MY PRIVATE DESERT – Filmkritik


Foto-© GMfilms

Bist du mit deinem Leben zufrieden?

(Bruder Oswaldo – My Private Desert)

Wir sehen Daniel (Antonio Saboia) mit Gips am Unterarm, wie er seinen Vater zu Hause – im wohlhabenden, urbanen Curitiba, einer Großstadt im Süden Brasiliens – pflegt und mit seiner Internetliebe Sara auf WhatsApp kommuniziert. Ab und an übernimmt die Pflege auch seine Schwester Debora (Cynthia Senek). Dass Debora neuerdings eine Beziehung mit einer Frau hat, gefällt ihm überhaupt nicht. Erst als wir erfahren, dass er wegen eines gewalttätigen Übergriffs suspendiert wurde, wird klar, dass er Polizist ist. Es wartet ein Disziplinarverfahren samt Psychologe auf ihn. Kein Wunder also, dass er so viel Zeit hat. Er fängt an, als Security in einem Nachtclub zu arbeiten, wo er total unterfordert ist. Zu guter Letzt ghostet Sara ihn auch noch ohne erkennbaren Grund. Bald hält Daniel es nicht mehr aus. Er lässt alles stehen und liegen, um auf die Suche nach Sara zu gehen. Immerhin kennt er den Namen der Stadt im Norden, wo Sara wohnt: Sobradinho. Im Kontrast zu Daniels Wohnort wirkt das ca. 2700 km entfernte Sobradinho karg, öde und eintönig. Die einzige Sehenswürdigkeit ist ein Staudamm. Dort ist Sara aber weder mit Namen noch Gesicht bekannt, was daran liegt, dass sie nur auf Instagram zu existieren scheint und dahinter tatsächlich Robson (Pedro Fasanaro) steckt, der in der Öffentlichkeit als Mann auftritt.

Aly Muritiba (Drehbuch & Regie) hat My Private Desert als Antwort auf Bolsonaros Ära des Hasses gedreht. Daniel ist ganz klar beeinflusst von einer Gesellschaft, in der „katastrophale Männlichkeit“ (ein Begriff den Muritiba als eine Steigerung von toxischer Männlich erfunden hat, da sie ganze Gesellschaften in den Abgrund zieht), anti-feministische und anti-LGBTQ+ Strömungen bis über die Schmerzgrenze der Betroffenen hochgepeitscht werden. Sara hat also berechtigte Angst, Daniel persönlich zu treffen: wie wird Daniel reagieren, wenn Robson sich nicht mehr hinter dem Alter Ego „Sara“ verstecken kann?

Einerseits zeigt uns Regisseur Muritiba eine queere, erotische Liebesgeschichte, von denen es für viele noch nicht genug gibt. Andererseits werden manche schon zu oft gesehen haben, wie ein Cis-Mann auf Kosten des queeren Gegenübers auf eine Selbstentdeckungsreise geht. Wir erfahren so gut wie nichts darüber, wie Sara und Daniel zusammengekommen sind. Da ist einfach diese Begierde, vor allem seitens Daniels. Er ist wahrscheinlich nicht die einzige Person unter ihren Instagram-Followern, die sich mehr Nähe wünscht, und mit denen Sara 1-zu-1 chattet.

Die Dialoge schwanken zwischen hölzern und gezwungen poetisch. Die Schauspieler Saboia und Fasano machen jedoch das Beste aus dem Drehbuch: es knistert förmlich. Die Bilder spiegeln die Emotionen und das Zwischenmenschliche eindrucksvoll wider. Am Ende hilft alles nichts: Wir hätten lieber einen Film gehabt, der Sara/Robson in den Mittelpunkt stellt und uns seine Welt zeigt. Es wäre schöner gewesen, mit anzusehen, wie Sara/Robson aktiv auf ein tolerantes Umfeld zugeht anstatt von Hass vertrieben zu werden.

Deserto particular (Brasilien/Portugal 2021)
Regie: Aly Muritiba
Besetzung: Antonio Saboia, Pedro Fasanaro, Thomas Aquino, Laila Garinr, Zezita Matos, Cynthia Senek
Kinostart: 17. November 2022, GMfilms

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