
Foto-© Tom Jackson
I scanned the menu options
I did not have a choice
I’d like to teach the world to sing
But I do not have a voice
So I bought myself a ticket
To the happening of the year
The sky lit up with colours
The crowd let out a cheer
„It’s just a sunset“, someone said
Something that happens every day
„Yes, it’s a sunset“, someone said
But now they’ve found a way to make it pay
(Pulp – A Sunset)
Das Ausrufezeichen ist mehr als nur ein Gimmick. Live! heißt dieses Album – ein Statement: „Es ist gleichermaßen eine Tatsachenfeststellung – der Mitschnitt einer Liveband – und eine Aufforderung: Come on! Everyone come alive!“, sagt Pulp-Sänger Jarvis Cocker. Keine schnöde Fan-Abzocke zwischen zwei Studioalben oder am Ende einer ermüdenden Karriere also – hier wird mit (berechtigtem) Selbstbewusstsein eine unumstößliche Kernkompetenz hervorgehoben.
Denn dass Pulp eine der besten Live-Bands der Welt sind, muss man wohl niemandem erklären, der/die seit dem famosen Comeback-Album More (2025) einen der restlos ausverkauften, euphorischen Bühnenauftritte der Britpop-Legenden zu sehen bekam. Und auch denen nicht, die beim Ticket-Erwerb ohne Fortüne blieben.
So war es tatsächlich ein opulentes zweistündiges Jubelfest für Fans genialer, glamouröser, glücklich machender britischer Popmusik, als der über Jahrzehnte vom sympathischen Nerd zum souveränen Performer gereifte Cocker und seine in großer Besetzung antretende Band Ende Juni zweimal im Berliner Tempodrom Hof hielten. 24 Songs waren am Ende zusammengekommen, von uralt (die letzte, extrem selten gespielte Zugabe Blinded By Love von 1991) bis brandneu (der Charity-Sampler-Beitrag Begging For Change aus diesem Jahr). Ein perfekter Querschnitt durch die Pulp-Geschichte, präsentiert von einer Band in Topform, die es geschafft hat, nach den Riesenhits der 90er und der Frust-Trennung von 2002 fast ein Vierteljahrhundert später erstaunlicherweise ohne Alterungserscheinungen und immer noch relevant zurückzukehren.
Ganz so viele Lieder wie bei den Berlin-Gigs sind auf dem nun nachgelegten Live!-Doppelalbum zwar nicht zu hören. Aber immerhin 18, aufgenommen gleich zu Beginn der More-Comeback-Tournee im Sommer 2025 in der Londoner O2 Arena, als die Begeisterung über dieses für viele unerwartete Konzert-Event kaum Grenzen kannte. Laut Band-Berechnung waren es „die Shows Nummer 566 und 567 in der Pulp-Geschichte“.
Auch im etwas schmaleren Tonträger-Format bekommen Fans, was sie sie sich wünschen: einige der beeindruckend starken neuen Stücke, aber selbstverständlich die Klassiker aus der rund 35-jährigen Erfolgsgeschichte dieser Sheffielder Band, die nach inzwischen weitgehender Übereinstimmung der Musikkritiker mit Different Class (1995) und This Is Hardcore (1998) die besten Alben der Nineties-Britpop-Ära geschaffen hat. Gar nicht so einfach, aus diesen Londoner Live!-Mitschnitten Highlights herauszuheben – waren doch diese Abende (wie später die in Berlin) veritable Gesamtkunstwerke aus grandiosen Songs, verschwenderisch üppigen Arrangements und fantastischen Visuals. Dirigiert von einem entfesselten, überragenden Frontmann Cocker, umgesetzt von einer superben Band, der man ihr Alter zu keiner Sekunde anmerkte.
Allein die Banger-Abfolge Disco 2000/Help The Aged/Farmers Market/This Is Hardcore in der ersten Konzerthälfte ist atemberaubend. Sunrise vor der Pause und A Sunset am Ende bilden die Schlusspunkte, dazwischen jagen sich die alten und die neuen Höhepunkte aus der langen Pulp-Geschichte: Something Changed, Do You Remember The First Time?, Got To Have Love, Common People. Einfach phänomenal. Dem ist über Live! eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer (ebenfalls mit Ausrufezeichen): Konzertalbum des Jahres, na klar!

Pulp – Live!
VÖ: 28. August 2026, Rough Trade
www.welovepulp.info
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