
Foto-© Elena Moylette
Break my heart with a song
It doesn’t matter anyway
Now you’ve gone
Now you’ve gone away
Baby I’m trying to be stronger
Trying to live how we talked about
Forging a new way
Through the dirt and the dust
Would you be proud of me
And all I’ve said and done
But I miss you in my corner
Telling me I’m the one
Telling me I’m the one
(Lucy Kitchen – In My Corner)
Lucy Kitchen? Nie gehört. Also erstmal schauen, was diese Künstlerin bisher so gemacht hat – auf meiner Lieblings-Plattform Bandcamp: Zwei ältere Alben seit 2014 sind da gelistet, und es gibt eine Selbstbeschreibung: „She is inspired by lyrical poets, nature, the seasons and making beauty out of hard things.“ Klingt schon mal vielversprechend. Die neue Kitchen-Platte In The Low Light (ein Titel, der die gedämpfte Stimmung der meisten Lieder widerspiegelt) behandele „Themen wie Verlust, Trauer, Erinnerung und Transformation“, gibt mir der nette PR-Kollege des Labels Make My Day noch mit auf den Weg. Und fügt hinzu: „Doch inmitten der Traurigkeit blitzen Momente von Freude, Dankbarkeit und Wiederentdeckung auf.“
Mit diesen Andeutungen rennt er nun endgültig offene Türen bei mir ein. Denn die meisten Stichworte – Verlust, Trauer, Erinnerung, Dankbarkeit, Wiederentdeckung – fielen zuletzt auch in praktisch jeder Review zum überwältigenden Kino-Kunstwerk Hamnet (teilweise auch hier bei Bedroomdisco: „eine Erzählung darüber, wie Trauer verarbeitet wird“), das mich in den vergangenen Wochen total geflasht und wieder mal zum großen Fan von William Shakespeare gemacht hat. Und vor allem zum Bewunderer der historisch verbürgten Ehefrau Anne Hathaway beziehungsweise Agnes Shakespeare, so resolut wie sensibel und atemberaubend gut gespielt von der Irin Jessie Buckley, die dafür in zwei Wochen unbedingt den Oscar erhalten sollte.
Lucy Kitchens In The Low Light bietet also herbstlich verhangene Folk-Songs, die mich in die Stimmung eines Ende des 16. Jahrhunderts spielenden Kinofilms versetzen. Und damit kann das Album natürlich von vornherein bei mir punkten. Das sind aber auch zutiefst bewegende Lieder, die diese Musikerin aus Romsey/Hampshire da geschrieben und mit warmer Seventies-Folk-Stimme eingesungen hat! Na klar denkt man dabei an Joni Mitchell, Kanadas Grande Dame der Zunft – aber auch an weniger berühmte Singer-Songwriterinnen wie Judee Sill, Vashti Bunyan, Linda Perhacs, Karen Dalton oder Bridget St John. Und (nicht nur) bei Sunny Days an das tragische englische Folk-Genie Nick Drake, dessen Schwermut die meisten der elf Low Light-Lieder prägt.
Denn – wie erwähnt – es geht hier um Trauer und Verlust. Einen persönlichen Verlust der Sängerin, dessen Schwere man sich kaum ausmalen mag: Lucy Kitchen schrieb das Album, während ihr Mann „nach intensiver Krankheit“ (so das Label) im Oktober 2022 starb. Ein Stück heißt Chemo Song – da hat man so eine Ahnung, mit welch furchtbaren Dingen diese Künstlerin erst vor wenigen Jahren konfrontiert war. „Baby I’m trying to be stronger/Trying to live how we talked about/Forging a new way/Through the dirt and the dust“, singt Lucy Kitchen im Verlust-Lied In My Corner. Und weiter: „Would you be proud of me/And all I’ve said and done/But I miss you in my corner/Telling me I’m the one.“ Wer da nicht einen Kloß im Hals spürt, muss schon sehr tough sein.
Am Ende dieses wundervollen Albums stehen mit The Boatman und September’s Come weitere Meisterstücke des melancholischen Folk-Balladen-Songwritings. „Dieses Album zu machen hat mich mehr aufgebaut als alles andere“, sagt Lucy Kitchen. „Wir alle verlieren im Laufe unseres Lebens Dinge durch Tod, Abschiede, Trennungen, und ich hoffe, dass die Menschen in diesen Liedern ihre eigenen Geschichten finden und sich mit der Idee verbinden, dass wir aus solchen Ereignissen schöne Dinge erschaffen und trotzdem mit unseren Träumen weitermachen können.“ Bleibt dieser talentierten Musikerin nur von Herzen zu wünschen, dass Selbsttherapie und Heilung durch In The Low Light funktionieren.

Lucy Kitchen – In The Low Light
VÖ: 27. Februar 2026, Make My Day Records
www.lucykitchen.com
www.facebook.com/LucyKitchenMusic
Lucy Kitchen Tour:
18.03.26 Düsseldorf, ZAKK
20.03.26 Osnabrück, Lagerhalle
21.03.26 Meppen, Höltingmühle
23.03.26 Lübeck, Tonfink

