PEACHES – No Lube So Rude

I cannot be squashed or minimized
You will never take away our pride
Orders won’t make us lie down and die
We will stop you fucking up our lives

(Peaches – Not In Your Mouth None Of Your Business)

Über zehn Jahre ist es her, seit die kanadische Popsängerin Peaches ihr letztes Album rausgebracht hat. Jetzt gibt es endlich ein neues Lebenszeichen. Sie hätte kaum einen besseren Zeitpunkt für ein Comeback wählen können, denn ihr Markenzeichen – eine selbstbewusste, provokante und queerfeministische Ästhetik – wirkt in zunehmend konservativen Zeiten wie lautes, buntes Gegengift. Der Albumtitel No Lube So Rude zeigt schon, wo es lang geht: Die Lyrics sind gewohnt rotzig und sex-positiv. Peaches hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen und scheut sich auch diesmal nicht, Themen anzusprechen, die immer noch tabuisiert bzw. unsichtbar im Mainstream sind, z. B. ihre Erfahrungen mit der Menopause und den daraus folgenden körperlichen und seelischen Veränderungen.

Dementsprechend eröffnet sie das Album mit dem kompromisslos offenherzigen Hanging Titties, einem hämmernden Electro-Banger, der gleich klarmacht, worauf man sich einlässt: Eine aggressiv vorgetragene feministische Empowermentfantasie mit Zeilen wie „all you technocrats/eat a jockstrap oder my hanging titties hit like the punch“. Die Botschaft ist eindeutig, hier wird nichts schöngeredet, es gibt direkt auf die Zwölf. Die erste veröffentlichte Single Fuck Your Face geht mehr in die Industrial-Richtung, ist aber immer noch tanzbar; die melodiöse und dramatische Bassline geht leider im Soundmix etwas unter. Das ebenso raue und martialische Grip beeindruckt mit sehr persönlichen Lyrics, die sich um die Probleme der Wechseljahre drehen.

Der Titeltrack No Lube So Rude liefert genau das, was er verspricht: eine buchstäbliche Hymne an Gleitgel mit musikalischem Throwback zu Nintendo-Core-Sounds der 2000er. Whatcha Gonna Do About It ist ein minimalistischer Club-Hit und Panna Cotta Delight setzt mit hypnotisierendem Chorus, eingängigem Drumbeat und jazzigen Ambient-Momenten noch einen drauf. Fuck How You Wanna Fuck ist eine klare Ansage in aggressivem Industrial-Punk mit einem richtigen Metal-Breakdown.
Genauso deutlich politisch wird Not In Your Mouth None Of Your Business, eine EDM-Ode an weibliche sexuelle Selbstbestimmung mit astreinen Punk-Screams. Take It wiederum überrascht mit seinem melancholischen New Wave-Flair und zeigt Sehnsucht und Verletzlichkeit, es ist in seiner introspektiven Art der vielleicht stärkste Song des Albums. Abgerundet wird das Ganze vom ebenso atmosphärischen Be Love, ein düsterer Hit im Stil der 80er, der wie eine Reprise von Take It wirkt und mit seiner stimmungsvollen Bassline an The Weeknd oder Kavinsky erinnert.

No Lube So Rude bewegt sich zwischen Electropunk, Industrial und Pop, zwischen dem Privaten und dem Politischen, zwischen Wut und Verletzlichkeit. Peaches bleibt sich treu und setzt auf harte Basslines und bewusst monotonen Sprechgesang, den sie gerne mit klaren, anklagenden Vocals kontrastiert. Sie ist nicht nur Musikerin, sondern auch Performancekünstlerin, und ihr Markenkern sind ihre provokanten, schamfreien Lyrics und ihre Gesamtästhetik: grell, kunstvoll obszön, kompromisslos ehrlich, transgressiv, selbstbewusst, mit lasziver Freude am Exzess, aber alles andere als devot. Peaches hat es sich zur Aufgabe gemacht, weibliche Sexualität in den Mittelpunkt ihres Schaffens zu stellen und dadurch Handlungsfähigkeit zurückzuerobern in einer Musikwelt, in der Frauen immer noch sexualisiert und objektifiziert werden. Jeder Song ist ein Befreiungsschlag: Peaches ist quasi das fleischgewordene Gegenteil zu Phallozentrik, und die hypersexuell aufgeladene Bildsprache ist ein Weg, sich Macht zurückzuholen und Rollen- und Geschlechtererwartungen zu unterlaufen. Dank ihres Wortwitzes, ihrer Ausdrucksstärke und entwaffnenden Selbstironie wirkt das Ganze nie performativ. Einziges Manko von musikalischer Seite sind einige Parts des Albums, die etwas über- oder unterproduziert wirken, wie zu leise Basslines oder leicht penetrante Drumsequenzen. Dem Gesamteindruck tut das aber keinen Abbruch: No Lube So Rude ist subversiv, energiegeladen, provokant und trotzdem ohrwurmtauglich und damit ein absolut gelungenes Comeback. Peaches liefert immer explosives Material, was auch durch introspektive, verletzliche Töne nichts an Brisanz und Stärke einbüßt.

Peaches – No Lube So Rude
VÖ: 20. Februar 2026, Kill Rock Stars
www.teachesofpeaches.com
www.facebook.com/officialpeaches

Peaches Tour:
27.04.26 Hamburg, Große Freiheit 36
28.04.26 Köln, Live Music Hall
30.04.26 Frankfurt, Zoom
05.05.26 Berlin, Astra Kulturhaus

YouTube Video

Tamara Plempe

Mehr erfahren →