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Veröffentlicht am 29.01.2018 | von Susan

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TOCOTRONIC – Die Unendlichkeit


Foto-© Michael Petersohn / Universal Music

Du bist nicht schön
Doch auch kein Biest
Vielleicht etwas dazwischen das noch nicht bezeichnet ist
Nur du selbst
Doch nicht bewusst
Mit deinen schiefen Zähnen
Und der schmalen Brust
Doch

Du hast mich gerettet
Und du hast mich erlöst
Du hast mich ins Bett gesteckt
Und mich endlich zugedeckt
Ausgerechnet du hast mich gerettet und erlöst

(Tocotronic – Ausgerechnet Du hast mich gerettet)

Seit nun 25 Jahren hat Tocotronic keine Angst sich zu blamieren, im Gegenteil, ihr zwölftes Album Die Unendlichkeit dreht sich häufig darum, aufzufallen, anzukommen und einfach mal man selbst sein zu dürfen.

Dabei wird man immer wieder in die Vergangenheit katapultiert, auch in die dunklen Ecken, die man schon in den Untiefen der Erinnerungen vergraben hatte. Die Band selbst unterteilt die 12 Songs in 12 Kapitel und umschreibt damit alles, was war, was ist und alles was noch kommen wird. Damit weist jedes Stück des doppelten Konzeptalbum eine spezifische, zeitgebundene musikalische Referenz aus und hat seinen Ausgang im Werden und Sein. Eine Biografie, die weiter geht, also nur bis vor die eigene Haustür, denn auch nicht existenziellen Erfahrungen wie Angst, verliebt sein, Einsamkeit und der Tod finden ihre Beachtung. Diese Art von Songwriting geht mit einer Sprache einher, die keine Verklausulierungen duldet und damit auch einen Neubeginn für die alten Eisen der deutschen Musikindustrie schafft.

Das Titelstück Die Unendlichkeit, sowie das orchestrale Mein Morgen bilden dabei eine Art Rahmen für das gesamte Album. Tapfer und grausam handelt von der frühen Kindheit, dem Gefühl des Ausgeschlossen seins und der Herzlosigkeit anderer Kinder. Hey Du, eines der bewegensten Stücke, erzählt vom Anderssein, aber auch vom unverhohlenen Stolz, auffallen zu wollen. 1993 führt schließlich zurück ins Gründungsjahr der Band, dem Auszug aus der Hölle Heimat in Richtung Hamburg und die Coming-of-Age-Hymne Electric Guitar, ist schlicht eine Lobeshymne der Autodidakten auf das Instrument selbst.

Schlussendlich sorgen jedoch weniger die Songs dafür zuzuhören, sondern eher die Authentizität der Band. Dabei gelingt ihnen zwar der Spagat zwischen Erinnerungen und Zukunft perfekt, doch ob Die Unendlichkeit so langlebig bleiben wird, wie der Name es ihr vorherbestimmt, steht in den Sternen.

Tocotronic – Die Unendlichkeit
VÖ: 26. Januar 2018, Vertigo Berlin
www.tocotronic.de
www.facebook.com/Tocotronic

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Über den Autor

Susan wohnt in Hamburg und wollte früher hauptberuflich Groupie werden, bis ihr ein Exfreund einen Song auf Myspace widmete. Der hat bis heute 200 Klicks. Von ihr.



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