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Veröffentlicht am 5.11.2018 | von Eva-Marie

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JULIA HOLTER – Aviary


Foto-© Dicky Bahto

Fateful fateful weather
whether surfing surf
the withered peels
peels of all dismantled huts
The stunning architecture
fills with wind
Wind wind Exterior laughs any
Anyway
An inner ear serenity endures
but I hear trivial talk talk to challenge us to
assess our limitations
I’ll keep the sunscreen in mind

(Julia Holter – Whether)

„Eine Kakophonie des Verstandes in einer schmelzenden Welt“ – so beschreibt Julia Holter ihre neue Platte Aviary. Diese Äußerung hilft dabei, das neue Werk – bei dem sie sich auf die Kurzgeschichte „I found myself in an aviary full of shrieking birds“ von Etel Adnan bezieht – einzuordnen und vielleicht auch besser zu verstehen. Es ist nämlich keine leichte Kost, die sie uns da vorsetzt und je weiter man in die Songs einsteigt, desto besser versteht man diese bewusste Entscheidung zur Komplexität und zur Irritation.

Aber von vorne. Turn the Light On beginnt und man ist verwirrt. Hat man die Platte versehentlich von hinten angefangen oder hat mittendrin begonnen? Nein, das soll so. Holter steigt mit einem Lied ein, das das Outro anderer Alben anderer Bands hätte sein können. Quietschige Geigen, vibrierender Gesang, der irgendwo im Hall verschwindet, grollende Drums, die den Bass verschlingen – eine Rhythmik ist nicht intuitiv spürbar und doch ist man direkt im Gewirr aus Sounds gefangen und möchte unbedingt verstehen, was hier eigentlich gerade passiert. Auch bei Whether wird es nicht gefälliger, sondern auch da wird wieder der etwas zu quäkige Sound – diesmal an der Orgel – unaufhörlich an den Song geheftet. Das bricht immer wieder im jetzt tieferen Gesang Holters und den langsam anschwellenden Klangcollagen aus dem Off.

Wer jetzt immer noch auf eine Fortsetzung ihres letzten Albums Have You In My Wilderness wartet, dürfte enttäuscht sein, denn Holter entwirft hier viel mehr eine instrumentale Wucht und zerklüftete Schönheit, die nicht unbedingt an klassisches Songwriting erinnert. Ein gutes Beispiel ist Chaitius; ein Song, der sich ganz verworren zwischen sich überlappenden Stimmen, Streichern, Orgel und vereinzelten Basselementen bewegt, bis er fast ganz verstummt und dann von einem kurz Ruck am Cello wieder aufgeweckt wird. Die Assoziation mit Björk ist damit schnell gefunden. Immer wieder ändern sich Melodie und Rhythmus, als würde hinter jeder Ecke etwas anderes warten. Nie kann man einen Song so ganz erfassen und ist bei Everyday Is An Emergency wieder bei dem eingehend erwähnten kakophonischen Klang angekommen, der sich gemein ins Gehör bohrt. Das kann man unästhetisch finden, man kann es aber auch als eben jenen künstlerischen Anspruch verstehen, die schmelzende Welt zu vertonen, auf die sie sich ja schließlich bezieht.

Aviary vereint auf sich keine Wohlfühl-Musik, es geht nicht um ein vertontes Lebensgefühl, sondern um eine komplexe Umwelt, von der man aktuell das Gefühl hat, dass sie vor die Hunde geht. So hat jedes Lied eine Art störendes Element in sich. Bei Another Dream ist es die schrille Verzerrung, die immer wieder den roten Faden erschüttert, bei Underneath the Moon sind es die Drums, die einen immer wieder in die Irre führen, dabei aber dennoch einen gewissen Groove in sich bergen, die die Musik zugänglicher wirken lassen. Durch die immer ein bisschen quer liegenden Elemente wirken die ruhigeren Songs der Platte (In Gardens‘ Muteness, Words I Heard) immer wie eine kleine Pause und vollenden so eine ambivalente Platte, die eine wilde Schönheit in sich birgt und die gleichzeitig so beeindruckend unbequem ist. Die anderthalb Stunden, die diese Songs dauern, sind ein intensiver Moment, der volle Aufmerksamkeit beansprucht. Wer sich die Zeit nimmt, taucht in eine impulsive und fesselnde Welt ein, wie sie so bisher noch niemand geschaffen hat.

Julia Holter – Aviary
VÖ: 26. Oktober 2018, Domino
www.juliaholter.com
www.facebook.com/juliashammasholter

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