Reviews Melodys Echo Chamber © Diane Sagnier

Veröffentlicht am 5.05.2022 | von Elias Ott

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MELODY’S ECHO CHAMBER – Emotional Eternal


Foto-Credit © Diane Sagnier

Für den ultimativen Diebstahl braucht es ein gutes Team, verkündete die Hollywood-Komödie Der Clou und heimste 1973 mit einem stabilen Hollywood-Ganovenstück gleich sieben Oscars ein. Auf der anderen Seite des Atlantiks hatte bereits ein Jahr zuvor ein Mann mit Gaunergesicht das Meisterstück geschafft, auf das er seit Mitte der 60er Jahre hingesteuert hatte: Mit Histoire de Melody Nelson gelang Serge Gainsbourg eine Symbiose aus leichtfüßigem Pop, satt orchestriertem Soundtrack und Lyrics, die heute für die Ecken des Darknets bestimmt wären; ein Album, dass sich gekonnt Genres entzog und damit selbst Genre-definierend wurde: Ob Portishead, Jarvis Cocker oder Beck, der sich das lauernde Thema des Albums gleich für seinen Song Paper Tiger (2002) ausborgte – sie alle bedienten sich an Gainsbourgs elegantem Sound.

Insofern befindet sich die französische Singer/Songwriterin Melody Prochet mit ihren Alben in guter Gesellschaft. Schon für ihren vor zehn Jahren erschienenen Durchbruch Melody’s Echo Chamber vertraute sie auf die süffigen Streicher, den erdigen Bass und das barocke 60s-Potpourri ihrer erklärten musikalischen Vorbilder Serge G. und Jane B. Damals wie heute vertraut sie einem guten Team: Entstand das selbstbetitelte Debüt in Zusammenarbeit mit Tame Impala-Mastermind Kevin Parker, zeichnet sich für das dieser Tage veröffentlichte Emotional Eternal unter anderem Reine Fiske von der schwedischen Psychedelic-Band Dungen verantwortlich.

Dieses Mal haben sich die beiden nicht nur Melody Nelson unter den Nagel gerissen, die nach einer Viertelstunde auf The Hypnotist eine geisterhafte Auferstehung erfährt. Verschlagen drückt sich hier das Gitarren-Feedback in der Ecke herum, während Prochets Sprechgesang die Hommage komplett macht: „Dix, neuf, huit, tu fermes les yeux, tu respires / Sept, six, tu descends les marches vers les ténèbres.“ – „Zehn, neun, acht, du schließt die Augen, du atmest durch / Sieben, sechs, du steigst die Stufen hinab in die Dunkelheit.“ Aus der Dunkelheit entführten Prochet und Co für Alma gleich das ganze Klaviermotiv aus Initials B.B. (1968). Aus der Hymne auf Brigitte Bardot ist hier eine Erklärung mütterlicher Liebe an, nun, Prochets bébé geworden – ein McCartney-haftes Loblied auf die Mutterschaft, das mit den bevorzugten Themen seines musikalischen Vorbilds einen eigentümlichen Clinch eingeht.

Dagegen schickt Looking Backward zum zehnjährigen Jubiläum des Debüts die Hörer*innen mit einem pumpenden Zusammenspiel von Drums und Bass ohne Umschweife in die frühen 2010er Jahre. Manchmal fühlt sich Musik an, als würde man einfach nur rückwärts gehen – oder Kevin Parker? Aber nein, selbst der ewig im Bannstrahl der 60er und 70er gefangene Psychedelic Pop hat sich gemausert und leiht sich mal reichlich Zerre beim Anadolu-Rock-Revival von Altin Gün & Co (Pyramids in the Clouds), mal wummernde 80s-Beats (Where the Water Clears the Illusion). Ob das wie bei Gainsbourg noch unter künstlerischer Anerkennung – und weiblicher Aneignung der Hinterlassenschaften eines Rock-Machos – läuft oder einfach dreist zusammengeklaut ist, sei mal dahingestellt.

Emotional Eternal funktioniert nämlich ziemlich gut, balanciert sorgsam Prochets entrückten Gesang und schwere Instrumente aus, schiebt an der richtigen Stelle auch mal eine rotierende Hammond-Orgel ein und streut reichlich Puderzucker obendrauf, ohne sich beim Schichten der Motive in allzu komplexen Strukturen zu verlieren. Die Plattensammlung eurer (Groß-)Eltern verblasst gegen den Reichtum an Referenzen, dieselben angesichts der Kaltschnäuzigkeit, mit denen sich Melody’s Echo Chamber bei ihren Quellen bedient haben. Aber nur keine Heuchelei: Denn was steckt schon hinter Gainsbourgs gefeiertem Jane B.? Ein Clou, ein frecher Etikettenschwindel, hinter dem sich niemand geringeres als Monsieur Chopin und seine berühmt-bedrückte Prélude in E-Moll, Op. 28 verbirgt.

Melody’s Echo Chamber – Emotional Eternal
VÖ: 29.04.2022, Domino Records
www.melodysechochamber.com
www.instagram.com/melodyprochet

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