Interviews

Veröffentlicht am 25.11.2020 | von Emely Triebwasser

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ANNENMAYKANTEREIT – Zukunftsängste

Foto-© Martin Lamberty | Lenny Rothenberg

Letzte Woche hatten wir die Möglichkeit an einer Pressekonferenz mit AnnenMayKantereit teilzunehmen, um mit ihnen ein bisschen über ihr neues, letzte Woche überraschend erschienenes Album 12 zu sprechen. Es war nicht nur für uns etwas Neues an einer Presskonferenz teilzunehmen, sondern auch für das Trio war es das allererste Mal auf diese Art und Weise über ihre Musik zu sprechen. In einer kleinen entspannten Zoom Runde hat uns die Band erzählt wie der Albumprozess für sie war, welche Zukunftsängste sie haben und warum es ihnen wichtig ist, dass das neue Album ganz gehört wird.

Eingangs erzählen die drei Jungs, dass viele Gespräche über das Album per Videochat oder durch What’s App Gruppen stattgefunden haben. Es sei eine große Umstellung gewesen, von der Tour, die die Band Anfang des Jahres gespielt hat, wieder ins „normale“ Leben gerissen zu werden und unter diesen Umständen ein neues Album zu schreiben, erzählt Christopher Annen. Normalerweise treffe sich die Band dafür oft, dieses Mal kam es erst zu einem physischen Treffen, als schon recht viele der Songs fertig waren. Aber die Band sieht nicht nur Nachteile in dieser Art der Zusammenarbeit, Henning May betont vielmehr, dass es durch die körperliche Distanz viel Raum gegeben habe, um Ideen allein voran zu bringen, bevor man sie den anderen zeigt. So habe die Band mehr Zeit gehabt, um an den Songs zu arbeiten und die eignen Gedanken dazu erst zu Ende zu denken. Songs seien oft so entstanden, dass Christopher angefangen habe einen Beat zu machen, Severin Kantereit diesen dann nochmal neu aufgelegt und Henning am Ende etwas drauf gesungen habe. Oft wurden dann diese demoartigen Tonaufnahmen und Sprachmemos roh aufs Album genommen. Die Band erzählt, dass dieser „Democharakter“ eine bewusste „Kunstentscheidung“ war, da die Lieder in bestimmten Momenten entstanden seien und man das auch hören solle. Der Produzent Markus Ganter habe am Ende nur noch ein paar Feinschliffe gemacht, um diesen Charakter beizubehalten.

12 spricht vor allem politische Themen ohne Umschweife an, Henning betont, dass Zukunftsangst in unserer Generation gerade eine größere Rolle spiele als bei den meisten Generationen zuvor, da die Situation nie so „final“ gewesen sei wie jetzt. Es sei beängstigend, dass man Szenarien wie den Klimawandel so präzise berechnen könne, wie vorher noch nie und die Politik scheinbar trotzdem nicht bereit sei zu handeln, sagt Christopher. „Ich glaube jede Zeit hat ihre einzigartigen Challenges, aber ich glaube es gab noch nie eine Welt mit fast 8 Milliarden Menschen und einer Pandemie und dem Klimawandel und unglaublich vielen Diktatoren, die Bock auf Krieg haben und Donald Trump und der AFD. […] Das finale Element daran empfinde ich als sehr bedrohend.“ erzählt Henning. Es sei trotzdem eine Überwindung Lieder zu veröffentlichen, die diese Themen so klar auf den Punkt bringen, da man sich damit sehr angreifbar mache und es auch gewisse Konsequenzen mit sich bringen könne. Allerdings habe sich die Band nie aktiv dazu entschieden ein politisches Album zu machen, die aktuelle politische Lage steuere ihr Leben aber so sehr, dass sich dies auch im Texte schreiben widerspiegelt, sagt das Trio. Es sei befreiend gewesen sich diese Themen von der Seele zu schreiben erzählt Christopher, „Ich bin sowieso ein interessierter Mensch, der viel Zeitung liest. Das war aber irgendwann einfach zu viel, weil man sich die ganze Zeit mit Nachrichten bombardiert hat. […] Da hat es mir dann gut getan, das einfach wegzuschieben und mich auf die Musik zu konzentrieren.“ So empfanden es allerdings nicht alle Bandmitglieder. Henning berichtet, dass die verstärkte Auseinandersetzung mit diesen Themen einige Sachverhalte noch schrecklicher werden lassen, weil man sich der Situation noch mehr hingebe. Allerdings habe er auch gelernt Abstand zu Themen zu finden, beispielsweise habe er jetzt ein distanzierteres Verhältnis zu Donald Trump, „Donald und ich sind uns nicht mehr so nah“, lacht Henning.

Auf die Frage wie die Band das Album in drei Worten beschrieben würde antwortet Henning mit „Hör das ganz!“, und betont so nochmal, was sich die Band beim Konzept des Albums gedacht habe: Das Album sei eine Einheit, daher gab es auch keine Vorab Singles oder Promo in irgendeiner Art. Dem Trio sei es sehr wichtig, dass das Album am Stück gehört werde, da die Songs aufeinander aufbauen, eine Geschichte erzählen und nur als Ganzes richtig Sinn ergeben. Außerdem sei es interessant gewesen, den Überraschungseffekt bei den Fans zu sehen, erzählt Severin. „Ich glaube das Zusammenhängende ist auch nochmal eine Metapher von uns, in der jetzigen Zeit ist es klüger die ganzen Interdependenzen und Zwischenabhängigkeiten zwischen den vielen verschiedenen Bereichen zu sehen. Es ist eigentlich nicht mehr möglich sich nur ein Thema anzuschauen und alle anderen auszublenden.“, erklärt Henning.

Da für AnnenMayKantereit, wie für viele andere Künstler*innen, die laufende Tour abrupt beendet werden musste, denken die drei Jungs viel über Möglichkeiten nach, ihre Musik und vor allem ihr neues Album trotzdem live zu performen. „[Live zu spielen] ist ein großer Traum und Wunsch, ich glaube die Songs sind perfekt, um sie live zu spielen, […] Traurigkeit kann man auch gut gemeinsam erleben.“, sagt Henning, als er zu den zukünftigen Plänen der Band gefragt wird. Das Trio könne sich so etwas wie die Picknick Konzerte von Landstreicher Booking gut vorstellen, um gleichzeitig auf der Bühne zu stehen, aber auch niemanden zu gefährden. Aber auch ein gutes online Konzert käme für die Band in Frage schließt Henning die Pressekonferenz.

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