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Veröffentlicht am 27.01.2021 | von Tom Whelan

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CELESTE – Not Your Muse


Foto © Alessandro Rainondo

I can be bold, decorate me, adore me baby,
But I can’t be owned, it’s not part of my design,
I’ll let you know when I need you to liberate me,
I’ll hold my pose, but I’m not your muse.

(Celeste – Not Your Muse)

Letzten Freitag in der Talkshow von Graham Norton. Celeste gastiert im grünen Kleid, es reicht bis zum Po und ist unten buschig aufgeplustert. Darunter extravagant designte Leggings und Heels, perfekt aufeinander abgestimmt. Auch akustisch betrachtet sitzt alles. Love Is Back ist lebhaft, forscher Hip-Hop-Beat und von Amy Winehouse und Adele bekanntes Retro-Soul-Flair vereinen sich. Moderator, Studiogäste und Online-Publikum sind begeistert. Die Vorfreude aufs überfällige Album nach Brit-Award-Gewinn und anderen Auszeichnungen erhöhte sich noch ein bisschen mehr.

Auf Platte fällt Celeste nicht mit der Tür ins Haus. Ideal Woman ist eine Ballade, man denkt an Lana oder Sade. Eine Botschaft gibt es auch. Irgendwie sei sie zu laut, zu groß, zu gut aussehend, zu ungeduldig, zu sonst was. Aber in Ordnung – wenn er nicht will, ist er selbst schuld. Die Sängerin sieht es gelassen, genauso wie in Strange, dem schon bekannten Track, der folgt. Agiler ist der sich durch Funk, Fernsehen und Breitband-Wege ziehende Hit Stop This Flame: Uptempo-Beat, Piano-Loop, Energie, unwiderstehliche Melodie. Tonight Tonight ist eines der Partnerstücke, zügig, eingängig, old school, bestimmt im Vortrag: „Tonight tonight, you‘re the place I go to, the face I tell it all to, I can‘t do without you“. Widerstand zwecklos.

Im Titelsong wird‘s wieder kuschelig. Celeste sagt, wie weit es in der Beziehung gehen kann: „You‘ve taken me for your masterpiece, gilding me…frame me fallen, take me as I come or face the night alone.“ Ein Muse will sie nicht sein, Unterwürfigkeit steht nicht im Plan. In Beloved geht sie durch ein Wechselbad der Gefühle („Could you be the man of my dreams or nothing alike, with your hand on my thigh but my heart doesn‘t mind.“) Ihre Worte schmückt sie berauscht vom Film-Flair der Sechziger, der Sound wirkt liebreizend exotisch. Vollromantisch ist A Kiss. Größen der Gesangsgeschichte werden gewahr, Billie Holiday, Nina Simone, Édith Piaf. The Promise klingt mit Vögelzwitschern und Jazzbesen-Feeling lässig. Ganz am Schluss der Platte kichert Celeste, findet sie alles ganz cool. Ein Resümee, dem man sich nur anschließen kann.

Die Frau ist toll, hat eine prima Stimme, gibt sich entspannt, mädchenhaft, natürlich. Celeste ist keine Skandalnudel, keine Leiderin, von der Lebensführung her keine Amy. Unnötig ist nur der grob überstylte Look auf dem Cover. Warum sie sich zu ihm hat hinreißen lassen, mag sie an anderer Stelle erklären. So oder so läuft es. Die Melodie aus Stop This Flame ist ständig im Werbebreak bei Sky UK zu hören, Hear My Voice (gehört zur Deluxe-Version des Albums) im Netflix-Thriller The Trial Of The Chicago 7 und A Little Love untermalte die Weihnachtswerbung der Kaufhauskette John Lewis und Waitrose-Supermärkte.

Ganz schöne Höhen für eine Frau, die im Sommer 2014 ihren ersten Song über Soundcloud veröffentlicht hat. In schwierigen Zeiten wie diesen ist ihre Musik ein Lichtstrahl. Sie schreit nicht an und umcharmt sanft. Die Quellen der Songs sind identifizierbar, aber mit ihrer unbekümmerten Art schafft Celeste ein besonderes Gefühl. Wer Pop, Soul, Jazz und eine feinfühlige Produktion liebt, wird von der Nicht-Muse (die sehr wohl eine ist) begeistert sein. Auch Leute, die derartige Musik sonst nicht hören, werden ihr zahlreich erliegen. A star is born.

Celeste – Not Your Muse
VÖ 29. Januar 2021, Polydor
www.celesteofficial.com
www.facebook.com/celeste

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