Kritik

Veröffentlicht am 20.07.2022 | von Malte Triesch

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PETITE MAMAN – ALS WIR KINDER WAREN – Filmkritik


Foto-© Alamode Film

Ich habe ein Geheimnis, ich bin dein Kind.

(Nelly – Petite Maman)

Nachdem Tod ihrer Großmutter mütterlicherseits fährt die kleine Nelly (Joséphine Sanz) zusammen mit ihren Eltern aufs Land, um die nun leerstehende Wohnung zu entrümpeln. Im Laufe der Tage trifft Nelly die gleichaltrige und ihr verblüffend ähnlich sehende Marion (Gabrielle Sanz) und freundet sich schnell mit ihr an. Beim Spielen und gemeinsamen Erbauen eines Baumhauses bemerken die Mädchen nach und nach, dass sie noch wesentlich mehr verbindet als nur ihre äußere Erscheinung.

Die französische Ausnahme-Regisseurin Céline Sciamma (international vor allem bekannt durch Portrait einer Frau in Flammen) liefert mit Petite Maman erneut nicht weniger als pure Filmmagie ab. Denn auch wenn es zunächst scheint, als ob der sehr ruhige, reduzierte und subtile Film genauso gut als Theaterstück funktionieren könnte, ist dies ein Trugschluss. Auf der großen Bühne wäre es kaum möglich so jungen Darstellerinnen wie den beiden Sanz Schwestern eine solch naturalistische Performance zu entlocken. Und wenn doch, wäre es eine Verschwendung, denn nicht einmal in der ersten Reihe wäre man nah genug dran, um das Spiel der beiden (miteinander) zu genießen. Auch ist die Perspektive des Filmes fast ausschließlich die der Kinder. Sowohl erzählerisch als auch perspektivisch, mit überwiegend niedrigen Kameraeinstellungen.

So schafft es Sciamma den Zuschauer ganz subtil in die magische Welt und Sichtweise der Kinder zu überführen. Eine Welt in der ganz alltägliche Dinge wie Baumhäuser und Schattenspiele faszinieren und gleichzeitig fantastisch anmutende Elemente wie komplett identische Häuser an beiden Seiten eines Waldes ohne weiteres akzeptiert werden. Trotz vieler Parallelen, wie die Darstellung junger starker Frauen und besonders die Vermischung von Magie und Alltag, hinkt der oft angebrachte Vergleich zu den Werken des japanischen Animationsstudios Ghibli. Auch wenn jüngere Zuschauer dem Film sicher etwas abgewinnen können, von lockerer Familienunterhaltung für jeden ist der Film weit entfernt. Richtet er sich doch klar an das Publikum von Arthouse-Filmen, das den Willen mitbringt, sich zumindest ein wenig in den Film einzuarbeiten. Wegen seiner sehr kurzen Laufzeit von nur 73 Minuten, kommen zwar keine Längen auf, aber eine gewisse Schwere und vor allem Ruhe (auch sprichwörtlich, denn es wird nahezu auf einen musikalischen Soundtrack verzichtet) wohnt dem Film dennoch inne.

So begeistert Petite Maman am Ende weniger als zuletzt Portrait einer jungen Frau in Flammen, was aber niemanden abschrecken sollte. Denn zum einen war Portrait ein absoluter Ausnahmefilm, zum anderen ist Petite Maman dies ebenfalls, wenn auch etwas weniger mitreißend und aufwühlend. Ein ruhiger und sehr persönlicher Film, so schrieb Sciamma erneut das Drehbuch und kümmerte sich sogar ebenfalls um die Kostüme. Entstanden während der Pandemie und dabei zwar inhaltlich ohne Bezug zu dieser, dennoch voll von Lehren über den Umgang mit Krankheit in der Familie, den Rückzug aus dem Alltag und aus dem Leben und dem Umgang miteinander. Sehenswert ist der Film an sich für jeden – wie sehr euch die Prämisse interessiert, entscheidet jedoch, ob ihr ihn unbedingt sehen müsst. Denn auch wenn die Botschaft und Thematik des Films sehr universell sind, die Geschichte selbst wird nicht jeden fesseln können. Wer daher am Hadern ist, dem sei das dieser Tage ebenfalls erscheinende, wunderschöne Boxset mit allen fünf Spielfilmen Sciammas empfohlen. Dieses lohnt sich alleine schon wegen der Aufmachung und natürlich Portrait einer jungen Frau in Flammen, bietet mehr als genug emotionsgeladene Unterhaltung und Diskussionsstoff für den Rest des Sommers – und Petite Maman, einen ganz besonderen, magischen, ruhigen Film, der während, trotz oder gerade wegen der Pandemie entstanden ist.

Petite Maman (FR 2022)
Regie: Céline Sciamma
Besetzung: Joséphine Sanz, Gabrielle Sanz, Nina Meurisse, Stéphane Varupenne, Margot Abascal
Heimkino-VÖ: 22. Juli 2022, Alamode Film

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Über den Autor

Malte wuchs im idyllischen Lilienthal, direkt an der Grenze zu Bremen, der schönsten Stadt im Norden Deutschlands, auf. Seine frühesten Film-Erinnerungen ist, auf dem Schulhof in der neusten TV Movie alles anzustreichen was gesehen und aufgenommen werden muss. Da die Auswahl an Horrorfilmen hier doch recht be- oder zumindest stark geschnitten war entdeckte er Videotheken für sich bzw. seine Mutter, da man diese ja erst ab 18 betreten durfte. Wenn er nicht gerade Filmreviews schreibt ist er wahrscheinlich im (Heim-)Kino oder vor dem Mikrophon für den OV Sneak Podcasts, SneakyMonday.



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