Interviews

Veröffentlicht am 5.02.2021 | von Silvia Silko

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THE STAVES – lauter gute Frauen

Die harmonischen Schwestern aus Great Britain sind zurück: Good Woman heißt die dritte Studioplatte von The Staves. Die Reflexionen übers Frausein auf dem Album dürften also keinen überraschen. Darüber hinaus verarbeiten Emily, Jessica und Camilla Staveley-Taylor unbequeme Trennungen, persönliche Krisen und den Lauf der Welt, wie sie uns im Interview erzählen.

Eine Stave fehlt: Emily Staveley-Taylor macht keine Promo, sie hat aktuell andere Aufgaben. Als erste der drei Schwestern hat sie vor kurzem ihr Kind zur Welt gebracht. Eine kleine Tochter, die die Staves-Familie um vermutlich eine weitere grandiose Frau erweitert. Ist es uninspiriert oder pessimistisch, bei neu anfangendem Leben sofort auch an den genauen Gegensatz zu denken? Leben und Tod liegen aber nun mal untrennbar nebeneinander – auch wenn diese Erkenntnis wehtut. Im Sommer 2018 verstarb die Mutter der Staves-Schwestern, Jean, überraschend: „Wir mussten mit dem Verlust DER good woman klarkommen.“ erzählt Camilla.

Zwischen ihrem letzten, von Bon Iver produzierten Album If I Was und der neuen Platte liegen sechs Jahre und weitere einschneidende Erlebnisse: Zum ersten Mal in ihrem Leben befanden sich zwischen dem Schwestern-Trio tausende von Kilometern: Jessica lebte zwischendurch in Amerika, der Liebe wegen. Die Beziehung zerbrach kurz nach dem Tod der Mutter, sie kommt zurück nach London. Der Schmerz der Trennung ist eines der zentralen Themen auf Good Woman: Auf Careful Kid besingt Jessica ungefiltert vom Schmerz, den sie durchlebte.

Mit Jessicas Rückkehr sind aber wenigstens die Zeiten von Mailschnipseln zwischen den Schwestern, nächtliche Telefonate und eingeschränkte Kommunikation vorbei. „Es war definitiv eine der schwierigsten Perioden unseres Lebens,“ sagt Jessica und meint damit nicht nur ihre Trennung und den Tod der Mutter, sondern unter anderem auch eine Identitätskrise der Staves als Künstlerinnen. Sie beschreibt, wie die drei Frauen 2017 anfingen, an ihrem neuen Album zu arbeiten: „Wir haben mit so viel Ballast auf unseren Schultern angefangen, an der Musik zu schreiben. Es waren viele traumatische Veränderungen, die uns geprägt haben und mit denen wir durch und mit der Musik arbeiten mussten.“ Ihre Schwester pflichtet ihr bei: „Es kann ja durchaus kathartisch oder therapeutisch sein, Musik zu machen. Dieses Mal war das für uns definitiv so!“

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Die Veröffentlichung von Good Woman wurde aufgrund der Corona-Pandemie mehrfach verschoben – was ja mit einigen Veröffentlichungen passierte. Die Pandemie ist zwar noch nicht vorbei, das Album wird nun aber dennoch veröffentlicht. „Wir müssen diese Kollektion an Songs endlich der Freiheit übergeben. Bald gehören sie der Allgemeinheit und jede*r kann mit ihnen machen, was er oder sie will. Wir können dieses Kapitel unseres Lebens dann schließen.“
Einer der ersten Songs, an dem die Staves arbeiteten war Good Woman. Ein Titel, der am Ende der Platte nicht nur seinen Namen gibt, sondern auch in sich eine mehrschichtige Entwicklung nachzeichnet. Jessica erzählt: „Natürlich beschäftigen wir uns damit, was für Erwartungen an uns Frauen gestellt werden: Sei hübsch, aber nicht zu hübsch. Sei zerbrechlich, aber kümmere dich um alle anderen, usw. Wir haben uns auch selbst gefragt, was es denn heißt, ein guter Mensch, eine gute Frau zu sein. Aber irgendwann haben wir gemerkt, dass wir das selbst bestimmen wollen. Wir sagen an, was wir von uns als gute Frauen erwarten. Wir machen die Regeln.“ Analog dazu schraubt sich der Song Good Woman entsprechend hoch: Das wiederholt hymnisch gesungene „I’m a good, good woman“ des Refrains klingt am Ende des Titels nach einem unumstößlichen Statement. „Wir haben unsere weibliche Energie in Musik gegossen. Wir haben echt eine große weibliche Fanbase, die mit uns gewachsen ist und die uns begleitet und die wir begleiten. Wir haben ihnen gegenüber Verantwortung und können mit dem Song ja vielleicht Impulse geben.“

Auf ganzer Länge klingt Good Woman generell ausgereifter als die vorherigen Staves-Platten. Klar sind die dreistimmigen Harmonien immer noch zentral und die hübsch arrangierten Folkpop-Momente zahlreich, also alles sehr typisch. Aber es scheint, als seien die Staves auch musikalisch nun erwachsener, aufgeräumter. Trotz der Schwere der auf dem Album besprochenen Themen wirkt der Sound luftig, spielt mal mit elektronischen Raffinessen, platziert Fragmente und Stimmen auch mal unerwartet. Dürfte an einem wichtigen Nebendarsteller der Platte liegen: Anders als zunächst geplant, produzierten die Staves das Album nicht selbst. Sie holten sich die Produktions-Institution John Congleton, Grammy-Gewinner und früher bereits an den Reglern für Phoebe Bridgers oder St. Vincent, ins Studio. „Es war spannend: Er konzentrierte sich total auf eine Rolle als Unterstützter. Als Katapult, das uns hilft zu sagen, was wir zu sagen haben. Das war eine neue Erfahrung,“ erzählt Jessica. Camilla führt aus: „Ich habe aber auch das Gefühl, dass wir selbstbewusster geworden sind. Wenn ich etwa denke, dass eine Produktion in die falsche Richtung geht, dann sage ich das. Das hätte ich mich früher nicht getraut.“

Zur Feier der Veröffentlichung von Good Woman spielen die Staves eine Live-Show im Londoner Lafayette, das via Livestream hier zu sehen sein wird. The Staves betonen, wie sehr sie sich darauf freuen, endlich wieder gemeinsam auftreten zu können – auch wenn das natürlich nicht an ein prä-corona Konzert rankommt. „Sobald wir können, werden wir aber auf Tour gehen und unsere Songs live spielen,“ sagt Jessica. Wenn es so weit ist, können wir alle, gemeinsam mit den drei Staves-Schwestern, Kapitel schließen: Die Musikerinnen lassen eine schwere Zeit ihres Lebens hinter sich und wir mit ihnen. Vielleicht haben wir Corona dann endlich überwunden, vielleicht haben wir aber auch eigene Trennungen und Täler hinter uns. Eine schöne Vorstellung, zu der wir schon jetzt den perfekten Soundtrack haben.

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