Kritik

Veröffentlicht am 10.11.2021 | von Sam Pacheco

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MINARI – Filmkritik


Foto-© Melissa Lukenbaugh / Prokino/ A24

Weißt du noch was wir uns bei der Hochzeit geschworen haben? Dass wir nach Amerika gehen und uns gegenseitig retten.

(Jacob Yi – Minari)

Lee Isaac Chung (Regie & Drehbuch) erzählt, teilweise basierend auf seinen eigenen Erfahrungen und denen seiner Familie, die Geschichte einer etwa 1973 aus Korea auf den Spuren des American Dream in die USA eingewanderten Familie: den Yis. Nach 10 Jahren harter Arbeit in Kalifornien zieht Jacob (Steven Yeun; The Walking Dead & Burning) mit seiner Frau Monica (Han Ye-ri; Sea Fog & Ko-ri-a – As One), dem siebenjährigen Sohn David (Alan S. Kim) und der ca. 13 Jahre alten Tochter Anne (Noel Cho) nach Arkansas. Dort will er eine Gemüsefarm aufbauen, um endlich etwas eigenes zu besitzen als Grundlage für die Zukunft seiner Familie. Paul (Will Patton; Postman & Armageddon), ein recht extremer Christ der Pfingstbewegung und selbst eher Außenseiter in der Gegend, wird unerwarteterweise zum wichtigen Partner. Schließlich stößt Monicas resolute, unkonventionelle Mutter Soonja (Youn Yuh-Jung; Sense8 & The Bacchus Lady) dazu und bringt eine gute Portion Witz und Charme in eine etwas prekäre Situation.

Einen weniger kitschigen, authentischeren Film können wir uns nicht vorstellen. Ohne jegliches Vorwissen war es eine wahre Freude, der mühelos voranschreitenden Handlung zu folgen und mit Hilfe von unzähligen kleinen Details die Familien-Dynamiken zu entdecken. Wir bekommen einen Sinn dafür, wie das Leben koreanischer Migranten in den USA der achtziger Jahre war. Der Film fokussiert dabei die Grautöne. Er zeigt keinen überhöhten Rassismus, keine dogmatisch Religiösen, wie man sie im ländlichen Süden der USA zu erwarten gelernt hat, keine künstlichen Bösewichte irgendeiner Art, nur um Drama zu generieren. Stattdessen sehen wir einfach nur Menschen ohne schlechte Absichten oder Klischees, aber mit Fehlern und Schwächen. Das Drehbuch ist einen Meisterleistung in Sachen “show, don’t tell” und zusammen mit dem Schnitt (Harry Yoon; Detroit & Shang-Chi) traut es dem Zuschauer zu, selbst aufzupassen und mitzudenken.

Wie die Figuren gezeichnet sind, insbesondere der junge David, erinnert stark an Studio Ghibli Filme, in denen Hayao Miyazaki zeigt, wie gut er Menschen beobachten kann. Überhaupt erinnert vieles an den Kindern und der Umstellung auf das ländliche Leben an Mein Nachbar Totoro. Szenenbildnerin Lee Yong-ok (The Farewell) verändert auf subtile Art und Weise das Familienhaus und die Inneneinrichtung, sodass wir sehen, wie sich Familie Yi nach and nach einlebt. Lachlan Milnes Bilder (Kameramann; Hunt for the Wilderpeople) passen perfekt zu Emile Mosseris Filmmusik (Komponist; The Last Black Man in San Francisco). Kamera und Musik drängen sich nie auf und kompensieren nie etwas, was am Drehbuch, Schnitt oder bei den Schauspielern unzulänglich wäre – nicht, dass da der geringste Bedarf bestünde. Die Landschaftsaufnahmen laden zum Träumen ein (Jacob nennt sein Land bzw. das, was er dort erschaffen will, den Garten Eden), die übrigen Szenen lassen einen vergessen, dass da eine Kamera und eine Crew ist. Man ist einfach mitten drin dabei und doch haben die Augen immer etwas zu genießen und entdecken.

Der perfekt ausbalancierte Ensemble-Cast wird angeführt von Youn Yuh-Jung, die nicht umsonst den Oscar für die Rolle der Oma Soonja bekommen hat. Deren Beziehung zu David (grandios gespielt von Debütant Alan S. Kim), der euch ebenso mitreißen wird (spätestens wenn er in Shorts und Cowboystiefeln losdüst), ist das Herz des Films. Steven Yeun und Han Ye-ri verschwinden komplett in den Rollen junger Eltern, die sich in mancher Hinsicht als ungenügend fühlen, sich selbst und einander sehr unter Druck setzen. Anne ist die typische ältere Schwester in einer Familie, wo sich Vieles um die Bedürfnisse des Jüngsten dreht. Implizit wird sie zur Neben- bzw. manchmal auch zur Haupterzieherin. Entsprechend hat Anne sehr wenig Platz im Drehbuch, was aber passt. Last but not least: Will Patton als Paul. Selten haben wir einen so seltsamen Kauz auf so ökonomische Weise, sowohl vom Drehbuch als auch von der Darstellung her, so dreidimensional gezeichnet gesehen.

Die Bedeutung des Filmtitels, wie Vieles was wir hier nicht angesprochen haben, lassen wir an dieser Stelle lieber als finale Entdeckung. Es sei gesagt, Minari rundet die ganze Geschichte geradezu poetisch ab und eine anschließende Recherche über die Eigenschaften von Minari lohnt sich. Kurzum haben wir hier eine Familienstudie, in der sich vor allem Menschen aus (asiatischen) Einwandererfamilien wiederfinden werden, die gerade durch sehr spezifische Details eine seltene Universalität entfaltet und unmittelbar mitreißt.

Minari (USA 2020)
Regie: Lee Isaac Chung
Darsteller: Steven Yeun, Han Ye-ri, Alan S. Kim, Noel Kate Cho, Yoon Yeo-jeong, Will Patton
Heimkino-VÖ: 11. November 2021, Prokino

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