtigen Zeitpunkt. Gerade aufgrund der immer noch aktuelle Situation um Covid-19 ist es besonders wichtig vor allem Kindern und Jugendlichen vermitteln und zeigen zu können, dass man selbst in Isolation niemals die Hoffnung aufgeben sollte, auch wenn es bei Zeiten extrem langwierig und beschwerlich erscheinen mag.

The Secret Garden (2020)
Regie: Marc Munden
Cast: Dixie Egerickx, Edan Hayhurst, Amir Wilson, Julie Walters, Colin Firth
Kinostart: 15. Oktober 2020, STUDIOCANAL

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