DER FREMDE – Filmkritik


Foto-© Foz – Gaumont – France 2 Cinema – Macassar Productions, Foto: Carole Bethuel

Mir wurde klar, dass ich das Gleichgewicht des Tages zerstört hatte – die außergewöhnliche Stille eines Strandes an dem ich glücklich gewesen war.

(Meursault – Der Fremde)

Der Fremde von François Ozon entführt in eine eindrucksvolle Schwarzweißwelt des Algier der 1930er Jahre. Die Verfilmung von Albert Camus’ gleichnamigem Klassiker erzählt die Geschichte des jungen Meursault (Benjamin Voisin), der sich nach dem Mord an einem Einheimischen vor Gericht verantworten muss.

Historisch ist der Film in einem Algier verortet, das bereits tief von der französischen Kolonialherrschaft geprägt ist. Vor der Eroberung durch Frankreich im Jahr 1830 war Algier eine osmanisch geprägte Stadt aus einem dichten Geflecht enger Gassen, Innenhöfe und gewachsener Wohnquartiere. Mit der kolonialen Besetzung begann eine radikale Umformung des Stadtbildes: Ganze Viertel wurden abgerissen, breite Boulevards und repräsentative Fassaden nach Pariser Vorbild angelegt. Die neue Stadt sollte Ordnung, Kontrolle und europäische Modernität ausstrahlen – verdrängte aber dabei den gewachsenen urbanen Geist. Algier wurde zur kolonialen Schaubühne Frankreichs – äußerlich modernisiert und innerlich gespalten.

Zu Beginn des Films erfährt Meursault vom Tod seiner Mutter und reist zu ihrer Beerdigung. Nach außen wirkt er kühl und gleichgültig, ein distanzierter Beobachter seines eigenen Lebens. Er registriert seine Umgebung mit großer Genauigkeit, bleibt ihr jedoch innerlich fern – unfähig oder unwillig, echte Empathie zu entwickeln. Routinen strukturieren seinen Alltag, während er Gewalt und Ungerechtigkeit mit derselben teilnahmslosen Ruhe begegnet.

Emotionale Bindungen scheint Meursault weder zu seiner Mutter noch zu seiner Freundin Marie aufbauen zu können. Marie Cardona (Rebecca Marder), eine ehemalige Arbeitskollegin, mit der er kurz darauf eine Beziehung beginnt, versucht vergeblich Zugang zu seinem Inneren zu finden. Meursault wirkt eher körperlich als emotional an ihr interessiert. Er ist ein Mann weniger Worte: Er zeigt keine sichtbare Trauer, bleibt gegenüber dem Leid anderer unbeteiligt und reagiert auf moralische Fragen oft mit nüchterner Sachlichkeit. Liebe scheint für ihn ohne feste Bedeutung; er sagt offen, was er denkt – selbst wenn es verletzend ist.

Durch seinen Nachbarn Raymond Sintès (Pierre Lottin), einen zwielichtigen Zuhälter, gerät Meursault zunehmend in eine Dynamik aus Gewalt und Eskalation, der er sich nicht widersetzt. Er lässt sich treiben und greift nicht ein. Diese Haltung kulminiert an einem heißen Tag am Strand, an dem eine Begegnung unter der grellen Sonne eine unumkehrbare Wendung nimmt – inszeniert als stiller Moment zwischen Nähe, Blick und Bedrohung.

Vor Gericht steht weniger die Tat selbst im Fokus als Meursaults Charakter. Zeugenaussagen kritisieren seine emotionale Teilnahmslosigkeit, insbesondere sein Verhalten nach dem Tod der Mutter. Sein Mangel an Trauer wird als moralisches Versagen ausgelegt, während das Opfer kaum als individuelle Person wahrgenommen wird. Die Verhandlungen geraten zur absurden Bühne eines moralischen Schauspiels, in dem Meursaults Abweichung von gesellschaftlichen Normen schwerer wiegt als die Tat selbst. Meursault nimmt die Vorwürfe kommentarlos hin und verweigert jede Form der Rechtfertigung.

Meursault ist einerseits ein Verweigerer, unfähig oder unwillig die erwarteten Zeichen von Liebe, Trauer und Moral zu zeigen. Andererseits fügt er sich widerspruchslos in rassistische und misogyn geprägte Strukturen seines Umfelds. In einem späten Moment scheint Meursault erstmals die Welt wahrzunehmen, die ihn stets umgeben hat – ein Moment verspäteter Erkenntnis und kolonialer Blindheit.

Meursault akzeptiert jedes Schicksal, das ihm bevorsteht. Für ihn ist die Welt eine gottlose und sinnentleerte Ordnung, in der Moral und Bedeutung keine feste Verankerung haben. Doch gerade diese Haltung wird im Verlauf des Films zunehmend brüchig.

Der Fremde verdichtet das Porträt einer Figur, deren Motive ebenso rätselhaft wie verstörend bleiben. François Ozon gelingt eine filmische Neuinterpretation, die existenzielle Leere, koloniale Gewalt und moralische Konformität miteinander verschränkt und dazu auffordert, die Gesellschaft um ihn herum zu hinterfragen.

L’ÉTRANGER (FR 2025)
Regie: François Ozon
Cast: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant, Swann Arlaud
Kinostart: 1. Januar 2026, Weltkino

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