POLIÇA – Dreams Go


Foto-© Zoe Prinds-Flash

Where do your dreams go
It’s hard to explain
When I close my eyes
My dreams don’t stay
I don’t waste my time
On wishes and hopes
I do what I can
Till I can’t do no more
And collapse with the sun

Baby when the sun has set on me
Yours will be the last breath that I see
Only see the stars
I couldn’t reach
Only see the things
I couldn’t be
You and me

(Poliça – Dreams Go)

Schon seit der Gründung 2011 aus dem pulsierenden Untergrund von Minneapolis mischt die US-amerikanische Band Poliça Elemente aus elektronischem Pop, Synth-Pop, Indietronica und Trip-Hop und kreiert ein Klanguniversum, das gleichzeitig vertraut und rätselhaft wirkt. Mit Sängerin Channy Leaneagh, deren Stimme wie Licht durch die klanglichen Schatten bricht — stark bearbeitet, aber stets mit spürbarer Menschlichkeit —, mit harmonisch dunklen Synths und nicht zuletzt mit der Rhythmussektion aus Bass und zwei Schlagzeugen haben sie sich seit dem Debüt Give You the Ghost 2012 einen einzigartigen Platz in der Szene geschaffen.

Mit Dreams Go präsentiert Poliça nun ihr — je nach Zählweise — sechstes bzw. siebtes Studioalbum, das in vielerlei Hinsicht ihr bislang emotionalstes und gleichzeitig atmosphärisch dichtestes Werk geworden ist. Der Hintergrund, vor dem dieses Album entstand, gibt ihm eine zusätzliche Tragweite: Die Songs wurden im Schatten der Glioblastom-Diagnose ihres Bassisten Chris Bierden geschrieben und eingespielt — es sind seine letzten Aufnahmen mit der Band, bevor er die Fähigkeit verlor sein Instrument zu spielen.

Im Gespräch mit Juno Daily erklärt Channy Leaneagh sehr offen, wie das Album entstanden ist: Als die Band sich Ende 2023 ins Studio zurückzog (ins Pachyderm Studio in Minnesota), war der Gesundheitszustand ihres Bassistens bereits stark beeinträchtigt — er trug während der Aufnahmen Strahlentherapie-Tiles und wusste, dass diese Sessions vermutlich seine letzten mit der Band sein würden. Laut Leaneagh sei deshalb die Musik als bewusster Versuch entstanden, „eine Woche anzuhalten und noch einmal zusammenzukommen“ bevor vielleicht alles anders werde. Musikalisch bewegt sich Dreams Go daher im Spannungsfeld aus melancholischem Synth-Pop, elegischem Indie-Pop und subtiler elektronischer Düsternis. Die Produktion (geleitet von ihrem langjährigen Mitstreiter und Produzenten Ryan Olson und unterstützt von weiteren kreativen Händen) vereint sanft pulsierende Beats, atmosphärische Soundlandschaften, tiefe, warme Bässe und Channys unverwechselbaren Vocal-Stil — manchmal ätherisch, manchmal so roh, dass man jede Emotion hören kann.

Anders als frühere Werke, die öfter auf tanzbare Rhythmen und clubtaugliche Grooves setzten, fühlt sich Dreams Go eher wie ein dichter Film an — introspektiv, nachdenklich, manchmal schmerzlich schön. Der Titelsong Dreams Go eröffnet das Album als melancholische Hymne über Träume, die man begraben hat — begleitet von sanften Synth-Texturen und zurückhaltendem Rhythmus, der gleichzeitig trägt und hält. In ihm spürt man Verlust, aber auch Hoffnung, Resilienz und die Bereitschaft, weiterzugehen — wie eine leise, aber eindringliche Reflektion. Leameagh beschreibt den Song als „eine Hymne an die Träume, die wir verschlucken und begraben, während das Leben weiterläuft“.

Wasted Me markiert einen der Momente, in denen Poliça ihre rhythmische Seite wieder vermehrt betonen — mit treibender Intensität, dichter Produktion und einer Mischung aus elektronischer Kälte und emotionaler Wärme, die typisch für den Stil der Band ist. Der Song beweist, dass die Band auch im Schmerz nicht die Energie verliert, sondern sie kanalisiert. Bei She Knows Me öffnen Poliça hingegen ihren Klang mehr, setzen auf Gitarre, melancholische Akustik und verletzlichen Gesang. Das Ergebnis fühlt sich verletzlich, intim und menschlich an — eine schöne Balance aus Zerbrechlichkeit und Stärke, passend zum narrativen Rahmen des Albums.

Creeping oder Wound Up (je nachdem wie stark die elektronischen sowie perkussiven Elemente eingesetzt sind) bringen die Band wieder in die Nähe von Ambient-Pop und düsterer Dancefloor-Ästhetik — sphärisch, pulsierend, hypnotisch. Auf diesen Tracks schimmert Poliças Fähigkeit durch, spannende Stimmungen zu erzeugen: irgendwo zwischen Nostalgie, Schmerz und der Suche nach Halt.

Dreams Go ist kein Leichtgewicht geworden — es ist ein Album, das fordert, weil es ehrlich ist; es reizt nicht nur, sondern konfrontiert mit Verlust, Wandel und der letzten, intensiven Verbindung zwischen Bandmitgliedern. Und aus dieser Schwere entsteht etwas Wunderschönes: rohe, elegante Energie; tiefe Melancholie und zugleich eine stille Kraft. Poliça zeigt mit diesem Album, dass sie nicht mehr nur eine Band sind, die elektronische Popmusik macht — sie sind ein Kollektiv, das Gefühlsräume öffnet, Erinnerungen konserviert, Abschied und Neubeginn in Klang übersetzt. Dreams Go fühlt sich an wie eine Einladung: sich daran zu erinnern, loszulassen und vielleicht neu zu träumen. Und während es das letzte Kapitel mit Chris Bierden markiert, öffnet es dennoch Tore für etwas, das danach kommen mag — mit neuer Besetzung, aber mit demselben Mut zur Veränderung.

Poliça – Dreams Go
VÖ: 17. Oktober 2025, Memphis Industries
www.thisispolica.com
www.facebook.com/thisispolica

YouTube Video