Interviews

Veröffentlicht am 6.03.2019 | von Silvia Silko

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DURAND JONES & THE INDICATIONS – am Zahn der Zeit

Foto-© Rosie Cohe

Durand Jones & The Indications legen mit ihrem zweiten Werk American Love Call nach. Einen Tag nach ihrem grandiosen Konzert im Berliner Lido sprachen sie mit uns über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Durand Jones hat Stil – sein Outfit auf der Bühne des Lido erinnert an die Sapeurs des Paris der 70iger Jahre – möchte man es weniger genäselt ausdrücken, könnte man auch einfach vom Black Dandy sprechen. Die modischen Eckpfeiler sind jedenfalls dieselben: Eleganz, Haltung und Schneid. So behält Jones auch bei fortgeschrittenem Konzert und Temperaturen konsequent seine steife Strickjacke über dem weißen Hemd. Die Dancemoves und Musik Durand Jones würden jedenfalls ebenfalls in die erwähnte Ära passen – könnte also auch ein Abend im Detroit der Motown-Hochphase sein, vielleicht als Vorband in einem coolen Club, wo Marvin Gaye gleich irgendwas vom Grapevine vorsingen wird.

Aber wir sind nicht in Detroit, und wir sind nicht in den 70igern. Es ist 2019 und die Frage danach, warum die Retro-Welle noch nicht abgeebbt ist, stellt sich immer wieder. Vor allem wenn man sich Bands wie Samm Henshaw, Leon Bridges, Nathaniel Rateliff & The Night Sweats oder Michael Kiwanuka anhört. Ist die Gegenwart zu hart? Flüchten wir uns in die warmen Klänge der Vergangenheit? In einem Interview sagte Heinz Strunk sogar mal, dass diese ewige Rückgewandheit etwas extrem Kleinbügerliches hätte – der Kleinbürger, so Strunk, schaue ja so gerne zurück, weil er Neuem gegenüber skeptisch ist. Trifft das auf einen Teil der aktuellen Popkultur zu? “Ist das alles immer noch Retro? Oder ist es einfach unsere aktuelle Musik? Ich finde nicht, dass das immer noch eine Welle ist oder ein abgesondertes Phänomen,” gibt Drummer Aaron Frazer zu bedenken. “Wir wollen ja gar nicht klingen, wie die damals. Wir machen aktuelle Musik – nur lassen wir uns sicherlich von Vergangenem inspirieren.” Bandkollege Bassist Kyle Hopt führt weiter aus: “Jemand wie Mark Ronson dominiert seit Jahren die Top 40 Chartplatzierungen. Klar ist sein Sound bei Stücken mit Amy Winehouse, Bruno Mars oder mit wem er sonst arbeitet deutlich inspiriert von allem, was vorher war. Aber die Musik klingt nie rückgewandt. Es geht ums die Gegenwart!” erklärt er. Auch bei Durand Jones & The Indications geht es um das Hier und Jetzt. Im Stück Morning In America singt Jones vom ernüchternden Status Quo seines Heimatlandes. Rassismus, unüberwindbare Klassengräben, realitätsbetäubende Junkies – prägnant und kurz beschreibt Jones was er sieht, wenn er auf die USA blickt und muss feststellen “It’s morning in America, but I can’t see the dawn.” “Das Stück ist nicht per se negativ, es hat auch Hoffnung. Wir haben Hoffnung. Aber aktuell passiert einfach vieles, was einen manchmal auch ratlos zurücklässt,” erklärt Frazer. Durand Jones selbst hat auf der langen Tour in Köln seinen Ausweis im Hotel liegen gelassen. Ohne geht es aber nicht weiter Richtung Rom, wo die Band abends sein muss. Nervig für Jones. Dem Gespräch mit der Band tut dies jedoch wenig Abbruch. Die Bandmitglieder sind gleichermaßen involviert in Entstehungsprozesse und –Songwriting. Angefangen haben die Musiker noch ohne Jones. Dieser kam durch Zutun eines Uni-Professors hinzu. Man merkte, dass man gut zusammenpasst und fing an, das erste selbstbetitelte Album zu produzieren – mit Erfolg. Die neu erschienene zweite Platte wird ebenfalls allseits gefeiert. Sie hat einen definitiv ganzheitlicheren Sound, als noch das Debüt. “Ja, wir haben sehr viel stärker auf Arrangements geachtet dieses Mal. Beim Debüt haben wir uns teilweise in einzelne Drumparts oder kleine Details verliebt. Dieses Mal ging es mehr darum, dass alles aus einem Stück ist,” erzählt Hopt.

Ein schönes Vorhaben – nicht nur bezüglich des Sounds. So ist American Love Call auch inhaltlich ein Appell, ein Innehalten und ein Fürsprechen für mehr Liebe untereinander. Der bereits erwähnte Retro-Groove vom Erstling wird natürlich weiterhin beibehalten. Dabei sorgt hin und wieder Drummer Frazer durch seinen highpitched Gesang auf Stücken wie Too Many Tears für Beach Boys-Momente. Aber wie die Jungs schon richtig unterstrichen: Die Musik von Durand Jones & The Indications ist nicht gestrig. Sie ist von und für heute und für die Zukunft. Eine bessere Zukunft. “Es sind dunkle Zeiten gerade, aber es wird besser werden,” glaubt Fazer. “Wenn wir daran nicht glauben würden, würden wir nicht mit so viel Hingabe unsere Musik verbreiten.” Hingabe, die man in jeder Zeile, jedem Ton und jedem Stück spürt und die uns allen das Herz erwärmt.

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