SLEAFORD MODS – Interview

Foto-© Nick Waplington

Das Jahr 2026 hat nicht unbedingt gut angefangen, man muss nur nach Venezuela oder Berlin schauen. Da tut es gut, einer Person zuzuhören, die Gegenmeinung geigt. Keiner kann es besser als Jason Williamson von Sleaford Mods. Seit 2007 keift er mit mittelenglischem Akzent wortgewandt und ungehalten gegen alles, was ihm gegen den Strich geht. Seit 2012 und dem Album Wank tut er es an der Seite von Andrew Fearn. In der Duo-Konstellation gehen die beiden ihren Weg abseits von Schubladen. Es geht ihnen nicht ums Nachäffen alter Vorbilder. Jason wählt Themen, die ihn heute bewegen oder schon länger beschäftigen. Andrew produziert Sounds, die mit elektronischer Musik, Hip-Hop, Soul und Funk oder Kino-Soundtracks zu tun haben. Von der Methode her hat es, wenn überhaupt, etwas mit The Streets gemein.

Richtig los ging es für die Mods im Jahr 2013 mit Austerity Dogs. Jason redete sich in Rage, Andrew drückte mit Beats aufs Tempo und inhaltlich ging es um die frustrierende Trostlosigkeit, die man als Angehöriger der britischen Arbeiterklasse im Angesicht der Sparsamkeitspolitik der damaligen Regierung spürte. Divide And Exit folgte ein Jahr später und wurde soeben in einer Jubiläumsausgabe neu aufgelegt. Seit Mitte der Zehnerjahre sind Sleaford Mods permanent ein Thema, primär durch eigenes Zutun, auch in Form von Gastauftritten von Jason bei Prodigy, Leftfield, Orbital und vielen mehr. Sekundär durch andere Musiker, die sich mehr oder weniger am Duo aus den östlichen Midlands orientieren. Eigentlich ist so etwas ungewöhnlich in der Musikindustrie. Selbige ist ja dafür bekannt, dass sie Künstler aufbaut und ganz schnell wieder abwählt. Doch Sleaford Mods wachsen und wachsen, ihre jüngsten Alben platzierten sich auch in Deutschland weit oben. In Berlin werden sie im März erneut eine Ebene höher auftreten, was die Größe der Venue angeht.

Eine neue Platte gibt es auch. Sie heißt The Demise Of Planet X und unterscheidet sich vom Rest. Musikalisch fällt erhöhte Funkiness auf. Für den richtigen Beiklang Sorgen Aldous Harding, Sue Tompkins (Life Without Buildings), Songschreiber Liam Bailey aus Nottingham und Rapper Snowy. Inhaltlich geht es weniger um Themen aus der Tagespolitik. Ausnahme ist Flood The Zone, ein Song über Trumpsche Reizüberflutung. Sonst ist vieles persönlicher. Jason erzählt mehrfach von Zeiten, in denen es ihm nicht so gut ging wie heute. Auch ein Grobian hat sensible Stellen. Wir nutzten in Berlin die Möglichkeit, ihn zu befragen.

Zuletzt hattet ihr im Herbst 2023 einen Live-Auftritt in der deutschen Hauptstadt. Wie ging es bei euch weiter, nach Ende der Kampagne zum letzten Album UK Grim?
Wir haben uns ein Jahr lang zurückgezogen. Das gab es bei uns bisher noch nie. Dieses Mal wollten wir mehr als sonst regenerieren, die PR-Maschine abstellen und uns um die Familien kümmern. Ich habe eine wunderbare Frau und zwei tolle Kinder. Sie haben es verdient, dass ich Zeit für sie habe.

Ganz habt ihr euch aber nicht zurückgezogen. Zwischen Mitte 2024 und Mitte 2025 entstand das neue Album.
Ja, wir brauchten ungefähr sechs Monate, bis wir alles beisammen hatten. Dann kamen die Aufnahmen. Wir mussten uns auch überlegen, wie es genau weitergehen soll. Es ist nicht so, dass wir einfach auf die Wiederholungstaste drücken und dasselbe noch einmal mit anderen Titeln veröffentlichen. Es muss ein Projekt sein, das nur von Sleaford Mods kommen kann. Originalität ist wichtig.

Vertraut ihr in der Vorbereitungsphase auf bestimmte Prozesse oder läuft alles eher ungeordnet ab?
Beides spielt eine Rolle. Man muss sich schon hinsetzen und in alles hineindenken und einen Plan entwickeln, der zu der Sache passt. Und wir müssen uns ständig Musik anhören, das hilft bei der Suche nach Inspiration. Es läuft nicht wie auf Knopfdruck. Es entsteht zufällig, manchmal auf ganz seltsame Weise. Und ich muss darauf achten, dass ich körperlich und geistig fit bleibe. Ich will nicht über die Stränge schlagen, bewusst in den Schlagzeilen stehen, einen Trend oder eine Sensation verkörpern. Einfache Dinge und Beobachtungen können helfen. Das Fallen eines Blatts vom Baum. Der Gang zur Toilette. Inspiration kommt, wenn man brutal ehrlich bleibt.

Trotzdem haben dieses Mal auch alte Helden beim Warmwerden geholfen. Es waren zum Beispiel die Ramones und ihr Debütalbum.
Besonders ein Titel haut mich immer wieder um: Blitzkrieg Bop. Alles daran ist super. Die Produktion ist angenehm rau, der Gesang hat mit Doo Wop und Surfmusik zu tun. Sie waren offensichtlich verknallt in Musik aus den Fünfzigern und haben sich in der Punk-Generation einen Reim darauf gemacht. Ich habe mir auch viel von David Bowie angehört, besonders Station To Station und Low. In dieser Zeit liebte er Musik aus Deutschland, die in etwa zur selben Zeit aktuell war. Sie half ihm, sich von alten Einflüssen zu lösen. Er wollte sich häuten und eine andere Gestalt annehmen. Die Ramones und Bowie sind auf natürliche Weise ihren Weg gegangen. Das habe ich mir zum Vorbild genommen, als ich in einer Krise steckte. Ich hatte an Selbstvertrauen verloren und wusste nicht genau, wo ich stand. Dann halfen mir andere Künstler, wurden sie zum Kompass für das, was sich in Richtung The Demise Of Planet X nach und nach entwickelte.

Auf dem Album findet eine Art von Rückkehr statt. Du gehst zurück zur Jugend und Zeit, als du in der Stadt Grantham gelebt hast. Erzähl’ uns etwas über diesen Ort.
Das war für mich ein unerträgliches Dreckloch. Völlig daneben, echt. Es gab eine verhunzte Gegend, in der die Arbeiterklasse lebte und litt. Alles voller Beton mit in paar Grünstreifen drin, wenn man Glück hatte. Alles sah irgendwie gleich und öde aus. Nichts, was man empfehlen kann. Aber es gibt auch eine romantische Verbindung zur Stadt, nicht im Sinne von Liebe. Mich inspirieren und motivieren Erinnerungen aus der alten Zeit, ich empfinde sie bildlich. Ich bin ständig im Prozess der Aufarbeitung. Traumatische Erfahrungen aus der Kindheit und Jugend kommen in mir hoch. Das war schon auf den letzten beiden Alben so, jetzt gibt es wieder zwei oder drei Tracks, die sich wie Therapie anfühlen. Gina Was ist einer davon. Hier geht es vier oder fünf Mädchen, die mich auf den Boden warfen und sich meinen Schwanz ansahen. Damals ließ ich das mit mir machen. Jetzt fühlt es sich abscheulich an. Es ist bezeichend für eine verrottete Kultur, in die ich hineingewachsen bin.

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Findet die Therapie und Aufarbeitung in Zusammenarbeit mit einer Hilfsperson, einem Psychologen, statt?
Nein, es ist persönliche Reflexion. Ich will selbst verstehen, warum ich diese Launen habe, richtig wütend werde und die Fassung verliere. Warum dieser Mensch ein erfolgreicher Musiker mit zwei wunderbaren Kindern, einer ebenso wunderbaren Frau, Haus und Auto ist. Wie das zusammenpasst.

Du bist der beste Wüterich, den man kriegen kann. Das glauben viele.
Bei einem Bühnenauftritt ist es völlig okay, dass es so ist. Nicht aber an einem Sonntagmorgen vor den Kindern (lacht). Ich lache jetzt darüber, es ist ein eigenartiges Doppelleben.

Ich muss daran erinnern, dass Grantham auch die Geburtsstadt von Margaret Thatcher ist. Das macht die Angelegenheit nicht besser, oder?
Nicht wirklich (grunzt). Aber wenn man bedenkt, was nach ihr gekommen ist, erscheint Thatcher heute fast schon harmlos im Vergleich zu Ultrakonservativen, zu Boris Johnson, David Cameron oder George Osborne. Und dann waren da noch Liz Truss und Rishi Sunak, gütiger Himmel! Alles Leute, die uns in einen Teufelskreis brachten, in dem es nur um Aufopferung, Sparsamkeit, Knebelung, Tod, Horror und Terror geht. Sie haben mit anderen Gesichtern immer weitergemacht. Man kann da nur hoffen, dass politischer Irrsinn nicht die eigene Existenz beeinträchtigt.

Double Diamond ist auch ein Titel, in dem der gute mit dem bösen Jason kollidiert. Es geht um ein Umfeld, in dem Drogenhandel und Prostitution dominant sind. Die Musik klingt überraschend warm. Eine bewusste Nebeneinanderstellung?
Das hat sich so ergeben. Die ersten Ideen stammen hier aus der Zeit, als ich noch nicht mit Andrew gearbeitet habe. Ich hatte ein Sample aus dem Album von Truth von Jeff Beck gesamplet. So etwas geht nicht, wenn man als Band bekannter ist. Andrew hat die Musik überarbeitet, jetzt hört es sich mehr nach Northern Soul an. Der Titel The Demise Of Planet X stammt aus einem Stück namens Chop Chop Chop aus dem Jahr 2009. In ihm erzähle ich von Turbulenzen im Nacht- und Partyleben in Grantham. Ort des Geschehens ist ein Laden, der The Quoted Llama hieß. Das war ein richtiger Saustall, in dem sich viele Leute aus meiner Schule herumtrieben. Eine Arbeiterklassen-Absteige reinsten Wassers, in der es wie bei Sodom und Gomorrah zuging. Ich lebte damals bei meiner Mutter, im Alter von 34 Jahren. Ich war ziemlich am Ende, hatte Schwierigkeiten mit Drogen und Geld. Es ist ein dunkler Fleck in meinem Leben, den ich jetzt bearbeiten will. Aber ich liebe diesen alten Song auch. Ich finde es nicht verwerflich, dass wir alte Sachen aus der Schublade holen. Viele Leute kennen die alten Aufnahmen nicht. Einige davon haben es meiner Meinung nach verdient, zum zweiten Mal das Licht der Welt zu erblicken.

Interessant finde ich The Unwrap am Ende des neuen Albums. Einmal reißt du ein Paket vom Lieferdienst auf, mit der schlechten Laune eines Amazon-Hassers. Gleichzeitig kotzt dich Musikszene an: “It’s been done to death to the point that even I feel like the same old boring cunt, post punk letterbox missed it man.” Das eingehende Paket und der Zustand der Musik – warum besteht für dich da eine Verbindung?
Es geht allgemein um den Stumpfsinn, der im Konsumverhalten steckt. Ich bin da selbst Opfer. Ich kaufe mir andauernd neue Kleidung und liebe das eigentlich, aber es ist auch ziemlich banal. Ich brauch’ doch keine Kleidung mehr. Warum sind diese verdammten Klamotten dann das Einzige, was mich an einem bestimmten Tag glücklich macht? Weil es sonst nichts gibt, in das ich ruhigen Gewissens investieren kann. In Musik? Heute höre ich immer nur denselben Scheiß, Ich sitze also da und verbinde beide Gefühle der Frustration im spontanen Fluss. Ich will von meinem eigenen Zeug begeistert sein. Musik machen, die mir und hoffentlich vielen anderen gefällt. Aber was hören wir da im Gegenzug? Es gibt eine Menge Bands, die unserem Stil folgen, ihn nachahmen. Und was ist der Lohn dafür? Ständiges Jammern, dass wir immer noch existieren und erfolgreich sind. Wunderbar.

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Das sind doch bloß Neider. Euch kann niemand das Wasser reichen. Ihr seid die Pioniere dieses Stils.
Das bilde ich mir nicht ein. Ich habe ja davon erzählt, dass es mir nicht immer gut ging. Heute habe ich noch immer keine hohe Meinung von mir. Aber du hast da schon recht. Ich habe in den frühen Tagen der Sleaford Mods selbst erlebt, wie viel Durchschlagskraft man braucht. Warum sind andere in derselben Situation so gehässig? Ja, Neid spielt Sicher eine Rolle. Aber es gibt schon gute Musik, die mich auch erreicht.

Wer hat dich zuletzt am meisten begeistert?
Getdown Services aus Bristol gefallen mir. Big Special aus Birmingham sind auf unserem Album mit dabei, die sind auch gut. Sehr bissig in der Ansage. Im Augenblick höre ich sehr viel von Kyuss. Das Album Blues From The Red Sun ist großartig. Ich höre auch gerade viel von Napalm Death, besonders ihr zweites Album…wie heißt das doch?…

From Enslavement To Obliteration. Ein echter Meilenstein des Grindcore.
Genau. Wie großartig ist diese Platte denn bitte? (lacht) Ich finde mehr und mehr Zugang zu bestimmten Metal-Arten und zu klassischem Rock. Mit Danzig hatte ich ich es auch schon. Die ersten beiden Alben sind klasse. Ich würde nicht sagen, dass wir demnächst mehr nach Metal klingen. Andrew hat auch einiges zu sagen. Aber Einflüsse aller Art sind gut und können bei uns Eingang finden.

Ihr habt West End Girls von den Pet Shop Boys gecovert und die Einnahmen an die Wohlfahrtseinrichtung Shelter gespendet. Ein Stück vom anderen Ende des Spektrums. Warum habt ihr euch das ausgesucht?
Das stand schon länger auf dem Plan. Wenn man etwas von ihnen covern will, ist der Song erste Wahl. Wir spielen ihn schon länger live, da fühlte es sich natürlich an, ihn für eine Version auszuwählen. Andrew liebt die Pet Shop Boys. Er hat sich wie ein Fan an das Arrangement im Original gehalten. Für mich war es schwieriger, weil ich die Melodie nicht so wie Neil Tennant singen kann. Es musste mehr in Richtung Spoken Word gehen. Wir haben auch Don’t Go von Yazoo aufgenommen. Da funktioniert für mich auch alles. Mal sehen, was uns in nächster Zeit noch so einfällt.

Sleaford Mods Tour:
14.03.26 Berlin, Tempodrom
15.03.26 Hamburg, Große Freiheit 36

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