DEEP SEA DIVER – Billboard Heart


Foto-© Shervin Lainez

My baby’s got a billboard heart
That says, „Please don’t revive“
I would paint all over it
But I’m afraid of hearts
There’s plenty of those old tapes
Playing around inside my head
I’m welcoming the future by letting go of it

Punch out the clouds, follow me
Blue sky, reach down, swallow me
Swallow me

(Deep Sea Diver – Billboard Heart)

Wie inspirierend Annie Clark aka St. Vincent als Stil-Ikone und Ideenkraftwerk längst ist (bis weit in den Pop-Mainstream hinein, siehe Grammy-Triumph 2025), zeigen aktuelle Alben von Musikerinnen, die selbst schon einiges vorzuweisen haben, auf fremde Einflüsse also nicht angewiesen sind. Das ließ sich kürzlich bei der neuen Platte von Sharon Van Etten (Review hier) beobachten – und nun beim Comeback von Deep Sea Diver, dem vor gut 15 Jahren gestarteten Indie-Projekt der Sängerin und Gitarristin Jessica Dobson.

Billboard Heart, das nach fünfjähriger Pause erschienene vierte Album von Deep Sea Diver, führt ähnlich wie die neueren Sachen von St. Vincent kühlen Electro-Pop und kantigen Gitarren-Rock in einer durchaus zugänglichen Mixtur zusammen, ohne dass die Songs nun allzu poliert und kalkuliert daherkommen. Als Referenzen genannt werden vom Label Sub Pop auch „TV On The Radio und Flock Of Dimes – Bands, die neue, kunstvolle und magnetische Wege gefunden haben, Indie-Rock zu machen, indem sie Vorstellungen davon, wie er klingen oder was er sagen muss, über Bord geworfen haben“. Kommt hin.

Der großartige Opener und Titelsong setzt gleich mal ein Zeichen. Wie forsch und selbstbewusst die Tiefseetaucher (neben Dobson noch ihr Partner und Schlagzeuger Peter Mansen sowie Keyboarder/Gitarrist Elliot Jackson) da ins kalte Wasser springen, lässt kaum erahnen, dass das Album eine längere Vorgeschichte mit Selbstzweifeln und gescheiterten Anläufen hat:

„Mitte Juli 2023 nahm Deep Sea Diver-Mastermind Jessica Dobson in einem Studio in Los Angeles ein Gitarrensolo auf, spürte aber irgendwie nichts“, berichtet Sub Pop. „Nur wenige Tage zuvor hatte ihre Band aus Seattle eine Reihe von halb geheimen Auftritten vor Anhängern gespielt, die de facto als Proben für ein neues Album dienten. Die Sets waren gut gelaufen, aber die neuen Songs schienen verworren, Dobsons Überzeugung ging irgendwo in den 1000 Meilen zwischen Südkalifornien und dem Heimstudio verloren … An jenem ersten Abend in Los Angeles hatte sie einen Zusammenbruch, fragte sich, was sie dort tat, und überlegte, wie sie es in Ordnung bringen könnte.“

Mit Hilfe ihres langjährigen Mitarbeiters Andy Park schafften es Dobson und Mansen schließlich doch noch, Deep Sea Diver wiederzubeleben. Der famose Eröffnungstrack Billboard Heart blieb letztlich der einzige Song, den Deep Sea Diver tatsächlich in Los Angeles fertigstellten. Auch wenn dieses Titelstück insgesamt den stärksten Eindruck hinterlässt, verliert das Album danach nie seinen Punch und seine Wucht.

Immer wieder sind es an Wilco erinnernde Gitarren-Eruptionen von Dobson und Jackson, die sich hinter der Vituosität von St. Vincent nicht verstecken müssen. Zudem ist die Frontfrau eine tolle Sängerin mit einer sehr fesselnden, individuellen Note zwischen roher Kraft und Verletzlichkeit (besonders eindrucksvoll im treibenden Shovel und im prächtigen Closer Happiness Is Not A Given). Nachdem Dobson sich auf dem Vorgängeralbum Impossible Weight (2020) Sharon Van Etten als Feature-Star an die Seite geholt hatte, ergab sich diesmal (in Let Me Go) ein Gastspiel von Madison Cunningham, die selbst zuletzt einen ordentlichen Karrieresprung hingelegt hat. Auch Billboard Heart gerät somit zu einer Werbeveranstaltung für starke Frauen im Indie-Rock.

Deep Sea Diver – Billboard Heart
VÖ: 28. Februar 2025, Sub Pop
www.thisisdeepseadiver.com
www.facebook.com/thisisdeepseadiver

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Werner Herpell

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