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Veröffentlicht am 19.11.2020 | von Tom Whelan

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CABARET VOLTAIRE – Shadow Of Fear

I did it, I killed it, my mistake. The city is falling apart. And they said I was right … where is your place is this world?

(Cabaret Voltaire – Be Free)

Eigentlich war die Angelegenheit erledigt. Für immer und ewig. 1994 hatten Richard H. Kirk und Stephen Mallinder Schluss gemacht. Aber der Geist von Cabaret Voltaire lebte weiter. In London gab es die Clubnacht Nag Nag Nag, benannt nach einem Song der Band. Das Mute-Label veröffentlichte in einem fort Archivmaterial und Klassiker. 2014 tauchte der Name Cabaret Voltaire in der Ankündigung des Berliner Atonal-Festivals auf. Kirk hatte sich im Alleingang zur Wiederaufnahme entschieden und pochte auf eine Grundregel: „Normal rules do not apply. Something for the 21st Century. No old material.“ Keine Ahnung, wo er die Zeit hernahm. Die Liste seiner eigenen Projekte ist lang. Bekannt sind der Bleep-Techno von Sweet Exorcist und die Dub-/Ambient-Collagen als Sandoz (wer darüber hinaus Tracks von Vasco De Mento aufzählen kann, hat einen Preis verdient).

Nun das erste neue Studioalbum seit The Conversation vor 26 Jahren. Entstanden in Sheffield im Studio Western Works an neuer Stelle. Ursprünglich befand es sich in einer ehemaligen Haushaltswarenfabrik. Nebenan baute ein Schotte Atomschutzbunker. „There was a rising sense of fear“, erinnert sich Kirk. Wer ihm heute auf dem Weg zur Arbeit begegnet, wissen wir nicht. Das Furchtszenario spielt aber auch auf Shadow Of Fear eine Rolle. Man hört es in Be Free am Dub-Groove, an perkussiven Bits, Störgeräuschen, Verzerrungen und Spannungsmomenten, wie sie in Thrillern vorkommen. Thematisch geht es um zerfallende Städte, nicht zuletzt um Sheffield selbst. Nichts ist mehr übrig vom Stolz der Stahlarbeiter. Regionen im Norden Englands werden von Westminster seit Jahrzehnten systematisch vernachlässigt, Gebäude und Menschen leiden. 1999 wurde in Sheffield das National Centre For Popular Music eröffnet. Die Industriestadt hat einen festen Platz in der Musikhistorie (Joe Cocker, Def Leppard, Heaven 17, ABC, Pulp/Jarvis Cocker, Richard Hawley, Arctic Monkeys u.v.a.). Nach nur 15 Monaten endete der Museumsbetrieb. Heute hat die Studentenvereinigung dort ihren Sitz.

Jetzt geht es nicht um Rückschau auf Glorie. Wer Glamour will, geht zu The Human League. Kirk kümmert sich um Abbildung von Zerfall, Paranoia, Monotonie, auch um Befreiungswillen. Früher hatte es mit Kaltem Krieg, nuklearer Bedrohung, Thatcherismus, Jugendgewalt zu tun. Heute erscheint das Szenario vager, aber keineswegs weit hergeholt. „You start nothing and you end with nothing“, heißt es in The Power (Of Their Knowledge). Der Drum-Beat scheppert, ein nörgelndes Gitarrenriff mischt sich ein. Was bei Kraftwerk romantisch klingt, erscheint hier bedrückend. Man wird in Atem gehalten. No rest for the wicked. Freudiger erregt geht es in Universal Energy zu. „Now raise your arms high up“, fordert jemand. Der Disco-Beat hört sich wie bei Patrick Cowley an, dazu kommen Schnarren/Rascheln/Schreibmaschinentippen. 11 Minuten lang, wunderbar. Vasto ist ein Techno-Banger. Zum Schluss der verzweifelte Aufschrei: „What‘s goin‘ on, take a look“. Alles mit dramatischem Orchestersound versetzt. Auch das wirkt.

Kirk bezieht sich auf alle Werkphasen der Band. Auf das experimentelle Frühstadium, auf Post Punk, Dub und Industrial-Sound zu Zeiten von Red Mecca, auf minimalen Electro-Funk ab The Crackdown und auch auf die Trips der späten Jahre. Das Mischverhältnis stimmt. An die Stelle von Mallinders Sprechgesang treten Vocal-Samples, außerdem sind Synthesizer, Sequenzer, Bandmaschinen und Drum-Computer im Einsatz. Aber es ist kein Remake von The Mix-Up oder The Voice Of America. Shadow Of Fear passt zu 2020, zum kalten und dunklen Lockdown-November. Es klingt aufgeraut, unfertig, konfrontativ und nie gehaltlos wie Gesäusel auf dem Streaming-Abo. Der alte Sound von Cabaret Voltaire erscheint in neuem Gewand. Wir müssen Kirk danken, das er das zurückgebracht hat. Er hat es so gut gemacht, dass man mehr will. Zum Weiterhören empfohlen: Eine der vielen Cabs-Best-Ofs (The Original Sound Of Sheffield ‘78/’82 etwa), Kirks eigenes Album Dasein und unbedingt auch Mallinders jüngste Taten mit John Grant als Creep Show oder Wrangler sowie sein eigenes Album Um Dada. Rip it up and start again.

Cabaret Voltaire – Shadow Of Fear
VÖ: 20. November 2020, Mute
www.facebook.com/CabaretVoltaireOfficial

YouTube video

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