Reviews

Veröffentlicht am 20.09.2019 | von Patricia Hölscher

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THEES UHLMANN – Junkies und Scientologen


Foto-© Ingo Pertramer

Wegen dir sind wir früher nachts durch den Nebel
schneller Rad gefahren
weil wir dachten, dass etwas hinter uns ist
mit unaussprechlichem Namen

(Thees Uhlmann – Danke für die Angst)

Gedächtnisprotokoll.

Gedanklich verzockt. Und das offenbar seit Wochen. Ich sitze versteinert vor meinem Rechner und harre der verklausulierten Lebensweisheiten, die da nicht kommen. Stattdessen erzählt und erzählt und erzählt Thees Uhlmann Geschichten. Ich mag schon keine Podcasts, was soll ich jetzt mit diesem Album anfangen. Detailreich as fuck und mit so wenig Interpretationsspielraum, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Uhlmann hat sich Zeit genommen, hat Gedanken zu Songs reifen lassen, Beobachtungen liebevoll installiert, man hört das in jeder Zeile von Junkies und Scientologen. Dieses Mal bringt er definitiv die Stories, nicht den Wein. Ich bin nur gerade dezent unsicher, was das Album von mir will und wie egoistisch man als Musikhörerin sein darf. Hallo, unerfüllte Erwartungen.

Aber die Review ist abgemacht. Powerbank einpacken, Heldenreise. Wie klingen die Songs, wenn man sich in Bewegung setzt? OK. Ich muss diese Phrase jetzt laut aussprechen und ehrlich zu mir selbst sein: Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck. Wäre das Album nicht von Thees Uhlmann und er nicht derjenige, dem ich meine musikalische Sozialisation verdanke und auch sonst viel, Mut und Geschmack und so Sachen, dann wäre es bei mir durchgefallen.

Aber glaubt hier ernsthaft jemand an Liebe auf den ersten Blick?

Ich höre das Album nochmal. Natürlich. Und weine salzige Vergangenheitstränen, als Uhlmann in Was wird aus Hannover darüber sinniert, was wäre, wenn er und das lyrische Du wie die niedersächsische Landeshauptstadt wären. Ich bekomme Heimweh. Den Begleittext von Linus Volkmann zu lesen, beruhigt kurz: „Diese Platte überwindet den filterbubbligen Tunnelblick, endlich mal wieder 16:9 – statt Insta-Story-Hochkant.“ Er hat ja Recht. Die versöhnliche digitale Metapher geht ins Herz, bleibt im Kopf. #theesforfuture? Na gut! Ich erinnere mich daran, dass ich mir gewünscht habe, dass eine bestimmte Zeile aus der ersten Singleauskopplung, die gleichzeitig der Opener des Albums ist und Fünf Jahre nicht gesungen heißt, die Maßgabe für das gesamte neue Album wird: „Ein Stift und ein Zettel und der Rest ergibt sich.“ Wunsch erfüllt, aber ich komm’ nicht ran. Bodennebel. Der Volkmannsche Begleittext wird zum Faltplan. Wo lang? Simon Frontzek und Rudi Maier, die Uhlmann für diesen Neuanfang als Produzenten wie Musiker dabei haben wollte, haben ihn gepusht, ausschließlich Stücke zu schreiben, die ihm persönlich unglaublich nah sind.“ Vielleicht bin ich überfordert? Die zweite Vorabsingle Avicii, in der Thees Uhlmann über den 2018 verstorbenen schwedischen DJ und Produzenten Tim Bergling aka Avicii singt, wirft weitere Fragen auf. Geht so eine Hommage oder ist das anmaßend? Darf man „Oman“ und „Oh, man“ als identischen Reim setzen? Sollte das nur in die Presse? Woran erkennt man Ironie? Und – wie wahr ist eigentlich die Zeile „Kunst wird nicht schlecht, nur weil das viele hören“ schon wieder? Zufällige Wiedergabe, ich skippe die Songs, in denen es um echte Menschen wie Stephen King oder Katy Perry geht. Auch wenn alles wahnsinnig (!) gut klingt, die 12 Stücke edel, zeitgeistig und mit Wehmut produziert sind, mir ist das (immer noch!) too much mit der Nähe. Aber ich habe es nicht in der Hand. Uhlmann sitzt am Steuer und fährt uns auf Junkies und Scientologen durch die Wirklichkeit. In der Mittelkonsole klappert eine Mundharmonika, auf der Rückbank sitzt eine Frau, die von einem Hip Hop Videodreh kommt und nach Hause muss. Während draußen wieder Hannover vorbeizieht und dann Berlin-Kreuzberg, wo wahrscheinlich Thees’ Tochter gerade Shirin David hört, kommen wir Hemmoor immer näher. Alltag erdet. Das Auto heißt Christine. Als ob. Thees Uhlmann ist mit seinem dritten Soloalbum bei sich angekommen. Definitiv. Und der Rest? Tränenreich in eine höheren Liga.

Der Struggle war real. Danke für die Angst!

Thees Uhlmann – Junkies und Scientologen
VÖ 20. September 2019, Grand Hotel van Cleef
www.facebook.com/theesuhlmannmusik

Thees Uhlmann Tour:
25.09. Mau Club, Rostock
26.09. Glad-House, Cottbus
27.09. Große Freiheit 36, Hamburg – ausverkauft
28.09. Lido, Berlin – ausverkauft
29.09. Ampere, München – ausverkauft
30.09. Stadtgarten, Köln – ausverkauft
07.12. Tonhalle, München
08.12. Garage, Saarbrücken
10.12. Heinrich Lades Halle, Erlangen
11.12. FZW, Dortmund
12.12. Schlachthof, Wiesbaden
13.12. LKA Longhorn, Stuttgart
14.12. Columbiahalle, Berlin
16.12. Capitol, Hannover
17.12. Große Freiheit, Hamburg
18.12. Große Freiheit, Hamburg
19.12. Lokschuppen, Bielefeld
20.12. Pier 2, Bremen
21.12. Palladium, Köln

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