Interviews

Veröffentlicht am 10.11.2021 | von Silvia Silko

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NATHANIEL RATELIFF & THE NIGHT SWEATS – Doch nicht nur Schnaps und Stampfen

Foto-© Danny Clinch

Nathaniel Rateliff & the Night Sweats haben ihr drittes Album veröffentlicht: The Future heißt es und klingt so gar nicht nach Zukunft. Weiterentwickelt haben sich Rateliff und seine Boys dennoch – und entschieden, dass sie nicht nur Partyband sein wollen.

„Son of a bitch, give me a drink (…) if I can’t get clean, I’m gonna drink my life away” – was sich liest wie die Bankrotterklärung eines Alkoholsüchtigen war 2015 der Smashhit, der Nathaniel Rateliff und seinen Sweats weltweite Aufmerksamkeit verschaffte. Plötzlich spielten sie Auftritte bei Jimmy Fallon, hatten Werbeverträge für Auto- und Jeansmarken und absolvierten ausgiebige Touren durch die größeren Venues rund um den Erdball. Und man gönnte es ihnen von Herzen: Nathaniel Rateliff und seine Mitmusiker waren zuvor jahrelang eher Abseits des Mainstreams unterwegs – und spielten sich dabei buchstäblich und wenig lukrativ den Arsch ab. Rateliff erzählt die Geschichte immer noch gerne, dass er kurz davor war, seine Musikerkarriere ganz an den Nagel zu hängen, weil es sich schlichtweg nicht mehr rentierte – und dann schlugen die Night Sweats ein.

Wäre das nicht passiert, würde er als Gärtner irgendwo in Denver nun seine Brötchen verdienen, sagte er einmal in einem früheren Interview und man möchte ihm das glauben. Die Frage ist allerdings: Hätte Rateliff jemals wirklich die Klampfe in der Ecke verstauben lassen? Denn, passiert etwas in seinem Leben, schreibt er einen Song. Als Richard Swift 2018 an seinem Alkoholismus stirbt, bringt Rateliff kurz danach seine Soloplatte And it’s still alright raus. Er hatte mit Swift, Produzent und Musiker, an der Platte gearbeitet. Die wichtigsten Songs in denen Nathaniel Rateliff Abschied von seinem Freund Swift nimmt, entstanden erst danach. Und da hat man es: Nathaniel Rateliff ist eine sensible Seele – zumindest in gewissen Ausprägungen. Dann schreibt er Lyrics wie „Rush on, how easy you left, remembering all your laughter”, performt sie alleine auf einer schlecht ausgeleuchteten Bühne und verdrückt dabei ein paar Tränchen vor ergriffenem Publikum. Klar ist das ein Kontrast zum normalen Programm der Night Sweats, dass aus einem sehr eindeutigen Cocktail besteht: Exzess, Gitarren, stampfender Rock’n’Roll und Rateliffs Stimme, bei der man sich nicht so richtig entscheiden will, ob sie aus whiskeygeformtem Testosteron besteht oder den besten Garanten für Markerschütterung und Gänsehaut darstellt. Rateliffs alte Fans freuten sich jedenfalls, als ihr Held nach zwei Night Sweats Platten mal wieder seine Singer-/Songwriter-Qualitäten bewies.

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Jetzt steht das neue Album von Nathaniel Rateliff and The Night Sweats bereit. The Future geht mal wieder gut nach vorne – birgt aber auch ein paar nachdenklichere Töne. Die erste Auskopplung Survivor etwa erklärt recht unumwunden: Ich bin nicht der große Held, für den ihr mich alle haltet, ich trage nicht das Licht, dass euch den Weg leuchtet. „Ja, da hört man die ganzen Zweifel, nicht?“, fragt Rateliff im Interview. Er sitzt in einem Hotelzimmer in London und schaut unprätentiös in den Zoom-Call. „Ich fand die letzten Monate hart. Aber nicht nur wegen Corona. Es läuft echt viel schief in unserer Welt, nicht nur in Amerika, aber auch dort“, erklärt er. Rateliff ist bekennender Bernie Sanders Anhänger, er gründete das Marigold Project, um soziale Ungerechtigkeit und Rassismus zu bekämpfen. Er schaut über den eigenen Tellerrand, er versucht, etwas zu bewirken.

Zweifellos schlagen in Rateliffs Brust zwei Herzen: Die des nachdenklichen Typen und das der tanzenden Granate auf Night Sweats Konzerten. Das sieht Rateliff selbst auch: „Ich glaube, ich wollte mich eine Zeit lang von dem ganzen Schwermut verabschieden. Endlich mal aufdrehen und einfach ballern. Aber dann merkt man irgendwann: So ganz lassen einen die Gedanken nicht los.“ Er beschreibt, wie er einsehen musste, dass er am Ende doch ein recht ernsthafter Musiker ist – egal ob nun Solo oder als Teil einer retrophilen Rock’n’Roll-Band. „Ich kann doch nicht einfach nur eine Persona sein. Am Ende komme ich doch durch.“ Die Night Sweats Nummern schieben natürlich dennoch ordentlich und sicherlich mehr, als die Solo-Sachen Rateliffs – da braucht keiner Angst haben. Aber sie sind nun reflektierter. Und das verleiht ihnen eine Tiefe, die ihnen ganz gut steht. „Es gibt auch mehr Möglichkeiten, die wir als Band haben. Die ganzen Blaser und die vielen Stimmen, das inspiriert mich schon anders als wenn ich Solosachen schreibe“, erklärt er. Und manche Nummern sind dann doch einfach nur so, aus Spaß entstanden. Baby I Got Your Number etwa. Ein Song, der ein bisschen flirty daherkommt und von einem kleinen, möglichen gemeinsamen Abenteuer erzählt. „Ach der Song – ja, da habe ich einfach versucht, ein bisschen cute zu sein!“, erklärt Rateliff. Er erzählt, wie er seine jetzige Freundin kennenlernte, die aber weit weg wohnte. Er hatte ihre Telefonnummer und rief sie kurzerhand an. „Sie war ganz überrascht, weil das ja heute keiner mehr macht. Sie dachte sofort: Der meint es ernst.“ Rateliff denkt kurz nach: „Ich hoffe, das versteht keiner falsch. So Zeilen wie ‚ Now, I’ve got your number, baby, I’ll never leave you alone‘ können ja echt auch creepy wirken, oder?!“, fragt er und lacht sein sehr schallendes, tiefes Lachen.

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