AMERICAN FOOTBALL – American Football (LP3)

Sensitivity deprived
I can’t feel a thing inside
I blamed my father in my youth
Now as a father, I blame the booze
I have become uncomfortably numb

(American Footbal feat. Hayley Williams – Uncomfortably Numb)

Ein unverkennbarer Sound, zwei Alben in 20 Jahren, Kultstatus – das ist American Football, die mit American Football (LP 3) nun im 21. Jahr ihrer Bandgeschichte das langersehnte dritte Album auf Big Scary Monsters herausbringen.

Als Mike Kinsella, Steve Holmes und Steve Lamos 1998 aus ihrer vorigen fünfköpfigen Band übrigblieben, entwickelten sie im Hand umdrehen einen Sound, der das Beste aus Emo und Post-Rock zusammenbrachte und bis heute nie an Aktualität eingebüßt zu haben scheint. So gilt nicht nur ihr Songwriting als sehr einflussreich für nachfolgende Generationen von Emo bis Math-Rock (man höre die chinesische Band Chinese Football), auch ist heute immer noch das Haus auf dem Cover der ersten beiden LPs ein Pilgerort für Fans und die ganze Szene. Kaum vorzustellen, dass damals bei Erscheinen der ersten LP schon gar keine Band mehr existierte. Es folgte eine lange Pause, in der sich alle Musiker anderen ähnlichen erfolgreichen Projekten widmeten. Nach dem Erfolg der zweiten LP, die nach ihrer Wiedervereinigung vor drei Jahren erschien und sich abgesehen von dem Mehr an Gesang und Text insgesamt relativ nah an ihrem Debüt orientiert, steht nun die dritte Platte in den Regalen und es ist schon bei der ersten Singleauskopplung Silhouettes unmittelbar zu hören: American Football hat sich verändert. Das klingt im Angesicht des schwierigen dritten Albums zunächst dramatisch, doch es gibt keinen Grund zur Sorge, im Gegenteil.

American Football haben ihren Sound eben nicht gegen eine leichter zu verkaufenden Kopie eingetauscht oder sich einem neuen Genre unterworfen. Sie wachsen auf ihrer dritten LP über ihr bisheriges Schaffen hinaus. So ähnlich beschreibt das auch Frontmann Kinsella, wenn er sagt: „Beim letzten Album waren wir noch zu sehr damit beschäftigt herauszufinden, wie wir all unsere verschiedenen Arme benutzen können. Dieses Mal war es mehr ein: Okay, wir haben all diese Möglichkeiten, nutzen wir sie doch einfach.“

Was bleibt sind die gemächlichen aber prägnanten und rhythmisch anspruchsvoll verwobenen Gitarren- und Schlagzeugpattern, die sich durch jedes Stück durchziehen und den Klang der Pioniere von Beginn an so sehr prägten. Was zuvor den Großteil ausmachte, ist nun “nur” noch ein Teil von einem größeren Ganzen. Sphärische Sounds und Effekte, breitere Klangflächen und mehr Repetition ersetzen Teile der Emo-Melancholie mit der experimentellen Welt des Shoegaze. Mehr düstere wie leuchtende Klänge, die sich ausbreiten und in alle Ecken des Raumes verteilen. Tatsächlich spiegelt sich der musikalische Wandel auch visuell auf dem Cover wieder: vom erwähnten beengenden Haus einer amerikanischen Vorstadtsiedlung hin zu weiten leuchtenden Landschaften in mysteriöser Dämmerung. Es entsteht dadurch eine neue Bandbreite und Spannung, die ein drittes Album in alter Tradition vielleicht nicht mehr hätte liefern können.

Eine weitere Neuerung sind gleich mehrere Features mit Rachel Goswell von Slowdive, Hayley Williams von Paramore und Elizabeth Powell von Land Of Talk. Wenn Letztere in Every Wave To Ever Rise auf französisch in den Chorus: „J’ai mal au cœur, c’est la faute de l’amour“ eintaucht, traut man zunächst seinen Ohren kaum, so unerwartet ist diese Stimme. Auf LP1 wäre das undenkbar gewesen. Und dennoch gibt es dem Zuhörer genau das, was American Football all die Jahre zuvor auch gab: tiefe Emotionen auf sprachlich simple Weise transportiert und mit diesem guten Gefühl von musikalischer Cleverness, die ihre Signature-Rhythmik und Riffs mit sich bringen. Das Ganze jetzt mit noch mehr Potential zum Abdriften und Träumen aber deshalb nicht weniger brillant. Man bekommt beim Hören der acht Stücke schnell das Gefühl, dass hier etwas Großes entstanden ist.

American Football schafft mit LP3 was nur Wenige schaffen: Das zweite Mal einen neuen Sound zu kreieren, aufgebaut auf der Nostalgie und dem Kult der vergangenen 20 Jahre und erweitert durch ihr offenes Ohr für die spannende Musik der Zeit und ihr herausragendes Songwriting Talent. Vielleicht sind dies die Früchte der Kunst sich Zeit zu lassen. Hoffentlich tun sie dies für ihr nächstes Album diesmal nicht.

American Football – American Football (LP3)
VÖ: 22. März 2019, Big Scary Monsters
www.americanfootballmusic.com
www.facebook.com/americanfootballmusic


Christian Weining

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