
Foto-© Alex Lake
Take the climber out of the mountain
Give me a Pollock give me a Rothko
Take the explorer out of the wilderness
Take Van Gogh, leave us the sunflowers
People ruin paintings
Faces spoil the view
People destroy the truth
I′ve looked into a million eyes
They all finish dead and destroyed
I just don’t care about the framing
′Cause people always ruin paintings
Take the sailor out of the ocean
Take the adventurer from the Arctic circle
Take the nihilist out of the desert
Take the flag from the sea of tranquility
People ruin paintings
Faces spoil the view
People destroy the truth
(Manic Street Preachers – People Ruin Paintings)
Wann war eine explizit linke Band je notweniger als in diesen Tagen des weltweit wuchernden Rechtspopulismus, die viele schon an ganz dunkle Zeiten des vergangenen Jahrhunderts erinnern? Als die Manic Street Preachers Ende der 90er einer sich im ewigen Frieden wähnenden Welt ihr If You Tolerate This Your Children Will Be Next entgegenbrüllten und auch sonst aus ihrer antifaschistischen, kapitalismuskritischen Gesinnung keinen Hehl machten, fand man das zwar mitreißend (musikalisch) und auch irgendwie sympathisch (die Texte), aber vielleicht doch ein bisschen zu alarmistisch.
Jetzt sieht die Sache anders aus – und die Manics sind immer noch da und legen den Finger in eine mittlerweile so richtig fies schwärende Prä-Faschismus-Wunde. Die Waliser, seit dem bis heute mysteriösen Verschwinden ihres Gitarristen und Songwriters Richey James Edwards vor 30 Jahren ein Trio, erweisen sich immer noch als linke Idealisten, die ihr Critical Thinking (so der Titel des neuen Albums) in hymnische, himmelhoch strebende, von Punk und Glam-Pop beeinflusste Rock-Melodien kleiden.
Auf sehr zugängliche Art schaffen sie es auch diesmal wieder, ihrer Empörung und ihrem Zorn über Missstände unserer tristen Gegenwart Luft zu verschaffen („What happened to your critical thinking?“) – und dabei (hoffentlich) wieder viele Menschen zum Nachdenken und Fäusterecken anzuregen. Auch die 15. Platte der verrückten Straßenprediger hat also jede Menge Potenzial, die Massen zu Stadion-Rock mitsingend auf die Straße zu bringen.
Dass Sänger/Gitarrist James Dean Bradfield, Bassist Nicky Wire und Schlagzeuger Sean Moore nicht immer den subtilsten Weg wählen, sondern manchmal auch mit vielleicht allzu simplen Harmonien zum Ziel kommen wollen (etwa in der Vorab-Single Decline & Fall) – geschenkt. Critical Thinking ist vom Songwriting her insgesamt deutlich besser als der aufdringlich mit ABBA-Bezügen flirtende Vorgänger The Ultra Vivid Lament (2021), der den Manics im UK allerdings ihre erste Nummer-1-Platzierung seit 1998 einbrachte.
Songs wie der von Wire gesungene/gesprochene Titeltrack und Opener, das wuchtige Brushstrokes Of Reunion, die euphorischen Britpop-Songs People Ruin Paintings und Being Baptised, das berührende Dear Stephen gehören zum Besten, was diese verdiente Band in den vergangenen zwei Dekaden abgeliefert hat (dass die tollste Platte in diesem Zeitraum aber de facto das grandiose Bradfield-Konzeptalbum Even In Exile von 2020 war, gehört zur Wahrheit freilich auch dazu).
Was man den drei Musikern sowieso nie absprechen kann: Sie sind mit großem Herzen und voller Empathie bei der Sache. Als Soundtrack für Pro-Demokratie-Demos ist auch Critical Thinking also wieder bestens geeignet. Oder, wie das Magazin The Quietus so schön darüber schreibt: „With each decisive chord change and stadium-sized melody, the Welsh trio render ideas you’d usually find in a political pamphlet or outraged tweet into slogans that could be graffitied in five-foot tall letters on an overpass.“ Mission accomplished, Manics!

Manic Street Preachers – Critical Thinking
VÖ: 14. Februar 2025, Columbia Records
www.manicstreetpreachers.com
www.facebook.com/manicstreetpreachers

